| Sehr
geehrter Herr Schmidt Ich wende mich heute erstmals an einen Kinderpsychologen ,weil ich bisher immer glaubte mein Sohn hätte eine von diesen "sogenannten Phasen" ,die jedes Kind irgendwann in verschiedensten Ausmaßen durchmacht. Nur leider sehe und fühle ich bei meinem Sohn keine Besserung, eher im Gegenteil, manchmal denke ich es wird immer schlimmer. Ich möchte versuchen Ihnen die Situation ,das Verhalten meines Sohnes und die Gefühle meinerseits darzustellen. Mein Sohn ist 2 1/2 Jahre alt. Bevor er geboren wurde ,also während meiner Schwangerschaft durchlebete ich schwierige Monate. Zum einen die Scheidung von meinem ersten Mann (der nicht der Vater meines Sohnes ist, ich bin mit dem Kindsvater verheiratet), der Streß seelisch wie auch körperlich auf der Arbeit,und der seelische Streß weil Kevin (unser Sohn) fast ein Frühchen geworden wäre ,sprich ich hatte Blutungen und 4 Monate vor Termin kündigten sich die ersten Geburtsmerkmale an. Unter strengen Maßnahmen ,also viel Ruhe usw. schafften wir es dann es noch 3 Monate heraus zu zögern, aber er kam trotzdem unter großen Problem 5 Wochen zu früh zu Welt. Anfangs ab dem 3. Monat mußten wir mit Kevin zum Physiotherapeuten und zum Orthopäden mußten ,weil Kevin´s rechte Körperhälfte (also Knochen und Muskulatur) sich nicht so wie die linke also Altersgerecht entwickelte ,wir es aber mit viel Übungen usw. geschafft haben, so das er heute weder schief gewachsen noch sonst irgendwelche Folgen geblieben sind. Vom Körperlichen und von der Muskulatur (so sagte uns unsere Physiotherapeutin) hätte er durch die vielen Übungen seine gleichaltrigen überholt. Mit einem Jahr flitzte er auch schon längst durch die Gegend. Dabei blieb es dann allerdings auch ,er tut sich bis heute sehr schwer zu reden, sprich jetzt fängt er ganz langsam an .Jetzt erst reagiert er darauf wenn ich ihn frage was er z.Bsp in einem Buch sieht. Allerdings beantwortet er mir auch nur Fragen wenn er Lust hat. Seit etwa einem 3/4 Jahr ist es nun so das er laut schreit ,brüllt, nur noch durch die Gegend läuft .Es gibt praktisch keinen Augenblick am Tag wo er einmal langsam geht. Er läuft immer nur aufgeregt rum. Er ist praktisch nur hektisch. Dann schmeißt er alles was er in der Hand hat rum, ob es Spielsachen sind, ein Keks was er gerade in der Hand hat, oder einen Becher mit Trinken drin oder ohne. Wenn ich ihn auffordere mit mir zusammen seine Spielsachen wieder aufzuräumen schreit ,brüllt und weint er bis es zu einem totalen Ausbruch kommt und er total aggressiv wird. Vor lauter Haß und Aggressivität in ihm beißt und schlägt er mich dann ständig. Auch wenn ich einfach nur da sitze oder ich stehe irgendwo kommt er und greift mich praktisch an.Er kneift ,beißt und schlägt mich. Einfach so ,ohne das auch irgendwelche Anhaltspunkte da sind . Wenn ich oder mein Mann dann schimpfen und sagen das darf er nicht und es tut mir sehr weh,lacht er immer nur und macht prompt weiter. Oft sitze ich dann da fühle mich schwer überfordert mit dieser Situation. Ich hab sogar oft Angst, das wenn wir miteinander spielen mich gleich wieder beißt oder kneift. Er reagiert auch überhaupt auf nichts was man ihm sagt, ob er beim Essen sitzen bleiben soll,oder er soll nicht so schnell laufen oder das er auf den Topf gehen soll wenn er mal muß und vieles mehr. Was wir allerdings auch bemerkt haben, ist wenn seine Großeltern bei uns sind ist er nicht ganz so aggressiv und laut.Wenn wir nicht da sind ,also wenn er alleine bei den Großeltern zu Hause oder bei uns zu Hause ist ,ist er wie ausgewechselte ist brav ,hört auf das was man ihm sagt,er ist ruhig und spielt ganz ausgelassen mit seinen Spielsachen. Wenn wir draußen sind und er mit anderen Kindern zusammen ist, ist er auch sehr kameradschaftlich er spielt zwar nicht mit jedem Kind,er will oft nichts von den anderer Kindern wissen und durchforstet seine Umgebung (Spielplätze usw.) .Nur wenn er mit Kindern spielt, sind es größere Kinder ,mit gleichaltrigen oder jüngeren hat er gar nichts im Sinn. Ich weiß nicht ob Sie mir wenigsten etwas helfen können und mir einige Ratschläge geben können. Natürlich hoffe ich es sehr ,weil ich nicht mehr weiter weiß und ich sehr unglücklich über das Verhalten von meinem Sohn bin. Vor allem habe ich Angst davor wie sich das ganze noch entwickeln könnte. Er beißt mich heute nun schon so sehr das es oftmals blutet oder ich habe überall blaue Flecke von dem kneifen. Verstehen kann ich das ganze nicht,denn es gibt keinerlei Gewalt in der Familie ,es gibt kein Streit nichts.Es könnte alles so schön und harmonisch sein . Vielen Dank das Sie meine E-Mail gelesen haben. Dankeschön im Voraus für Ihre Antwort. Mit freundlichen Grüßen. Nadine |
Hallo Nadine,
vielen Dank für Ihren Brief! Ihr Sohn zeigt anscheinend
Entwicklungs- und Reifungsstörungen, die wahrscheinlich eher
köperlich als psychisch bedingt sind. Sind Sie in Behandlung in
einem Sozialpädiatrischen Zentrum? Wenn Nein, sollten Sie sich
dort unbedingt hinwenden. Dort wird genau diagnostiziert, woher
die Verhaltensprobleme kommen. Sie werden beraten und Ihr Sohn
kann behandelt und weiter gefördert werden. Es kann sich z.B. um
eine zerebrale Reifungs- bzw. Entwicklungsstörung handeln. Hier
ist ein guter Kinderneurologe oder Sozialpädiater gefragt.
Mit freundlichem Gruß, Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt