Werter Herr Schmidt,

ich bin ausgebildete Erzieherin und arbeite als Lehrerin in einer
Schule für geistig behinderte Kinder. Und trotzdem bekomme ich
ein eher pädagogisches Problem in meiner eigenen Familie einfach
nicht in Griff.
Bevor ich zu meinem eigentlichen Problem komme, möchte ich
noch etwas anderes vorausschicken.
Im Internet und auch in anderen Medien bieten sich viele angebliche
Fachleute für Beratungen an. Wenn man sich dann aber die klugen
Ratschläge näher betrachtet, kann ich mir oft nicht vorstellen, dass
diese jemandem helfen könnten.
Ich habe Ihre Antworten auf Probleme anderer zufällig aus
beruflichem Interesse gelesen und bin sicher, Sie verstehen Ihr
Fach.
Nun zu meiner Situation:
Wir sind eine glückliche Familie (seit 4 Jahren
Lebensgemeinschaft ) mit zwei gesunden, intelligenten und
verhaltensunauffälligen Kindern. Meine 10-jährige Tochter, mit der
ich zuvor allein lebte, besucht seit diesem Schuljahr ein
Gymnasium. Auch im ersten Monat an der neuen Schule
brachte sie gute bis sehr gute Noten nach Hause, so dass wir die
Wahl dieser Schulart noch nicht bereuen. Und unser  3-jähriger
gemeinsamer Sohn geht in einen Kindergarten. Zu Hause bestimmt
er meist das Geschehen, so dass unsere Tochter oft zu kurz
kommt. Sie beschwert sich aber deswegen nur selten und
beschäftigt sich oft mit ihrem kleinen
Bruder. Mein Partner ist zu beiden Kindern ein lieber Papa. Er hat
sein eigenes Büro zu Hause und ist damit fast immer bei der
Familie.
Im Frühjahr bezogen wir unser eigenes Heim, wobei sich für die
Kinder nichts wesentlich änderte. Sie hatten beide schon in der
Mietwohnung ihr eigenes Zimmer.
Und da klemmt's ! Unsere Tochter war und ist nicht in der Lage, ihr
Zimmer in Ordnung zu halten bzw. ihr Chaos allein aufzuräumen.
Und wenn ich Chaos sage, dann ist das noch untertrieben. Da
lagern angebissene Äpfel neben schmutzigen Socken zwischen
Heften und Busfahrscheinen, Zirkeln, Nadeln ... Alles muss
gesammelt werden. Plaste- oder Papphüllen von Spielen sind
zertreten und zersplittert, werden aber trotzdem nicht
weggeworfen. Ihr Schreibtisch, der Fußboden, das Bett - alles ist
zugemüllt. Das was sich da ansammelt, ist nicht nur hygienisch
bedenklich, sondern auch gefährlich für ihren kleinen Bruder und für
sie selbst.
Hin und wieder mache ich mit ihr eine Aufräum-Aktion. Diese
Aktionen sehen dann so aus, dass wir gemeinsam alles in die
Zimmermitte räumen, was nicht an seinem Platz ist und dann
entrümpeln und einsortieren. Und
glauben Sie mir, alles hat seinen Platz ! Sie ist einfach nur zu
bequem, alles was sie benutzt hat, gleich wieder zurückzuräumen.
Zwar scheint sie sich an ihrer Unordnung selbst nicht zu stören,
aber nach so einem Aufräumtag ist sie richtig froh und bedankt
sich bei mir für die Hilfe.
Aber sie braucht nur wenige Stunden und alles fängt von vorne an.
Ich erwarte von ihr täglich ein äußerlich ordentliches Zimmer und bin
auch bestimmt nicht penibel.  Ich schicke sie also jeden Tag in ihr
Zimmer zum Aufräumen, sie verschwindet  zwar darin für Stunden,
aber es passiert nichts. Auch dann nicht, wenn ich in Abständen
kontrolliere oder die Zeit stoppe, sie bestrafe, sie motiviere oder
unter Druck setze oder ihr attraktive Unternehmungen ( Baden
fahren z. B.) in Aussicht stelle. Sie kann es einfach nicht allein.
Aber würde ich ihr jeden Tag das Zimmer aufräumen, dann nehme
ich ihr zwar die Arbeit ab, aber das Problem bleibt, oder !?
Das Schlimme ist, dadurch hat sie kaum Freizeit und kommt mit
ihren anderen Aufgaben (Zwergkaninchen versorgen,
Abendbrottisch decken) unter Zeitdruck. Ständig muss sie mein
Genörgel aushalten, dabei will ich doch
gar nicht nur meckern. Die Unordnung setzt sich in ihren
Schulsachen fort und bestimmt auch irgendwann in ihren
Leistungen.
All unseren Bekannten, die Kinder in dem Alter haben, geht es wohl
genauso. Aber einfach abwarten, bis das schwierige Alter vorüber
ist,will ich einfach nicht. Noch lässt sie sich von uns was sagen,
aber irgendwann haben wir auf ihre Entwicklung keinen Einfluss
mehr.
Wie kann ich meiner Tochter jetzt noch helfen, das Aufräumen zu
erlernen, sich die Zeit einzuteilen, Ordnung über längere Zeit zu
halten?
Oder habe ich irgendeinen Denkfehler ?
Ich beachte sicher jeden hilfreichen Tipp.

Vielen Dank im Voraus schickt Ihnen
            Frau S.


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Liebe Frau S.,
haben Sie vielen Dank für die anschauliche Schilderung Ihres Problems mit
Ihrer kleinen Tochter! Wenn ich Ihre Angaben richtig verstehe, so ist Ihre
Tochter nichtehelich geboren und bei Ihnen als alleinerziehender Mutter die
ersten 6 Lebensjahre aufgewachsen. Dann trat Ihr Lebenspartner hinzu und
seit 3 Jahren gibt es den kleinen Sohn. Offen bleibt, ob und mit welcher
Qualität Ihre Tochter eine Beziehung zu ihrem leiblichen Vater aufbauen
konnte und noch pflegen kann. Offen bleibt, welche Gründe und Auswirkungen
auf Ihre Familie es haben mag, dass Sie bisher keinen der Väter Ihrer Kinder
geheiratet haben. Liegt dem eine Bindungsunsicherheit zugrunde? Oder
bedeutet es gar nichts? Welche Erfahrungen mit festen Dauerbeziehungen haben
Sie als Kind in Ihrer Herkunftsfamilie selbst gemacht? Wenn Ihre Tochter
keine Vaterbeziehung aufbauen konnte, hat sie mit einer ganz wichtiger
Dauerbeziehung natürlich schon eine große Enttäuschung und Verunsicherung
erlebt.
Ich vermute bei Ihrer Tochter eine Aggressionshemmung. Das Problem mit dem
Aufräumen wirkt ausgeprägter als das bei Kindern sonst übliche
Aufräumproblem und drückt aus meiner Sicht einen passiv-depressiven
Widerstand bzw. eine Verweigerung  gegen irgendetwas im Familienleben aus,
gegen das sie nicht offen protestieren kann. Als erstes denkt man natürlich
an den kleinen Bruder, der zu Hause das Geschehen bestimmen darf, so dass
die Tochter zu kurz kommt. Dann die Frage mit dem eigenen Vater (der kleine
Bruder hat ja einen ganz Lieben). Dann die Frage der jetzigen Familie: Passe
ich als Tochter da überhaupt hinein? Ich komme ja aus einer anderen
(unglücklichen?)Familie. Hat meine Mutter sich ein anderes Kind von einem
anderen Vater angeschafft, weil sie mich nicht lieb hat? Haben die Eltern
den Halbbruder nicht überhaupt viel lieber als mich? Besonders mein jetziger
Vater: ich bin ja gar nicht sein Kind. Der Bruder aber!
Dies alles und noch viel mehr mag Ihre Tochter beunruhigen und dazu bringen,
Sie einen Preis zahlen zu lassen für alles. Der Preis besteht darin, dass
Sie aufräumen sollen, was Sie (im Familienleben) in Unordnung gebracht
haben. So wie im Zimmer sieht es möglicherweise in Ihrer Tochter aus:
unaufgeräumt.
Wenn Sie, liebe Frau S., mit diesen Vermutungen allein nicht weiterkommen,
sollten Sie Ihre regionale Erziehungs- und Familienberatungsstelle
aufsuchen. Dort können Sie kostenfrei und fachlich qualifiziert ausführlich
diese Zusammenhänge reflektieren und im Rahmen einer Familienberatung bzw.
Familientherapie unter Einbeziehung Ihrer Tochter (auch Kinderpsychotherapie
ist dort kostenlos erhältlich) tiefergehend aufarbeiten. Aber vielleicht
kommen Sie ja auch ohne eine solche Konsultation in Ihrer Familie weiter.
Das wünscht Ihnen, Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt
Achtung: Bitte melden Sie nach einiger Zeit zurück, wie Sie diese Beratung
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