Lieber Herr Schmidt !

Ich bin 42 Jahre alt und jetzt seit 3 Jahren verheiratet. Meine Frau
ist 29 Jahre.
Wir haben ein Problem, das unsere Beziehung sehr belastet.
Meine Frau moechte unbedingt Kinder bekommen, ich dagegen
moechte keine Kinder.
Bevor wir geheiratet hatten, hat meine Frau gesagt, es sei O.K.
ohne Kinder.
Nun aber bekommt halt die eine und die andere Freundin oder
Verwandte ein Kind und deshalb meint meine Frau jetzt, auch wir muessten ein Kind
bekommen.
Ich dagegen habe grosse Angst vor Kindern, deshalb habe ich
mich auch sterilisieren lassen.
Meine Frau fordert jetzt, das wieder "rueckgaengig" zu machen,
obwohl die Erfolgsaussichten fuer eine solche Operation ja
bekanntlich recht gering und die Kosten sehr hoch sind.
Dass ich so grosse Angst vor Kindern habe, haengt sicher damit
zusammen, dass ich seit meiner Kindheit unter einer Sozialphobie leide, die sich
insbesondere darin auessert, dass ich immer grosse Schwierigkeiten damit hatte und trotz
Therapien immer noch habe, mit anderen Menschen Kontakte zu pflegen.
Bei mir sind es eben generelle Schuechternheit und
Redehemmungen in allen sozialen Situationen, die mir das Leben
schwer machen.
Ich weiss dann irgendwann nicht mehr, was ich noch sagen
koennte und empfinde  Kontaktsituationen dadurch als sehr
quaelend.Jemand hat das mal sehr treffend als "Kommunikationsstress"
bezeichnet. Ich habe deshalb von Kind an immer alle Kontakte gemieden,
soweit das eben moeglich war, d.h. ich war immer ein
Einzelgaenger. Wenn ich z.B. das Nachbarskind getroffen habe, dann habe ich halt
nur "Hallo" oder "Gruess Gott" gesagt, aber mehr nicht. Ich hatte
Angst vor einem laengeren Gespraech, weil ich nicht wusste, was
ich da dann reden sollte.

Ich habe in den letzten Jahren schon so alles moegliche gemacht:
Einzel- und Gruppentherapie , VHS-Kurse zum Thema
Selbstsicherheit und Kommunikation, Selbsthilfegruppen,
Gesundheitspark (Muenchen), Gruppenreisen, Club-Urlaub und
natuerlich auch viele andere "Kontakt-Versuche".
Alles mit dem Ziel, meine Redehemmungen abzubauen.
Dabei habe ich sicher eine deutliche Verbesserung meiner
Kommunikationsfaehigkeit erreicht, aber ich muss schon zugeben,
das geht wirklich nur sehr zaeh voran.
Es hat mir alles ein Stueck weit geholfen, aber so weit, dass ich
nun Kontakte ganz locker und ungezwungen pflegen (bzw.
"durchstehen")  koennte, bin ich leider noch lange nicht.
Es ist mir z.B. schon passiert, dass man mir nach 2-stuendiger
Unterhaltung gesagt hat: "Also, Deine Eltern muessen irgendwas
falsch gemacht haben mit Dir".Das ist dann schon peinlich !

Mit dem Beruf war das auch eine sehr schwierige Sache bei mir.
Nach dem Abitur hatte ich Physik studiert. Kurz vor der Abschluss-
Pruefung kam ich aber dann zu der bitteren Einsicht, dass ich mit
meiner Schuechternheit im harten Berufsalltag eines Diplom-Physikers wohl nicht bestehen
koennte. Dort sind schliesslich Durchsetzungsvermoegen und gute
Kommunikationsfaehigkeit unabdingbare Voraussetzungen. Ich
habe das Studium dann abgebrochen.
Ich war schrecklich hoffnungslos damals und dachte, ich koennte
niemals einen Platz in dieser Gesellschaft finden. Die Bahnlinie
fuer meinen Selbstmord hatte ich schon ausgesucht. Schliesslich
dachte ich aber, fuers Einraeumen der Regale beim ALDI oder sowas sollte es wohl doch noch reichen,
vielleicht sogar fuer ein bisschen mehr...
Ich habe dann eine Ausbildung zum Physikalisch-Technischen
Assistenten gemacht. Seit 14 Jahren arbeite ich nun als Prozess-Techniker bei einer
grossen Firma.
Durch meine Schuechternheit hatte ich natuerlich auch grosse
Probleme bei der Partnersuche. Meine erste Beziehung war/ist
deshalb die mit meiner Frau. Nun zurueck zum Thema "Kinderwunsch".
Merkwuerdigerweise hatte ich noch nie den Wunsch, Kinder zu
haben ! Wenn ich andere Eltern oder Muetter mit ihren Kindern so
beobachte, dann denke ich mir eben oft: "Gott, sind Kinder nervig".
In Frage 5 hatte eine total entnervte Mutter das ja sehr anschaulich
geschildert ! Ehrlich gesagt, da frage ich mich halt dann, warum soll man sich
so etwas antun ?Ich moechte mich einfach nicht so schlecht behandeln lassen, wie
einem das mit Kindern/Jugendlichen eben passieren kann.

Wie gesagt, jemand der nicht unter Sozialphobie leidet, denkt da
wahrscheinlich ganz anders drueber. Er sagt sich vielleicht:
"Irgendwie werden wir das schon hinkriegen!".Aber diese Ueberzeugung habe ich eben leider nicht.
Koennen Sie meine Bedenken und Aengste bzgl. Kindern
verstehen ? Wie sehen Sie die Zukunft unserer Beziehung ?
Ich fuerchte, fuer eine Frau hat der Kinderwunsch eine sehr hohe
Bedeutung ! Meine Frau ist sehr traurig und boese darueber, dass ich keine
Kinder haben moechte. Sie moechte mit allen Mitteln Kinder erzwingen. Sie hat es auch
schon mit "Hungerstreik" und "Redestreik" versucht. Beim letzteren haben wir uns dann eine
Woche lang nur noch schriftlich verstaendigt. So langsam finde ich
unsere Situation irgendwie absurd.
Momentan weiss ich keinen Rat mehr, wie das noch weitergehen soll.
Was meinen Sie dazu ?

Viele Gruesse,
der "Angsthase".

Lieber Herr "Angsthase", vielen Dank für die sympathische Darstellung Ihres Problems. Wenn man Ihren Brief so liest, merkt man bei Ihnen gar nichts von Kommunikationsproblemen, im Gegenteil! Sie schreiben so einfühlsam und intelligent, dass man denkt, so wie er schreibt, spricht er sicher auch. Aber das geht wirklich nicht? Sie haben ja schon grosse Anstrengungen unternommen, um Ihr Kommunikationsproblem zu überwinden. Beim Lesen gewinne ich den paradoxen Eindruck, dass all diese Bemühungen zwar sicher Fortschritte gebracht haben, aber wohl auch die feste Überzeugung bei Ihnen, dass Ihnen nicht zu helfen sei. So klingt es bei Ihnen jedenfalls. Es klingt, als seien Sie recht streng und gnadenlos zu sich selbst, als setzten Sie sich selbst unter hohen Erfolgsdruck, obwohl Sie gleichzeitig vom Misserfolg überzeugt scheinen. Seien Sie doch nicht so streng mit sich selbst. Sie dürfen doch so sein, wie Sie sind! Sie sind doch ein sehr differenzierter, intelligenter und einfühlsamer Mensch. Andere mögen Sie für schüchtern oder kontaktgestört halten: Sollen sie doch! Was wissen Sie, was die anderen für Probleme haben! Ich kann Ihnen nur raten, stehen Sie zu Ihrer individuellen Eigenart. Versöhnen Sie sich mit Ihrer Kontaktschwierigkeit. Schauen Sie sozusagen morgens in den Spiegel, lächeln sich an und sagen mit Überzeugung: "So, jetzt gehe ich wieder los mit meiner Sozialphobie!" (das können Sie wirklich tun!). So sorgen Sie für seelische Entspannung, die beste Voraussetzung für eine kommunikative Einstellung. Was den Kinderwunsch betrifft: Natürlich ist das auf Dauer eine ernsthafte Bedrohung für Ihre Ehe, wenn Ihre Frau ein Kind, Sie aber keines wollen. Es sind aber nicht die schlechtesten Väter, die ihrer Frau ein Kind "schenken", obwohl sie selbst nicht so scharf darauf sind. Lieber Herr "Angsthase", Sie können darüber nachdenken, ob Sie Ihrer Frau ein Kind schenken möchten und dann einfach einmal optimistisch abwarten, was Sie für ein Vater werden. Vielleicht werden Sie ein viel besserer Vater, als Sie jetzt glauben? Das wäre doch schade für das ungeborene Kind, dass es dann solch einen Vater nie hätte kennenlernen können. Wenn man ein Kind hat, wird man nicht selten ein anderer Mensch. Durch ein Kind bekommen Sie zwanglose und freundliche Sozialkontakte mit anderen Eltern und Kindern. Sind Sie nicht ein bisschen stolz, dass Ihre Frau ein Kind mit Ihnen haben möchte? Natürlich können Sie sich auch weiter einreden, dass Sie ein Angsthase sind, kein Kind in die Welt setzen, vielleicht Ihre Frau  verlieren und wieder an die Bahnlinie denken... Ich (Ihre Frau, Ihr ungezeugtes Kind und Sie selber sicher auch) fände es besser, Sie gäben sich einen Ruck!

Alles Gute, Ihr Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

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