Ich bin fast 39 Jahre und seid 16 Jahren mit meinem Mann
verheiratet (20 Jahre leben wir zusammen). Wir haben 2
gemeinsame Kinder, Mädchen, 15 + 13 Jahre alt.
Ich habe meinen Mann seinerzeit geliebt, ganz aufrichtig. Aber er
kommt aus einer sehr sozial schwachen Familie in der ihm nicht
viel Liebe und Zuneigung entgegengebracht wurde. Vielleicht liebt
er mich u.a. auch deswegen immer noch so sehr und aufrichtig,
was mich eigentlich glücklich machen sollte,
aber es ist ganz und gar nicht so.
Er hat wohl meine Sensibilität nie richtig erkannt und vieles
abgefordert, was mich seelisch sehr belastet hat. Habe aber selbst
nie den Mut gefunden, mal so richtig meine Meinung zu sagen.
Und dazu kommt noch, dass ich mich verändert habe in den
Jahren. Er ist so wie er immer war, es aber auch für mich schon
immer Versuche gegeben hat, gewisse Dinge an ihm zu ändern,
was nicht geglückt ist, i.S. Hygiene (sehr sparsam im Umgang mit
Wasser, Seife u. Deo; und die, die "zuviel" duschen und
Deo benutzen, waren immer Machos), Alkohol (bei Problemen oder
Ärger war Alkohol immer ein guter Freund (selbst meine Bitten, in
diesen Situationen doch bitte kein Fahrzeug mehr selbst zu fahren,
blieben erfolglos) und die Bereitschaft aktiv an der Kindererziehung
teilzunehmen (finanziell ein Gönner aber keine Beschäftigung mit
den Kindern, angefangen beim Spielen, später Gesellschaftsspiele
oder die Bereitschaft zu Fahrdiensten. Auch bei Terminen
meinerseits musste ich dafür Sorge tragen, die Kinder
unterzubringen bzw. Kindermädchen zu beauftragen). Gern hat er
mich hochaktiv gesehen, bei den Umbauarbeiten (habe wirklich
unermüdlich auch schwere Arbeiten gemacht),
Garten, Haushalt etc..
Ich bin zwar nie geschlagen worden, aber wenn er genervt, wütend
oder voller Probleme war (fast nie privat), war sein Verhalten sehr
energisch. Seine Launen je nach gutem oder schlechtem
Tagesverlauf habe ich so hingenommen und war darauf programiert.
In solchen Situationen  habe ich die Kinder in Ihre Zimmer
verwiesen, Besuche von Freunden von uns  und den Kindern
abgewiesen bzw. abgelehnt, hab noch mehr gewirkt und gearbeitet,
als wäre ich an seinem Zustand schuld, was wohl die Ausnahme
war. Habe dann geputzt, gebuddelt usw., um damit alles
auszugleichen. Ich bekomme noch  heute Herzklopfen, wenn ich
an all diese Situationen denke. Wenn es bei ihm sehr heftig war,
hat er sich einfach ins Bett gelegt und geschlafen. Und wenn ich
aus fachlichen Gründen auf den Baustellen nicht helfen konnte und
ihn bat, doch bitte aufzustehen und seinen Arbeitern weiter zu
helfen und später bat es in Zukunft zu unterlassen, hat das nicht
gefruchtet. Hinterher kamen für all diese Dinge Entschuldigungen,
aber geändert hat sich nie etwas. Sobald er etwas wollte
oder auch nicht, musste es so sein, da konnte ich reden und
bitten, vergebens.
Der Gegensatz war dann gegeben, wenn geschäftlich alles gut lief
oder sogar mal besonders gut. Dann war zuhause
Narrenfreiheitangesagt und er war supergut drauf.
Das und viele andere Kleinigkeiten haben jedenfalls im Laufe der
Zeit dazu geführt, dass ich mich von Ihm entfernt habe. Selbst
verlassen wollte ich Ihn zwischendurch schon, die Tasche war
schon gepackt, doch dann hab ich an die Arbeit und die Kinder
gedacht und bin immer wieder geblieben.
Doch seit 1 Jahr sind wir nicht mehr selbstständig und jeder hat
seinen Job.
Seit dieser Zeit habe ich daran gearbeitet, meinen Mann zu
verlassen. Vor ca. 3 Monaten habe ich ihm und den Kindern
gesagt, was ich vor habe. Seid der Zeit Diskusionen ohne Ende. Er
will mich nicht verlieren, versteht meine Gründe nicht und  hat
angeblich nie gemerkt, dass ich das so empfunden und
gesehen habe. Er will unbedingt eine Chance, weil er nie eine
bekommen hätte.
Aber das sehe ich anders. Auch wenn man nicht schreit oder die
Koffer packt, sollten tsd.-mal wiederholte Bitten und Anliegen doch
auch mal Gehör bekommen.
Ich selbst empfinde nichts mehr für meinen Mann, außer Mitleid
und die beklemmende Tatsache, dass wir das Haus, an dem wir
wirklich viel gearbeitet haben, bei einer Scheidung nicht halten
können und somit auch die Kinder ihre geliebten tollen Zimmer
verlieren. Ich habe keinen Bedarf an Zärtlichkeiten von Ihm,
jeglicher Art. Selbst zu der Zeit, als noch Zärtlichkeiten
ausgetauscht wurden, habe ich es nur gemacht, um ihn bei Laune
zu halten, jedoch nicht aus eigenen Beweggründen.
Nun hab ich zu allem Übel noch einen Mann kennen gelernt und
eine noch lockere Beziehung. Das hat mein Mann herausgefunden
und begründet ausschließlich, auch den Kindern gegenüber,
meinen Scheidungswille läge an diesem Mann. Das ist aber nicht
so. Zwar sind meine Gefühle zu diesem Mann sehr groß, er tut mir
gut und in seiner Nähe fühl ich mich wohl. Sogar Lust
auf Sex hab ich und jede Streicheleinheit genieße ich, aber ich
habe keine Zukunftspläne mit ihm. Was sich daraus evtl. ergeben
könnte steht in den Sternen und ist für mich absolut
nebensächlich. Ich möchte meine "Ruhe".
Möchte keine Launen "anderer" mehr leben sondern meine eigenen
Launen. Möchte Filme und Berichte im Fernsehen sehen können,
ohne abfälliger Kommentare oder Bemerkungen. Egal ob es um
ernsthafte Themen, Klatsch oder nicht realistischer Sendungen.
Möchte die Menschen genießen können, an denen MIR
was liegt (wie meine Eltern, Schwester, Nichten u. Neffen,Freunde,
Leute eben, die er nie richtig mochte und es auch zu gegebener
Zeit zeigte) und nie mehr Angst haben mögen. Angst, die ich oft
gehabt habe, weil ich nie wusste, wie er im nächsten Moment auf
diese oder jene Situation reagierte. Es ist jetzt einfach nur
lächerlich für mich wenn ich darüber nachdenke, dass ich
z.B. für einige Tage Kontoauszüge verschwiegen habe, weil ein
Betrag noch nicht eingegangen war, nur um keinen Stress mit ihm
zu bekommen. Tausend Dinge habe ich aus diesem Gefühl
gemacht oder nicht und eben verschwiegen.
Auch möchte ich sein Verhalten nicht Dritten gegenüber
entschuldigen oder sonst was.
Ich will einfach nicht mehr!!!
Er glaubt jedoch, dass das doch jetzt alles vorbei ist und wir einen
Neuanfang wagen sollten. Er glaubt daran, dass alles wieder gut
werden kann.
Allein der Gedanke daran, dort zu bleiben, wo ich eigentlich nicht
mehr sein will, schnürt mir die Kehle zu und verursacht
Herzklopfen. Auch wenn er sich in der letzten Zeit zum Vorteil
verändert hat. Mein Faß ist ganz einfach übergelaufen und außer
Mitleid empfinde ich nur noch Haß.
Diese unermüdlichen Versuche von Ihm, unsere Ehe aufrecht zu
halten und Versprechungen, in Zukunft mehr auf mich einzugehen,
sind riesig aber gleichzeitig fühle ich mich unendlich bedrängt.
Alle Situationen, die in solchen Fällen vorkommen, haben wir in
den letzten Wochen durchgespielt,
von ruhige Unterhaltung, Entschuldigungen
seinerseits,aufbrausender Art, Rausschmiß, Abwelzung des
Scheidungsgrundes auf diesen Mann, Behauptungen ich
sei durchgedreht, verantwortungslos, egoistisch, eine Schlampe,
keine Mutter (bin nicht in der Lage die Kinder zu erziehen) und
dann wieder die Bitte um einen Neuversuch weil er mich doch so
liebt und ich doch auch Verantwortung habe. Meine Nerven liegen
blank und bin einfach leer. Meine Energien sind weg. Zuhause
schaff ich gerade noch das Nötigste und auf der Arbeit könnte
auch alles besser laufen.  Allerdings geht es meinem Mann auch
nicht viel anders. Diese Situation ist unerträglich. Er versucht mich
zu halten, bittet 10 Mal um eine Entscheidung meinerseits (ob
Neuversuch oder der andere Mann) und wenn ich dann sage ich will
die Scheidung, entgültig, geht die Diskusion und alles andere
wieder von vorne los.
Was soll ich machen. Die Zeit drängt, da wir einen Käufer für das
Haus habenund wir uns bis KW 4 entscheiden müssen. Können
Sie mein Verhalten verstehen?
Wie sehen Sie die Lage?

Bitten antworten Sie mir schnellstmöglich.

Vielen Dank im voraus.

Liebe Frau,
vielen Dank für die wirklich beeindruckende Schilderung Ihrer
Familiensituation! Es scheint eindeutig zu sein: Ihre Batterie ist
derzeit leer! Ihr "Ehe-Fass" ist übergelaufen, daran gibt es wohl
keinen Zweifel. Sie brauchen eine Pause, Abstand, Selbstfindung,
innere Ruhe. Sie befinden sich wahrscheinlich an einem entscheidenden
Punkt Ihres Lebens, an dem Sie entscheiden müssen, wie es weitergehen
könnte, ob Ihre Ehe eine Zukunft hat oder nicht.
Nur: Dabei sollten Sie sich nicht unnötig unter Druck setzen, schon
gar nicht unter Druck wegen des Hausverkaufs. Solch eine Entscheidung
braucht Zeit und Abstand. Vor allem auch, weil Ihre beiden Töchter
verlangen können, dass Sie sich alles sehr gut überlegt haben und
nicht nur aus totalem Frust heraus alles wegschmeissen. Schieben Sie
den Hausverkauf noch auf, bis Sie sich sicher sind.
Eine Trennung von Ihrem Mann im Sinne einer schöpferischen Pause
scheint aber angesagt. Dass Sie jetzt nicht gleich zu Ihrem Liebhaber
"überlaufen", spricht für Ihre Stärke und dafür, dass Ihnen selbst
klar ist, dass jetzt keine neue Partnerschaft angesagt ist, sondern,
wie bereits gesagt, Ihre Selbstfindung, Ihre innere Ruhe, aus der
heraus Sie Ihr weiteres Leben (und das Ihrer Kinder) planen können.
Können Sie mit Ihrem Mann solch eine schöpferische Pause, solch eine
vorläufige Trennung vereinbaren? Könnten Sie ihm klarmachen, dass eine
vorläufige Trennung Ihnen beiden Klarheit verschaffen könnte, ob Ihre
Ehe eine Zukunft hat? Dass sie die Chance für einen Neuanfang bieten
könnte (oder die Klarheit darüber, sich endgültig zu trennen)? Wenn
ja, wäre das für Ihre Kinder günstig, wenn Ihr Mann auszieht, nicht
Sie mit den Kindern. Für Ihren Mann fände sich auch eine
kostengünstigere Wohnlösung, als für Sie und Ihre beiden Töchter.
Sie sehen also, dass ich Ihnen außer den beiden Wegen, die Sie derzeit
sehen (entweder weiter wie bisher oder Scheidung) eine Zwischenlösung
vorschlagen möchte: Trennung "bis auf Weiteres" im Sinne einer
Ehepause, in der man sich finden, orientieren und schließlich
entscheiden kann. Ein Auszug Ihres Mannes bei dieser Zwischenlösung
wäre am besten für die Kinder (sie verlieren nicht ihre gewohnte
Wohnung und die tollen Zimmer). Und dann warten Sie ab, wie sich alles
weiter  entwickelt. Entweder man lebt sich endgültig auseinander, oder
man findet doch noch einmal wieder zusammen.
Alles Gute für Sie und Ihre Familie, Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

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