| Lieber Herr Dr. Schmidt - ich bin per Zufall auf dieses Forum gestoßen und hoffe, daß Sie mir vielleicht einen Rat geben können: Nach der Lektüre einiger anderer Briefe bin ich auf ein Schreiben gestoßen, daß entfernt Ähnlichkeit mit meiner eigenen Situation hat - und zwar dem Abnabelungsprozeß von der eigenen Mutter. Seit ich mich erinnern kann, gab es in unserer Familie Probleme, die z.T. daher rühren, daß meine Mutter nicht nur psychisch sehr angeschlagen ist, sondern auch noch Alkoholmißbrauch betreibt. Sie trinkt im eigentlichen Sinne nicht viel, aber je nach Umstand geht es ihr entweder gut oder sie flippt völlig aus (d.h. will aus dem Fenster springen, geht auf den Partner los, benutzt unflätige Ausdrücke, etc...) Aus Angst vor diesem Verhalten bin ich schon sehr früh ausgezogen und habe auch über all die Jahre hinweg immer nur sehr sporadisch Kontakt zu meiner Mutter gehalten. Unsere Beziehung wird durch 2 Verhaltensmuster extrem stark geprägt: entweder sind wir "zu" lieb zueinander (sprich: Karten, Päckchen, kleine Geschenke, etc...) oder aber aufgrund eines Eklats stagniert der Kontakt und die Verbindung liegt auf Eis. Dazu kommt, daß meine Mutter die Angewohnheit hat, mich in regelmäßigen Anrufen emotional dadurch "runterzuholen" indem sie mir schildert, wie schlecht es ihr ginge und wie unglücklich sie sei..... Eine freie Meinungsäußerung meinerseits wird meist im Keim erstickt und endet oft genug in einer häßlichen Auseinandersetzung. Nun bin ich in meiner Entwicklung (durch Therapie, durch Selbsthilfe und mithilfe lieber Freunde) endlich an einen Punkt gelangt, wo ich mich abnabeln möchte - obwohl meine Mutter (laut Aussage ihres Partners) ständig an mich denkt, mich vermißt und sich nichts sehnlicher wünscht, als daß wir liebevollen Kontakt miteinander pflegen. Kann ich derzeit aber nicht! Ich bin überzeugt davon, daß meine Mutter mich liebt, aber es ist eine Liebe, die mir die Luft abschnürt, da sie geprägt ist von emotionalem Druck, dem ich nicht gewachsen bin. Eine Therapeutin teilte mir einmal mit, daß mein Umgang mit männlichen Partnern dasselbe Verhalten sei, daß meine Mutter bei mir anwenden würde und demzufolge meine Beziehungen auch nie sehr lange hielten, da der jeweilige Partner früher oder später das Weite gesucht hat. Ich würde ja auch gerne einen normalen Kontakt mit meiner Mutter pflegen, möchte mich aber von diesem Druck freimachen - das bedeutet, daß ich ihr klarmachen muß, daß ich für eine Weile Abstand brauche, um innerlich zur Ruhe zu kommen - wie bringe ich es ihr schonend bei, ohne daß es gleich zu einer lebenslangen Trennung kommen muß? Mit ganz lieben Grüßen, A |
Liebe A,
vielen Dank für Ihren Brief! Sie sind ja in der Erkenntnis Ihres
Problems mit Ihrer Mutter schon sehr weit gekommen, so dass wohl
nicht mehr viel fehlt, bis Sie sich innerlich wirklich befreit
haben werden vom Psychoterror, den Ihre Mutter unwillkürlich
ausübt. Aber eines sollten Sie aufgeben: Den Plan, Ihrer Mutter
etwas schonend beibringen zu wollen oder ihr etwas klar zu
machen. Dass Sie diese löblichen Absichten hegen, spricht nur
dafür, wie sehr Sie Rücksicht auf die Übergriffe Ihrer Mutter
nehmen und wie wenig Sie Ihren gesunden Egoismus pflegen gelernt
haben.
Sie müssen Ihrer Mutter gar nichts klar machen oder ihr schonend
beibringen. Denken Sie nicht mehr immer so übertrieben
rücksichtsvoll an Ihre Mutter. Denken Sie mehr an sich selbst.
Seien Sie egoistischer als bisher.
Das mag jetzt so klingen, als rate ich zur Rücksichtslosigkeit oder zur Herzlosigkeit einer liebenden Mutter gegenüber, und das auch noch so kurz vor dem Muttertag! Aber das wäre ein Missverständnis. Ihre Mutter war stattdessen bisher Ihnen gegenüber zu egoistisch, weswegen Sie zu viel Rücksicht nehmen gelernt haben und Ihren eigenen gesunden Egoismus nicht leben durften. Sich von Ihrer Mutter innerlich und äußerlich stärker zu verabschieden, kommt Ihnen deshalb immer noch ziemlich rücksichtslos vor. Dabei ist es das Natürlichste von der Welt.
Ich rate Ihnen also zu nichts anderem als zu einem gesunden, normalen Egoismus. Vergessen Sie Ihre Mutter immer mehr, melden Sie sich immer seltener bei ihr, sprechen Sie nur oberflächlich mit ihr. Wenn Ihre Mutter dies nicht versteht oder als herzlos empfindet, ist das nur ihr Problem. Darauf können Sie nun keine übertriebene Rücksicht mehr nehmen. Lassen Sie sie an Sie denken und Sie vermissen, so viel sie will. Lassen Sie dies alles ganz kühlund unbeeindruckt an sich abprallen. Wenn Ihre Mutter so mit der Zeit merkt, dass sie Sie damit nicht mehr "fangen" oder beeinflussen kann, dass Sie sozusagen schon in einer anderen (nämlich in Ihrer eigenen) Welt leben, wird sie merken, dass sich die Zeiten geändert haben und dass ihr Kind ein selbständiger Erwachsener geworden ist. Und darauf darf sie dann stolz sein.
Mit freundlichem Gruß und
alles Gute, Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt