| Hallo, meine Tochter (8J.) war und ist ein sehr aufgewecktes Kind. Sie hat noch zwei Brüder (3J. und 9 Mon.). Sie kam mit 5 1/2 in die Schule, auf Empfehlung von Gesundheitsamt, KiA und Schuldirektorin. Unsere Nachbarschaft fand die frühe Einschulung nicht so gut, und wir haben seitdem eine gespaltene Nachbarschaft (einige halten mit uns smal talk/ andere grüßen nicht einmal). Die Kinder riefen ihr Sachen hinterher wie : Da kommt sie häßliche L. ... In der Schule langweilte sie sich und sie sah nicht ein, etwas dafür zu tun. In der 2. Klasse langweilte sie sich immernoch, aber die Noten sporten sie an. Jetzt in der 3. Klasse ist sie ganz zufrieden und hat endlich Freundinnen auch innerhalb der Klasse gefunden. Auch mit einigen Kindern in der Nachbarschaft spielt sie jetzt wieder. Nachwievor gibt es aber auch Kinder, deren Eltern ihnen verbieten, L. auch nur zu grüßen. Da sie öfters Sachen vergaß (auch, was ich ihr sagte), black-outs hatte,... haben wir sie letztes Jahr beim KiA testen gelassen. Diagnose: ADS! Trotz der auch hier beschriebenen Hintergrundsituation. L. sollte Tabletten bekommen. Ich habe sie aber nicht gegeben, da ich ein ungutes Gefühl dabei habe. Außerdem klappte es mit ihrer Konzentration plötzlich wieder besser. Momentan sind wir aber wieder an einem Punkt, wo ich mich frage, ob sie nicht doch ADS hat. Sie ist wieder sooo aufgedreht. Wenn ich ihr was sage, hört sie nicht. Und wenn ich sauer werde, reagiert sie überrascht. Ich denke, sie ist sich ihren Handlungen gar nicht richtig bewußt. Gestern war es wieder extrem. Vielleicht war aber auch die Tagesgestaltung zu anstrengend: Schule, Fotograftermin im Kindergarten, Schuhe einkaufen, kurz essen in der Stadt, Schlüssel abholen (1 Std. Wartezeit), Bericht abholen beim HNO (für den Bruder). Als wir die Schlüssel abholten fing sie schon an, einen Stuhl unter ihrem Po hochzuheben und damit im Warte (-flur) rumzulaufen. Beim Stuhlabsetzen kam sie öfters mit den Stuhlbeinen gegen die Wand. Ich sagte ihr öfters, das sie den Stuhl stehen lassen soll. In der Schule hat sie übrigens gute Noten (2,2) und sie geht gerne in die Schule und verabredet sich auch gerne mit anderen Mädchen. mfg M |
Hallo,
vielen Dank für Ihren Brief! Wie bei sehr vielen sogenannten
ADHS-Kindern stelle ich auch bei Ihnen als Mutter wieder solch
ein erstaunlich geringes Verstehen des Seelenlebens des Kindes
fest. Dass Ihre wohl recht begabte und intelligente kleine
Tochter allein deshalb, weil sie vorzeitig eingeschult wurde, von
Nachbarn so schlecht behandelt wird, kann doch nicht sein. Das wäre
doch kein Grund. Da muss doch noch viel mehr dazu kommen, dass
ein Kind von Nachbarn so geschnitten wird. Liegt das nicht viel
an Ihrem eigenen Umgang mit den Nachbarn? Wie unruhig und
unfreundlich sind Sie selbst meistens zu Ihrer Tochter? Wie
gestresst reagieren Sie, wenn der Tagesplan so angefüllt ist und
vieles zu erledigen ist? Ich vermute, dass vieles an Ihrem Umgang
mit dem Kind liegt. Meine Empfehlung auch an Sie (wie an viele
Eltern sog. ADHS-Kinder): Überprüfen Sie bitte Ihr
Erziehungsverhalten selbstkritisch. Wenn nötig, auch mit Hilfe
einer Erziehungsberatungsstelle. Es ist aus meiner Sicht kein
"ADHS" (das es als eigenständiges, abgrenzbares Störungsbild
sowieso nicht gibt). Es ist wahrscheinlicher Ihre oft gestresste
und wenig einfühlsame Erziehung.
Vermutet
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt