Sehr geehrter Herr Schmidt,   seit dem Spätsommer letzten Jahres bin ich mit meiner Familie aus beruflichen Gründen von Deutschand nach Südengland gezogen. Unsere älteste Tochter Sarah (vier Jahre) hat den Umzug offensichtlich nicht so verkraftet, wie wir gehofft hatten. Obwohl sie nach aussen "normale" Entwicklungstendenzen zeigt (sofern wir das beurteilen können) schläft sie seit einiger Zeit unruhig und leidet selten an schockartigen Albträumen, in denen sie scheinbar wach aber nicht ansprechbar ist und traumatische Angstzustände durchlebt (Schreien, ängstliche Blicke, Abwehrhaltung gegen Beruhigen). In der letzten Nacht hatte sie über einen Zeitraum von mehreren Stunden etwa stündlich immer denselben Angstraum, insgesamt vier bis fünf mal. Am nächsten Morgen war davon keine Rede mehr und an etwas erinnern konnte sie sich auch nicht. Befragt, ob ihr in letzter Zeit irgendetwas Angst gemacht hatte endete in einem verbalen Schulterzucken.  In einem der vielen Erziehungsbücher wird dieses Phänomen als relativ normales Ausleben von Schockerlebnisses bezeichnet, das durchaus einmal vorkommen kann und von selbst verschwindet.   Mir ist vollkommen klar, das Ihnen für eine definitive Beurteilung viel zu viele Variablen fehlen. Ich denke, wir haben ein gesundes Familienverhältnis, das in geregelten Bahnen abläuft. Sarah selbst ist eigentlich ein lebendiges Mädchen, sehr sensibel aber nach aussen robust wirkend. Etwas ungeduldig und durchaus auch mal quengelig zeigt sie eigentlich keine besonders auffälligen Symptome. Die Kernfrage, die uns beschäftigt: ist das beschriebene Phänomen "auszusitzen" oder tickt hier irgendeine Zeitbombe, die umgehend Hilfe von externen Stellen erfordert? Für eine kurze Stellungnahme wäre ich Ihnen sehr vebunden.   Mit freundlichen Grüssen   B.

Lieber Herr B., vielen Dank für Ihre Anfrage! Ganz wichtig zu wissen wäre allerdings, was Ihr Töchterchen in ihrem Angstraum geträumt hat. Bitte teilen Sie mir dies noch mit, dann kann ich Genaueres raten. Ich nehme an, Sie wissen den Trauminhalt, denn sonst würden Sie nicht schreiben, dass es in einer Nacht in stündlichem Abstand vier bis fünf Mal derselbe Traum war. Auf jeden Fall sollten Sie Ihre Tochter bei nächsten Mal richtig aufwecken (gehen Sie mit ihr ins Bad und waschen Sie ihr z.B. mit einem kalten Lappen das Gesicht, damit sie richtig hellwach wird), und erfragen behutsam den Trauminhalt. Beruhigen Sie sie dann ausführlich und warten Sie an ihrem Bett, bis sie wieder eingeschlafen ist. Wenn es mehrmals in der Nacht passiert, müssen Sie sie immer wieder hellwach machen, erzählen lassen, beruhigen, am Bett bleiben, bis sie einschläft. Wenn Sie mir ein weiteres Mal schreiben, bleibt Ihre Beratung natürlich kostenlos, denn ich selbst bitte Sie ja um eine weitere Information. Mit freundlichem Gruß, Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

Sehr geehrter Herr Schmidt,   vielen Dank für Ihre prompte Antwort und Bereitschaft zur Unterstützung. Gerne komme ich Ihrer Bitte nach und versuche, das spezielle Erlebnis detaillierter zu schildern. Am Abend vor der beschriebenen Nacht haben wir ein Gesellschaftsspiel gespielt, in dem mit einem Schminkstift Katzenhaare ins Gesicht gemalt wurden, wenn ein bestimmtes Feld übersprungen wurde (wer zuerst sechs Haare hat, verliert...). Normalerweise eine Art Spiel, für das Sarah voller Feuer ist (wir haben es zum ersten Mal gespielt). An dem fraglichen Abend war die Bereitschaft allerdings eher zurückhaltend, aber noch vorhanden. Wir haben dem keine Bedeutung beigemessen. Während der Traumphasen schien es, als würde sie sich vor den Haaren ekeln, sie schrie und verkrampfte die Finger. Auf die Katzenhaare angesprochen, nickte sie einige Male, war aber ansonsten nicht zu beruhigen. Irgendwann sagte sie auch, es sei jetzt gut, sie wolle nun zu der Mama. Auch ein "Junge" und "Berge" wurden kurz erwähnt, allerdings konnten wir keinen Bezug herstellen. Im Internet bin ich auf das Phänomen "Pavor Nocturnus" gestossen. Die beschriebenen Aspekte deckten sich meines Erachtens sehr treffend mit den Symptomen, die Sarah zeigte. Auch kämpft sie zur Zeit (wie relativ häufig) mit ihren Mandeln. Sollte es sich dabei um Pavor Nocturnus handeln, wäre ja das Aufwecken vielleicht doch nicht richtig...? Wie dem auch sei, was ich hier etwas nüchtern darzustellen versuchte hat uns extrem schockiert und auch -um ehrlich zu sein- verängstigt. Nochmals besten Dank für die Unterstützung,   mit freundlichen Grüssen,   Bernd W.

Lieber Herr W., Sie haben sicher Recht, wenn Sie an Pavor Nocturnus denken (was auch nichts anderes heißt als "nächtliche Angst"). Man weiss wissenschaftlich darüber noch nicht sehr viel, aber eines weiss man: meistens ist es etwas völlig Harmloses, was von selbst wieder verschwindet. Es scheint wohl auch familiär gehäuft aufzutreten. Also das Wichtigste für Sie ist erst einmal: Ruhe bewahren, nicht selbst in Panik geraten, gelassen bleiben. Das Kind wirkt zwar jeweils wie verrückt, aber es besteht dennoch kein wirklicher Grund zur Sorge. Meist scheint es sich übrigens um seelisch völlig gesunde Kinder zu handeln. Manche Eltern berichten, dass es geholfen habe, das Kind ins Elternbett zu holen. Andere sagen, dass Ins-Bad-gehen und Das-Gesicht-waschen geholfen habe. Ihre Trauminhalt-Schilderung hilft nicht viel weiter. Ich tippe eher auf leichte Fieberzustände im Zusammenhang mit den Mandeln, die Sie erwähnen. Bei manchen Kindern ist Fieber eine Ursache für nächtliche Angstanfälle (meine eigenen Kinder hatten jeweils grippale Infekte mit leichtem Fieber, wenn sie nachts vorübergehend pavor hatten. Das ging nach der Gesundung dann jeweils völlig weg). Vielleicht sollten Sie also zu allererst die Mandelgeschichte angehen.

Herzliche Grüße, Ihr Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

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