Sehr geehrter Herr Schmidt,

ich möchte mich gerne an Sie wenden, um von Ihnen einen Rat zu bekommen.

Meine Frau und ich sind seit 8 Jahren verheiratet. Wir haben 2 gemeinsame
Kinder. Beides Mädchen, im Alter von knapp 6 Jahren und 3 Jahren. Seit vielen
Jahren funktionierte unsere Ehe nur noch um und wegen den Kindern, die Liebe
der Anfangszeit ging durch mancherlei Alltagskram immer mehr verloren. Wir
lebten uns immer mehr auseinander, viele unschöne Worte und Szenen trugen ein
übriges dazu bei. Das betrifft wohlgemerkt beide, d.h. ich will mich auf keinen
Fall hier in ein besseres Licht stellen.

Schon seit einigen Monaten hat mir meine Frau immer wieder gesagt, dass wenn
ich mit unserer Situation bzw. mit ihrer Person nicht zufrieden sei, ich mir
eben eine Andere suchen soll. Das war für mich am Anfang nie ein Thema, bis
dann eben doch eine andere Frau in mein Leben kam. Für mich gesprochen kann
ich sagen, dass meine Liebe zu meiner Frau schon lange erkaltet ist. Aus den
Äußerungen und vor allem dem Verhalten meiner Frau (z.B. seit Jahren fast kein
Wunsch mehr nach körperlicher Nähe bzw. Sex) war ich sicher, dass es bei ihr
genauso ist.

Da ich ein schlechter Lügner bin, habe ich meiner Frau schon nach ca. 2
Wochen meine Beziehung zu meiner neuen Liebe gestanden. Ich habe kein Geheimnis
daraus gemacht, dass es für mich nicht nur eine schnelle Affäre ist, sondern
dass ich mich von meiner Frau trennen möchte, jedoch aufgrund der Kinder und
der häuslichen Situation nicht sofort ausziehen werde. Meine Frau zeigte sich
überrascht, geschockt, verzweifelt und sagt nun, dass sie mich immer noch von
ganzem Herzen liebe, aber dieses über all die Jahre nie zeigen konnte (aus
welchen Gründen auch immer), es jetzt aber tun würde, wenn ich uns noch einmal
eine Chance gäbe.

Ich für meinen Teil aber sehe in einem weiteren Zusammensein keine Zukunft,
zumal auch in der Vergangenheit oft die Kinder unter unseren Streitereien
gelitten haben. Nun hat sich die Situation so zugespitzt, dass ich ohne fremde
Hilfe nicht mehr weiß, wie es weitergehen soll. Da ich in letzter Zeit auch
häufig über Nacht wegbleibe, bleibt unseren Kindern natürlich nicht verborgen,
dass etwas anders ist wie vorher. Um die Ungewissheit von den Kindern zu
nehmen, dass ihr Papa nicht wegen ihnen nicht mehr nach Hause kommt, oder sie
nicht mehr liebe, wollte ich unbedingt mit den Kindern über diese Situation
sprechen, fand aber zunächst keine passende Möglichkeit. Darüber hinaus wollte
auch meine Frau nicht, dass ich mit den Kindern darüber spreche, bzw. gar die
Kinder zu einem gemeinsamen Ausflug mit der Freundin mitnehme.

Nun ergab sich folgende Situation: meine Freundin hat mir für die Kinder
eine Videokassette mit Schneewittchen mitgegeben. Als die Ältere nun frug, woher
ich diese Kassette habe, habe ich ihnen den Namen meiner Freundin genannt,
und gesagt, dass ich bei ihr bin, wenn ich manchmal nicht zu Hause bin. Ich
habe ihnen auch gesagt, dass meine Freundin sie sehr gerne hat, und ihnen daher
auch jeweils einen Zwerg aus Window-Colour gebastelt hat. Diese habe ich
dann an ihre Kinderzimmerfenster gehängt, und mich über die strahlenden Augen
gefreut. Die Ältere wollte darauf hin gleich ein Danke-Fax an meine Freundin
schicken. Da diese jedoch kein Fax-Gerät hat habe ich meine Große gefragt, ob
sie denn gerne anrufen möchte um sich zu bedanken. Dieser Vorschlag wurde
begeistert angenommen, und wir riefen zusammen an. Anschließend habe ich den
Kindern ein Foto von ihr gezeigt.

Als nun meine Frau nach Hause kam haben die Kinder natürlich gleich die
"spaßige" Aktion vom Nachmittag mitgeteilt. Darauf hin wurde meine Frau vor den
Kindern sehr ausfällig, und sagte Dinge wie: "von solch einer Person dürft ihr
keine Filme mehr anschauen", "die Zwerge reiße ich sowieso bald wieder vom
Fenster ab", "ich will nicht, dass ihr diese Person besucht". Nachdem ich dann
mit meiner Frau alleine war, haben wir über die Situation gesprochen, bzw.
uns gegenseitig angegiftet. Sie haßt meine Freundin, weil diese in ihren Augen
ihr den Mann weggenommen hat, und jetzt auch noch versucht, sich bei den
Kindern "einzukaufen". Meine Frau will unter keinen Umständen zulassen, dass ich
die Kinder zu meiner Freundin mitnehme, bzw. dieses erst tun darf, wenn wir
rechtskräftig geschieden sind, und ich das "Recht" dazu hätte.

Ich verstehe beim besten Willen nicht, warum meine Frau nun versucht, die
Kinder gegen meine Freundin aufzuhetzen, bzw. die Kinder weiter in der
Ungewissheit lassen will. Ich selbst habe an der Reaktion der Kinder gemerkt, dass
sie unter meiner Aussage nicht gelitten haben, sondern sich freuten, und auch
jetzt wissen, dass der Papa wieder kommt, und sie von ganzem Herzen lieb hat.
Ich weiß jetzt natürlich nicht, was alles hinter meinem Rücken versucht wird,
um die Kinder zu beeinflussen. Was kann ich in dieser Situation tun, da ja
meine Frau offensichtlich weiter intrigieren will? Wie kann ich meine Kinder
schützen bzw. sie aus unseren Unstimmigkeiten heraushalten? Können Sie mir
hierzu einen Rat geben?

Vielen Dank im voraus und herzliche Grüße

Walter

Lieber Walter,
vielen Dank für Ihren Brief! Ich entnehme ihm, dass Sie entschlossen sind, sich von Ihrer Frau zu trennen und die Scheidung einzureichen. Wenn Sie sich dabei nicht ganz sicher wären, könnten Sie eine Ehetherapie versuchen, aber Sie klingen so, als sei dieser Weg für Sie nicht mehr gehbar. Oder vielleicht doch?


In dieser Situation sollten Sie Ihre Freundin vor Ihren Kindern bis auf Weiteres völlig fern halten. Dass Ihre Kinder jetzt wissen, dass Sie eine andere Frau haben, genügt den Kindern fürs Erste vollkommen. Die Kinder können ja noch überhaupt nicht begreifen, was das alles bedeutet, dass ihre Eltern plötzlich wie Feinde sind und auseinander gehen werden. Für die Kinder bricht damit die Welt vollkommen zusammen, wenn sie alles langsam begreifen. Es ist für die Kinder wirklich wie der Weltuntergang. Haben Sie das auch wirklich verantwortungsvoll bedacht?

Und Ihre Freundin sollte sich ihrerseits gegenüber den Kindern völlig zurückziehen. Das kann die Kinder nur zusätzlich verwirren und Ihre Ehefrau zusätzlich krank machen, wenn sich Ihre Freundin jetzt den Kindern in irgendeiner Weise so plump nähert. Ich verstehe Ihre Freundin überhaupt nicht, wie sie auf die wenig einfühlsame Idee kommt, Ihren Kindern diese Videokassette mitzugeben und sich so einzuschmeicheln. Das brauchen Kinder in solch einer Situation überhaupt nicht. Will Ihre Freundin denn bewusst stänkern oder geht ihr tatsächlich jedes Einfühlungsvermögen für Kinder ab? Dass Ihre Frau Ihre Freundin hasst, ist doch leicht zu verstehen, und Sie müssen das doch auch verstehen. Stellen Sie sich mal vor, Ihre Freundin hätte jetzt plötzlich einen neuen Freund! Würden Sie den lieben?

Alles ist eine Sache zwischen Ihnen und Ihrer Frau. Nur Sie beide müssen sich jetzt verständigen. Ihre Freundin muss sich völlig heraushalten. Und die Kinder sollten möglichst keine Auseinandersetzungen mehr erleben müssen. Sie sollten als Erstes Ihrer Frau freundlich, aber bestimmt, sagen, dass Sie sich trennen werden, dass Sie aber alles einvernehmlich mit ihr regeln möchten. Als Zweites sollten Sie Ihrer Frau versprechen, dass Ihre Freundin bei den Kindern mindestens das nächste halbe Jahr keine direkte Rolle spielen wird, die sie (Ihre Frau) nicht akzeptieren kann. Wenn Eltern sich trennen, sollten neue Partner der Eltern für die Kinder erst langsam und einvernehmlich mit ihren Eltern eine Rolle spielen.

Also: Ihre Frau will nicht intrigieren. Sie selber (und Ihre Freundin!) sollten es aber nicht weiter so an Feingefühl gegenüber Ihrer Frau und Ihren Kindern fehlen lassen. Dann könnte man vielleicht alles einvernehmlich regeln.
Das wünscht Ihnen Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt