| Sehr
geehrter Herr Schmidt, wir haben ein Problem mit dem Einnässen unseres Sohnes. Er ist jetzt 4 1/2 und war, als er letztes Jahr mit drei in den Kindergarten kam, tagsüber trocken. Nachts ist er noch nie trocken gewesen. Im Kindergarten gefällt es ihm gut und er geht gerne hin. Oft ist er allerdings ziemlich geschafft, da ich ihn wegen meiner Arbeitzeiten oft erst nachmittags abholen kann. Nach etwa einem halben Jahr in dem alles sehr gut lief, fing er wieder an tagsüber einzunässen. Ich suchte die Ursache erst in einer beginnenden Erkältung, dann in seiner Müdigkeit, stellte aber bei genauer Beobachtung fest, dass er auch einnässt, wenn ich ihn früher hole, er gut und lange geschlafen hat und von Erkältung keine Spur ist. Der Kinderarzt sowie zwei Urologen haben keine organischen Ursachen feststellen können. Wir haben daraufhin versucht, ein Blasentraining durchzuführen und ihn alle zwei Stunden auf Toilette zu schicken. Mal klappt das einige Tage ganz gut, dann funktioniert wieder gar nichts und er macht drei bis viermal am Tag in die Hose. Ich weiß, dass es Leute mit sehr viel schlimmeren Problemen gibt, aber langsam macht mich dieser Zustand fertig. Ich versuche ruhig zu bleiben, aber es gelingt mir immer weniger und es kommt häufiger vor, dass ich ihn anbrülle und völlig wütend werde. Wir haben es schon mit Belohnungen versucht, mit Kalenderbildern ausmalen, der Urologe hat ihm für nachts Tabletten verschrieben, ich soll ihn wecken und auf die Toilette setzen - nichts hilft. Ich kann im Augenblick täglich die vollgepinkelte Wäsche mit aus dem Kindergarten nach Hause nehmen. Familiär ist bei uns alles in Ordnung, wir führen eine harmonische Ehe und mit seiner großen Schwester (8) kommt unser Sohn auch gut klar. Was sollen wir noch machen? Mit freundlichen Grüßen U. |
Liebe U.,
Vielen Dank für die Schilderung Ihres Problems. Sie finden hier
in meiner Sprechstunde schon eine ganze Reihe ähnlicher
Schilderungen, so dass ich Ihnen empfehle, dort auch einmal
ausführlich nachzulesen.
Sie sollten sofort damit aufhören, krampfhaft und mit Hilfe aller möglichen Tricks (Trainings, Tabletten etc.) die Sauberkeit Ihres Söhnchens erzwingen zu wollen. Das geht garantiert schief. Es bleibt Ihnen im Moment nichts anderes übrig, als den Zustand geduldig hinzunehmen, den Sohn zwar immer wieder wohlwollend aufzufordern, aber keinen Stress daraus zu machen.
Das Problem hat nämlich mit großer Wahrscheinlichkeit eine (Ihnen noch unbekannte) seelische Ursache, die ich aus der Ferne natürlich auch nicht wissen kann. Dazu müsste ich viel mehr über Sie, Ihre Familie und Ihren Sohn wissen. Auch wenn Ihr Familienleben aus Ihrer Sicht harmonisch ist, kann es aus der Sicht des Söhnchens trotzdem Probleme geben, die ihn subjektiv belasten. Meistens missverstehen einnässende Kinder die Sauberkeitserziehung als elterliches "Loswerdenwollen" und "Abgeschobenwerden", gegen das sie sich dann dadurch wehren, dass sie nicht trocken werden, also noch irgendwie "Baby" bleiben müssen, dass noch nicht so weit ist, dass es hinaus in die Welt gehen kann.
Deshalb rate ich Ihnen, eine
Erziehungsberatungsstelle aufzusuchen und sich dort beraten zu
lassen. Dort kann man mit ihnen und Ihrer Familie gründlicher
nach den Ursachen suchen. Und wenn Sie die wissen, wird sich
alles fügen!
Davon ist überzeugt Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt