Sehr geehrter Herr Schmidt!
Mein Sohn, 11 Jahre hat absolut keinen Ehrgeiz in der Schule und
auch
keine Lust, etwas daran zu ändern. Zur Vorgeschichte muss ich
sagen, das
ich 2 gescheiterte Ehen hinter mir habe und mein Sohn schon 2 x
durch
Umzüge die Schulklassen wechseln musste. Von der Grundschule
bekam er
die Empfehlung für die Hauptschule, jedoch hat er mich in langen
Gesprächen dazu gebracht, das ich ihn zur Realschule angemeldet
habe. Er
wollte mit seinen Klassenkameraden wohl mithalten. Abgesprochen
war mit
ihm, das er dann aber mehr Eigeninitiative beim Lernen zeigen
muß.
Jedoch hat er dazu keine Lust und schreibt in Deutsch und
Englisch nur
5en und 6en. Seine Hausaufgaben macht er ebenfalls
unregelmäßig. Nach
Aussprachen und Kontrolle meinerseits klappt es 2-3 Tage, aber
dann
fehlt ihm die Motivation. Er hatte auch schon in Deutsch
Nachhilfe, die
aber nur kurzfristig etwas gebracht hat. Im sonstigen Leben geht
er auch
jeder Anstrengung aus dem Weg. Sein Bruder hat trotz erheblicher
Entwicklungsverzögerung wesentlich mehr Ehrgeiz als er, aber
auch davon
läßt sich der Große nicht anspornen. Nun weiß ich nicht, ob
ich weiter
leichten Druck ausüben soll, oder einfach den Dingen ihren Lauf
lassen
soll und er seine eigenen Erfahrungen machen muß. Wenn ich mich
nicht um
seine schulischen Sachen kümmere, sehe ich die Gefahr, das er
die 5.
Klasse wiederholt oder zurück auf die Hauptschule muss. In
seinem
sonstigen Wesen ist er naturwissenschaftlichen Dingen sehr
interessiert
und aufgeschlossen und weiß sehr viel, aber eben nur die Themen
die ihn
interessieren. Dinge, zu denen er keine Lust hat, bleiben liegen.
Er ist
ein Junge, der sich sehr anpasst, versucht mir alles recht zu
machen und
sich kaum stärkeren gegenüber duchsetzen kann und will. Auch
wenn er
immer wieder von mir dazu ermutigt wird, seine eigene Meinung zu
vertreten.
Auch mit meinem 2. Sohn habe ich Probleme. Joey ist 9 Jahre alt
und seit
seiner Geburt allgemein Entwicklungsverzögert mit motorischen
Defiziten.Er bekommt seit 8 Jahren Krankengymnastik, wurde von
der
Frühförderung betreut und erhielt Behandlungen zur Förderung
seiner
Fein- und Grobmotorik. Er besuchte ein Jahr die Vorschule und
besucht
jetzt die 2. Klasse. Sein EEG ist verlangsamt und weißt auf eine
eventuell auftretende Epilepsie hin. Er hat nach Anstrengung sehr
oft
Kopfschmerzen. In seinem Wesen ist er sehr kontaktfreudig und
aufgeschlossen und wirkt auf seine Umwelt meist wie ein
Sonnenschein.
Allerdings nur solange alles nach seinem Willen geht. In
bestimmten
Situationen reagiert er mehr als aggressiv und mit sehr
beleidigenden
Worten. Da er sehr viel Kraft hat, sind ihm seine Gegner meist
unterlegen. Seine Palette reicht von Würgen, Schlagen und Treten
bis hin
zum brutalen Schupsen. Er benötigt sehr viele klare Grenzen,
aber auch
sehr viel Körperkontakt, da er seine eigenen Körpergrenzen
nicht ganz
wahrnehmen kann. Ich war nun schon so oft zu Gesprächen in der
Schule,
da er dort sehr oft durch seine Gewalt auffällt. Sein Kinder-
und
Jugendpsychologe hilft mir in dieser Situation nicht weiter, da
er der
Meinung ist, diese Vorfälle soll die Schule regeln. Jedoch kann
ich
nicht zusehen, wie er anderen Kindern mit seinen
Gewaltausbrüchen Angst
macht. Nach Gesprächen ist er manchmal einsichtig und ist auch
zu einer
Entschuldigung bereit. In seinen schulischen Leistungen ist er
spitze,
hat viel Ehrgeiz, bis auf Fächer wie Musik und Kunst. Er spielt
Fußball
sooft er kann. Von zu Hause erfährt er keinerlei Gewalt. Wie Sie
sicher
schon aus meinem ersten Mail wissen, ist auch meine 2. Ehe
gescheitert.
Dieser Mann hatte ein Kind in Joeys Alter und die beiden standen
in sehr
harter Konkurenz. Es gab jeden Tag Auseinandersetzung und
Schlägereien.
Beide Kinder wollten an erster Stelle stehen. Mein Ex-Mann hatte
rabiate
Erziehungsmethoden, allerdings nur seinem Sohn gegenüber. Nach 2
Jahren
habe ich jetzt einen Schlußstrich gezogen und seitdem ist doch
etwas
Ruhe in unsere Familie eingekehrt. Aber die machmal brutale Art
von
Joey, die er nicht erst seit meiner 2. Ehe hat, legt sich nicht
von
alleine. Jetzt habe ich einen Termin in einer Klinik für
Kinder und
Jugenpsychiatrie, weil ich keine andere Anlaufstelle gefunden
habe.
Vielleicht können sie mir noch einen Tip für weitere
Anlaufstellen
geben.
Vielen Dank für Ihre Hilfe.
Mit frdl. Grüßen, Frau H.
Liebe Frau H.,
vielen Dank für Ihre ausführliche Schilderung Ihrer Söhne und Ihrer Sorgen mit ihnen! Allerdings fällt mir auf, dass Sie über den familiären Hintergrund Ihrer Söhne recht wenig schreiben. Sie schreiben zwar über Ihren 2. Mann (offenbar der Stiefvater Ihrer Söhne?), aber gar nichts über den Vater Ihrer Söhne. Das ist sicher kein Zufall, oder? Gerade für zwei Söhne ist der leibliche Vater sehr wichtig. Bitte schreiben Sie doch noch ergänzend, wie es sich damit verhielt und verhält. Gibt es eine Beziehung Ihrer Söhne zum Vater? Wann wurden Ihre 2 Ehen jeweils geschieden, bzw. wie lange dauerten sie? Was ist der Vater für ein "Vater" und für ein Mensch? Dies alles müsste ich wissen, um Ihre Söhne besser verstehen zu können.
Mit freundlichem Gruß, Ihr Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt