| Lieber Herr
Dr. Schmidt, Durch stöbern im Internet kam ich zur Psychometrix website, die ich für eine ausgezeichnete Idee halte! Ich hoffe, dass Sie auch mir zu ein wenig Klarheit verhelfen können. Ich habe ein Problem, dass vielleicht alltäglich wirkt, aber ein paar kniffelige "Extras" beinhaltet. Mein Mann und ich sind beide um die 40 (er ist ein paar Jahre jünger). Wir haben eine fünfjährige Tochter und beruflich haben beide sehr verantwortungsvolle Stellen. Mein Mann wollte sehr, dass wir Kinder haben - ich hatte eher ein wenig Angst davor, da ich nachteile in der Karriere fürchtete. Als ich dann glücklich im 5. Monat schwanger - ich war damals arbeitslos, hatte aber die nächste Stelle in Aussicht - sagte mir mein Mann, dass er nicht weis, ob er mich liebt, und dass es ein Fehler gewesen wäre, zu mir zu ziehen, da er seine Jugendzeit der Freiheit nie so richtig erlebt hatte. Das konnte ich nachvollziehen; nicht, weil er zu mir gezogen war, sondern weil er seine ganze Jugend lang nur von einer Studienmaßnahme zur nächsten gezogen war, und weil er nur für die Arbeit lebte. Ich war durch seine Worte tief verletzt, er blieb aber bei mir. Das erste Jahr nach der Geburt meiner Tochter war ich zu Hause und sehr glücklich mit der Kleinen. Meine Stelle nahm mich dann ins Ausland als unser Kind ein Jahr alt war. Ich sagte, er solle doch ein oder zwei Erziehungsjahre in Anspruch nehmen und mitkommen. Er wollte aber nicht mit, da er Angst um seine Stelle hatte. So lebten wir in zwei Städten - ich war ca. 4 Monate im Jahr in Deutschland, und er kam zweimal im Jahr zu uns. Meine Tochter blieb mit mir und ging in den Kindergarten. Sie war und ist ein sehr fröhliches Kind, ohne Auffälligkeiten. Das erste Jahr im Ausland war für mich sehr hart. Ich war alleine und musste den Umzug, die Arbeit und die Kindererziehung alleine bewältigen. Mein Mann war auch sehr deprimiert. Nach ein paar Monaten klang er so verzweifelt, dass ich kurz davor war, die Stelle wieder aufzugeben, und wieder nach Deutschland zu ziehen. (Dies hätte allerdings die sichere Arbeitslosigkeit für mich bedeutet, da meine Branche große Schwierigkeiten durchmacht.) Als ich dann wieder einige Monate in Deutschland war, beichtete mir mein Mann, dass er eine Beziehung zu einer sehr jungen Studentin hatte, die er nun liebe. (Seine genauen Worte: "So eine Freundin wollte ich schon immer.") Ich war schockiert - schon deshalb, weil diese junge Frau sehr unreif und naiv wirkte, doch mein Mann sie als "so alt wir er" sah. Und auch deshalb, weil sie offensichtlich aus konservativem und begütertem Elternhaus kam, was vielleicht ein Grund Ihrer Begehrenswertigkeit war. Ich sagte meinem Mann klar, dass er sich entscheiden müsse. Seine Freunde hatten ihm ohne Ausnahme geraten, nicht eine so junge Frau zur Freundin zu machen. Er blieb dann doch bei der Familie. Die Situation hat sich inzwischen stabilisiert, doch bleiben einige Problembereiche. Mein Mann scheut Konflikte, und will nie über Probleme sprechen. Wenn ich nicht in Deutschland bin, sagt er, er möchte am Telefon keine Probleme besprechen. Bin ich in Deutschland, hat er andere Ausreden - zu müde, zu viel Stress gehabt auf der Arbeit usw. Meine berufliche Aussichten in Deutschland sind weiterhin schlecht, obwohl ich die Stellenanzeigen regelmäßig durchforste. Er will weiterhin nicht umziehen. Er ist mit der getrennten Wohnsituation sehr unzufrieden und möchte, dass ich wieder nach Hause ziehe, aber ich möchte nicht meine Karriere und finanzielle Sicherheit aufgeben und dann von ihm hören, dass er mich nun doch nicht liebt und sich anders orientieren will. Ich glaube, er will alles ganz bequem haben - er will nicht umziehen, will keine neue Stelle suchen und will nicht die alte Wohnung aufgeben. Er will mir auch keine wirkliche Sicherheit bieten. Wenn ich die Situation umdrehe, so würde auch niemand von einem Mann verlangen, dass er seine Karriere in einer solchen Situation aufgibt! Obwohl ich mich im Ausland inzwischen ganz gut zurechtgefunden habe, möchte ein "normales" Familienleben und einen Partner, mit dem ich täglich zusammenleben kann. Ich bin jedoch in der Suche nach dieser Situation recht frustriert. Ich habe das Gefühl, dass entweder ich alle "Kompromisse" machen muss, oder ich weiterhin so lebe wie jetzt. Neulich sagte mir mein Mann, dass wir darüber reden müssen, wie es weiter geht. Wenn es aber dazu kommen soll, blockiert er wieder das Gespräch. Haben Sie eine Idee, wie ich die Situation angehen soll? Besten Dank. |
Hallo,
vielen Dank für Ihren Brief! Sie haben zunächst einmal ein
heute recht häufiges Familienproblem: Die Vereinbarkeit von
Familie und Beruf (Karriere). Das ist immer recht schwierig und
verlangt leider immer noch Verzicht, zumindest vorübergehend, in
höheren beruflichen Karrieren aber auch Karriereknicke oder -ende.
Wer von beiden Partnern diesen Verzicht leistet, muss
einvernehmlich geregelt werden. Meist ist es die Frau, die ihrem
Kind und dem Familienleben zuliebe diese Karriere-Verzichtleistung
erbringt. Nicht alle Frauen sind darüber dauerhaft frustriert,
einige allerdings schon.
In Ihrem Fall kommt allerdings, wie Sie selber eingangs sagen, zu diesem eher alltäglichen Grundproblem ein besonderes "Extra" hinzu: Ihr Mann! So, wie Sie ihn beschreiben, macht er einen wenig flexiblen und belastbaren Eindruck. Er wirkt, etwas überspitzt formuliert, eher wie Ihr ältestes Kind. Mit einer Powerfrau wie Ihnen hat er wohl so seine Probleme. Denn sonst könnte er doch mit Ihnen ins Ausland ziehen und dort eine neue Karriere zumindest versuchen. Ich weiß zwar nicht, in welcher Branche mit welchen Auslands-Chancen er tätig ist. Aber warum nicht wagen? Warum so etwas nicht gemeinsam planen? So wie Sie es darstellen, folgt er Ihnen aber nicht wegen schlechter Berufsaussichten nicht ins Ausland, sondern aus Gründen, die wohl eher in seiner Person bzw. Biografie wurzeln. Vielleicht wäre er ja tatsächlich besser bedient mit so einer Frau wie dieser Studentin, von der ihm allerdings dann alle abgeraten haben.
Sie sollten aus meiner Sicht ernsthaft entscheiden, wie Sie weiter leben wollen. Es geht Ihnen ja um eine glücklichere Partnerschaft und ein erfüllteres Familienleben. Sie müssen sich ganz klar machen, ob das mit Ihrem Mann noch erreichbar sein wird. Wenn er Ihnen im Gespräch immer wieder ausweicht, dann schreiben Sie ihm doch aus dem Ausland mal einen freundlichen Brief (keine E-mail: ein handgeschriebener Brief wirkt viel ernsthafter), in dem Sie ihm darstellen, was Sie sich in Zukunft wünschen und dass Sie ihn fragen, ob und wie er sich seinerseits das in Zukunft vorstellen kann. Bringen Sie zum Ausdruck, dass Sie den gegenwärtigen Zustand beenden möchten, mit oder ohne ihn. Er hat es dann in der Hand, sich zu entscheiden und seinerseits für klar Schiff zu sorgen. Vielleicht entspannt sich sogar ein Briefwechsel zwischen Ihnen beiden. Wenn Ehepaare so weit getrennt leben, können solche ganz altmodischen Briefe wie eine Ehetherapie sein. Man muss nur freundlich bleiben und sich nicht beschimpfen.
Ich hoffe, Ihr
Mann erkennt dann den Ernst der Lage und entscheidet sich, zu
Ihnen und seinem Kind ins Ausland zu ziehen. Wenn er das nicht
wagt, haben Sie die Qual (?) der Wahl: Weiter wie bisher, oder
Ende der Ehe und Aufbruch zu neuen Ufern...
Ich wünsche Ihnen, Ihrem Mann, Ihrer Tochter und Ihrem Wunsch
nach einer glücklichen Verbindung von Beruf und Familie (wie
auch immer diese einmal zusammengesetzt sein mag) alles Gute!
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt