| Lieber Herr Schmidt, zunächst möchte ich Ihnen für Ihr Engagement danken, auf diesen Seiten Menschen mit Ihrem Rat zur Seite stehen zu wollen. Dies ist erfahrungsgemäß nicht selbstverständlich und gebührt der Anerkennung. Doch nun möchte ich Ihr Angebot annehmen und Sie um einen Rat ersuchen:Meine Frau (32) und ich (33) stehen vor der Trennung. Dies ist sicher nicht schön, ursprünglich sah "unsere Lebensplanung" auch anders aus, letztlich erscheint es uns beiden aber als die einzig akzeptable Lösung. Wir haben uns beide - jeder für sich, aber auch gemeinsam - mit dem Für und Wider, den Konsequenzen und den Zukunftsperspektiven lange beschäftigt. Das "Warum?" ist auch nicht das Thema, sondern das "Wie?". Konkret: Wie erklären wir unserem Sohn (4 Jahre), dass sich Mama und Papa trennen? Hier noch ein wenig "Background": Wir leben seit 13 Jahren zusammen. Neben ein paar kleinen Narben, die eine Beziehung für beide im Lauf der Zeit mit sich bringt, gibt es die ein oder andere größere Wunde, die nicht verheilen mag. Kurz gesagt, am Ende der Liebe ist noch so viel Restlebenszeit übrig... Immerhin haben wir es uns bewahren können, freundschaftlich und fürsorglich miteinander umzugehen. Wir gönnen uns beide den Luxus, sehr viel Zeit mit unserem Sohn zu verbringen (meine Frau studiert nebenbei, ich bin selbständig und kann mir meine Zeit weitgehend frei einteilen). Entsprechend groß ist daher auch die Bindung zu unserem Sohn. Unsere Überlegung geht in folgende Richtung: Ich suche mir eine Wohnung in der Nähe, unser Sohn bekommt quasi ein zweites Kinderzimmer und kann sich nach Möglichkeit immer aussuchen zu wem er möchte. Anfangs werden wir noch viele Dinge gemeinsam untern ehmen und dies langsam reduzieren. Wir werden versuchen, uns nicht gegeneinander ausspielen zu lassen (der kleine Engel kann teuflisch gerissen sein) und möchten ihm vermitteln, dass unsere Trennung nichts mit ihm zu tun hat, wir ihn beide sehr lieben und er uns sehr wichtig ist. So, nun meine Bitte an Sie. Hauen Sie uns verbal auf die Finger, wenn unsere Überlegungen Denkfehler aufweisen, und geben Sie uns einen Tipp, wie wir die Situation unserem Liebling erklären. Vielen Dank im Vorraus und herzliche Grüße Piet |
Lieber Piet,
vielen Dank für Ihren differenzierten Brief und Ihre
Anerkennung!
Auch wenn Sie Schuldgefühle wegen Ihrer Scheidung in Bezug auf
Ihren
kleinen Sohn haben mögen: Ich kann Ihnen wirklich nicht verbal
auf die
Finger hauen. Denn was Sie schreiben, spricht für sich. Besser
kann
man es fast nicht machen, wenn man sich trennt und ein Kind hat,
an
das man dabei denken muss. Sie brauchen Ihrem Sohn denn auch
keine
großen Erklärungen abzugeben, wenn Sie alles so realisieren,
wie Sie
planen. Sagen Sie ihm gebenenfalls, dass Mama und Papa sich jeder
eine
eigene Wohnung nehmen, weil sie auf diese Weise zufriedener sein
werden. Vielleicht versteht er dies zunächst nicht (man kann ja
auch
zufrieden sein, wenn man in derselben Wohnung lebt!), aber lassen
Sie
sich einfach nicht auf weitere Diskussionen ein. Erklären Sie
vielleicht noch, dass es z. B. besser ist, man kauft zwei Kindern
zwei
Eis (=2 Wohnungen), als dass sie sich um eines streiten müssen.
Sie
haben als Eltern einfach so entschieden, und Sie wissen, dass
dies
unter den gegebenen Verhältnissen das Beste für Ihren Sohn sein
wird.
Das genügt. Alles Weitere bringt der spätere Alltag. Wichtig
ist für
Ihren Sohn allerdings, wo sein "Hauptzuhause" sein
wird: bei der Mama
oder beim Papa. Zwei gleichwertige Zuhause wären für Ihren
kleinen
Sohn noch eine Überforderung. Er braucht einen eindeutigen
psychosozialen Schwerpunkt, eine "erste Adresse" bzw.
"Heimatadresse",
von der aus er dann zur "zweiten Adresse" ausschwärmt.
Damit ist
natürlich nicht allein die Örtlichkeit gemeint, sondern auch
die
Bezugsperson. Im Alter Ihres Sohnes ist dies aus psychologischer
Sicht
nicht zu Unrecht meistens die Mutter. Das muss aber nicht so
sein.
Wenn Ihr Sohn einmal älter ist (so etwa 10 Jahre), kann er auch
mit
zwei gleichwertigen "Heimatadressen" gut umgehen, aber
jetzt ist er
dazu noch zu klein. Ich würde ihm also derzeit noch nicht die
Entscheidung überlassen, wo er jeweils seinen Schwerpunkt nimmt.
Das
müssen Sie als Eltern in seinem und Ihrem Interesse entscheiden,
nicht
er.
Ansonsten muss man sich um Ihren Sohn keine allzu großen Sorgen
machen, wenn alles einigermaßen so läuft, wie Sie planen.
Mit freundlichen Grüßen, Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt