| Sehr
geehrter Herr Schmidt, so spät in der Nacht stoße ich auf eine Antwort, die sie einer "Zweitfrau" gegeben haben: Anfangs würden Kinder aus erster Ehe die "schnell aufgetauchte", neue Partnerin ihres Vaters völlig ablehnen. Das schockiert und betrifft mich sehr. Nächtelang zerbreche ich mir derzeit den Kopf, wie meine Zukunft aussehen soll. Kurz die Situation: Ich bin 28, ledig, keine Kinder, mein "Freund" ist 40. Er hat drei Kinder (4 w, 11w, 13m), ist verheiratet, seine Frau weiß nichts von unserer nun schon seit zweieinhalb Jahren andauernden Liebesbeziehung. Nun möchte er Nägel mit Köpfen machen, spricht von einer gemeinsamen Zukunft. Ich versuche einen Schritt weiterzudenken, ganz für mich persönlich. Meine Frage an Sie: Kann das gutgehen? Wie "stellen" wir es am besten an, dass die Kinder irgendwann seine neue Beziehung zu mir akzeptieren? Im Falle einer Trennung würde er bei mir einziehen, nicht optimal, das weiß ich, aber nicht anders möglich. Nur nebenbei, die Wohnorte liegen nur etwa fünf Kilometer auseinander. Gerade vor seinen vorpubertierenden Kids habe ich eine Riesenangst, um ehrlich zu sein. Ich befürchte Ablehnung auf der ganzen Linie, die wiederum meinen Partner in größte Gewissenskonflikte stürzen würde. Wie vorgehen? Hätten Sie einen Rat? Ich wäre ihnen äußerst dankbar, Christine |
Liebe Christine,
vielen Dank für Ihren Brief! Wenn Ihr Partner seine Familie
verlässt, wird
das für seine Kinder ein großer Schock und ein lebenslanges
trauriges
Erlebnis sein. Er lädt also eine große Verantwortung auf sich,
d.h., er muss
sich dann auch sehr bemühen, es den Kindern so leicht wie
möglich zu machen.
Das bedeutet für Sie zunächst einmal, dass Sie für seine
Kinder längere Zeit
(mindestens ein Jahr) sehr im Hintergrund bleiben sollten. Eine
Beziehung
zwischen Ihnen und den Kindern muss ganz langsam und ohne Druck
heranwachsen, wobei die Kinder das Tempo selbst bestimmen. Daran
müssen Sie
sich anpassen. Es kann sein, dass das bei den einzelnen Kindern
unterschiedlich abläuft (die älteren Kinder bleiben oft
besonders lange
reserviert, wenn sie nicht sogar auf Dauer die Beziehung
verweigern).
Diese Einstellung sollten Sie immer haben, wenn Sie die Kinder
nicht in Konflikte
zwischen Ihnen und ihrer Mutter stürzen wollen: es bleiben immer
"seine" Kinder, es werden niemals Ihre. Bestenfalls
können Sie sehr gute
Freunde werden nach einigen Jahren. Wollen Sie selbst auch eigene
Kinder mit
Ihrem Partner? Dann wird natürlich alles noch komplizierter
(nicht zuletzt
finanziell), auch für die Kinder dann aus 1. und 2. Familie.
Ihr Partner sollte also nach seiner Trennung auf gar keinen Fall
sofort zu
Ihnen ziehen. Das wäre für alle Beteiligten (einschließlich
der Kinder) sehr
belastend. Er sollte sich eine eigene Wohnung suchen, um für
eine
Übergangszeit allein zu leben. Wenn die Kinder ihn dann besuchen
kommen (was
sehr oft sein sollte), finden sie nicht Sie vor, sondern den
Vater allein.
Das erleichtert den Kindern die Umgewöhnung. Sie selber sollten
in dieser
Zeit Ihren Partner nur ohne Kinder sehen. Sie tauchen also erst
einmal gar
nicht auf, solange, bis die Kinder die gröbsten seelischen
Scheidungsfolgen
überwunden haben (wie gesagt, wann das der Fall bei jedem der 3
Kinder sein
wird, ist unterschiedlich und wird im Wesentlichen von den
Kindern
gesteuert). Außerdem bietet dies auch Ihnen in der
Übergangszeit die
Möglichkeit, sich alles noch etwas offen zu halten und erst
einmal
abzuwarten, wie sich die Situation in der Familie Ihres Partners
entwickelt.
Sie überstürzen dann nichts. Die Probleme, die Sie derzeit
wälzen, liebe
Christine, haben Sie sich natürlich dadurch selbst gemacht, dass
Sie sich
einen Partner mit Familie ausgesucht haben. Er bringt jetzt
all seine
jetzigen und zukünftigen Familienprobleme in Ihre Beziehung als
Hypothek
mit. Sicher haben Sie sich alles gut überlegt, warum Sie solch
eine Hypothek
auf sich nehmen.
Es kann alles klappen, aber es braucht sehr viel Geduld,
Anpassungsfähigkeit
und eine tiefe Liebe zum Partner.
Alles Gute wünscht Ihnen Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt