Sehr geehrter Herr Schmidt,

ich weiß nicht, ob Sie mir bei diesem speziellen Problem helfen können (bzw. dürfen), aber ich weiß mir keinen Ausweg mehr. Ich bin beim Stöbern im I-Net auf Ihre Homepage gestoßen und dacht, ein Versuch könnte zumindest nicht schädlich sein.

Damit Sie sich ein Bild von der Situation machen können, fange ich am besten ganz am Anfang der Geschichte an. Sie liest sich wie ein sehr schlechter Witz, ist aber leider Tatsache.

1990 habe ich, damals 27 Jahre alt, geheiratet. Meine Frau war zu diesem Zeitpunkt 22 Jahre alt.
Im Dezember 1994 wurde unsere Tochter Sabine in einer Notoperation geboren. Meine Frau war bereits seit September mit EPH-Gestose stationär in Behandlung. Die Geburt erfolgte Anfang der 34. Schwangerschaftwoche. Meine Tochter befand sich danach weitere 2 Monate in der Universitäts-Kinderklinik Köln und wurde Anfang Februar 1995 entlassen. Durch die massive Medikamentenzuführung während des Krankenhausaufenthaltes meiner Frau lagen bei meiner Tochter Schädigungen des "Instinkthirns(?)" vor. Die Bewegungskoordination sowie Schutzreflexe waren nicht vorhanden. Dies wurde auf Anraten der dortigen Ärzte durch Krankengymnastik nach Vojta innerhalb des ersten Lebensjahres "antrainiert". Mittlerweile liegen bei
meiner Tochter in dieser Hinsicht keinerlei Behinderungen mehr vor.

Mitte 1997 verkündete meine Frau, so ganz nebenbei, daß ich mir gefälligst eine Wohnung suchen sollte, da sie mit Ihrem Freund zusammenziehen will. Damit begannen dann die Probleme, wegen denen ich mich an Sie wende.

Mit meiner Tochter wurde über die Trennung von Seiten meiner Frau nie geredet. Versuche von meiner Seite mit meiner Tochter zu sprechen wurden von meiner Frau "torpediert". Mitte 1998 begannen Verhaltensweisen meiner Tochter, die für eine 3-jährige m. E. absolut untypisch und besorgniserregend waren. Angefangen hat es mit Sprachstörungen, die mittlerweile durch eine logopädische Behandlung behoben werden konnten.

Weiter ging es damit, daß meine Tochter immer öfter und bei jeder sich bietenden Gelegenheit äußerte: "Ich bin ein böses Mädchen, ich bin im Gefängnis." Gleichzeitig begann sie ihre Kuscheltiere und auch sich selber spielerisch zu fesseln bzw. mich und ihre Großeltern (meine Eltern) dazu aufzufordern sie zu fesseln. Bei mir dämmerte es aber erst im Oktober 1998 während eines gemeinsamen Urlaubes mit meiner neuen Lebenspartnerin. Meine Tochter hatte Alpträume und wachte schreiend auf. Mal konnte man die Worte verstehen: "Mama kann das nicht" oder "Mama helfen" oder aber "Mama Wolfgang soll lassen". Bei der letzten Äußerung hat sie mich nicht erkannt und nach mir geschlagen und getreten. Erst meine jetzige Frau war in der Lage Sabine zu beruhigen. Nach Abschluß des Urlaubes habe ich beim zuständigen Jugendamt um
Hilfe nachgesucht, da mir die Verhaltensweisen (Fesseln etc.) meiner Tochter klarer wurden. Meine Ex-Frau hatte die sexuelle Vorliebe zu SM und ich vermutete, daß Sabine etwas gesehen hatte, was eine Dreijährige nicht so ohne weiteres verkraftet.

Es fand dann ein Gespräch statt mit meiner Ex-Frau, einer Mitarbeiterin des Jugendamtes und mir. Ich habe meine Beobachtungen mitgeteilt und um Benennung eines Psychologen für Sabine gebeten. Meine Frau meinte dazu lediglich, daß Sabine solche Verhaltensweisen nicht aufzeigen würde und ich mir nur was "zurecht spinne". Sie würde aber zur Erziehungsberatungsstelle mit Sabine gehen. Meine Einwände gegen eine Erziehungsberatungsstelle wurden von Seiten des Jugendamtes ignoriert mit den Bemerkungen, daß dort qualifiziertes Personal vorhanden sei. Ich habe dann ebenfalls dort einen Termin vereinbart und der Leiterin der Einrichtung meine Beobachtungen und Vermutungen mitgeteilt. Nachdem meine Ex-Frau dann mit oder ohne Sabine (mir fehlen Informationen hierzu) bei der Erziehungsberatung gewesen ist wurde mir vom Jugendamt und der Erziehungsberatungsstelle sehr diplomatisch mitgeteilt, daß ich mich raushalten solle und mit haltlosen Anschuldigungen keine Chance hätte, mich vor dem Unterhalt zu drücken.

Die Ehe wurde dann im Sommer 1999 geschieden mit beidseitigem Sorgerecht.

Bis Mitte 1999 haben sich die "Fesselspiele" meiner Tochter dann auch verloren. An ihre Stelle war ein zunehmendes Maß an Agressivität verbal gegen Personen, handfest gegen Gegenstände getreten. Ich habe wiederum versucht meine Ex-Frau zum Besuch eines Psychologen zu bewegen. Anfang 2000 schaltete sich der Lebensgefährte meiner Ex-Frau in diese Bemühungen, genauso erfolglos wie ich, ein. Die Argumentation meiner Ex-Frau war, daß Sabine vollkommen normal sei und wir uns etwas einbilden würden. Hierzu möchte ich noch bemerken, daß meine jetzige Frau bereits eine 26jährige Tochter hat und somit über ein gewisses Maß an Erfahrung mit Kindern verfügt.

Ich habe dann Mitte 2000 ohne Wissen und Einverständnis meiner Ex-Frau einen Termin bei einer Kinderpsychologin mit Sabine wahrgenommen. Diese Psychologin führte ein etwa 1,5 Stunden dauerndes Gespräch mit meiner jetzigen Frau und mir während sie Sabine beobachtete. Im Anschluß an dieses Gespräch teilte sie uns mit, daß Sabine schwere Verhaltensstörungen aufweise und sie dringend eine psychologische Betreuung meiner Tochter für angebracht hielte. Mit dieser Auskunft habe ich dann nochmals versucht über das Jugendamt etwas zu erreichen. Man sagte mir lediglich, ich solle es langsam aufgeben.


Daraufhin habe ich meine Ex-Frau in Zusammenarbeit mit dem Lebensgefährten dazu bewegt, zusammen mit Sabine einen Psychologen aufzusuchen. Meine Ex-Frau vereinbarte diverse Termine wiederrum mit der Erziehungsberatungsstelle. Dort wurde Sabine 3 oder 4 Termine lang begutachtet. Man kam zu dem abschließenden Ergebnis, daß keinerlei Verhaltensauffälligkeiten bei meiner Tochter feststellbar wären.
Ungewöhnlich wäre lediglich, daß sie sich um das Wohl von Mama und Papa große Sorgen machen würde, ansonsten wäre Sabine eine vollkommen normal entwickelte, hochintelligente Fünfjährige.

Ich habe die Leiterin der Erziehungsberatung dann mit der Diagnose der Kinderpsychologin vertraut gemacht und um eine Erklärung der unterschiedlichen Einschätzungen gebeten. Hierauf fragte man mich, was mir einfiele mit meiner Tochter ohne Einwilligung der Mutter eine ärztliche Untersuchung durchzuführen. Sie würde an Stelle meiner Frau ein Verfahren wegen Kindesentführung und Körperverletzung diesbezüglich in die Wege leiten.

Dies war mein bislang letzter Versuch, meiner Tochter zu helfen. Die Verhaltensweisen von Sabine, Agressivität verbal und händisch, sind seither nicht geringer geworden und werden jetzt durch "Macht ausüben" verstärkt. Nach Aussagen meiner Tochter versucht sie, mittlerweile im ersten Schuljahr, während der Pausen mit Klassenkameraden die familiären Probleme zu besprechen. Nach Aussagen meiner Frau ist dies auch nicht wahr. Ebenfalls ist nicht wahr, daß keiner mit Sabine spielen will, da sie immer bestimmen will, was gespielt wird (i. d. R. Pokemon, Digimon etc.). Der Lebensgefährte meiner Ex-Frau hat diese Situation im Sommer 2001 nicht mehr ertragen und hieraus Konsequenzen gezogen und sich getrennt.

Mittlerweile rufen mich bereits ehemalige Freunde und Bekannte meiner Ex-Frau und mir, welche immer noch intensiven Kontakt zu meiner Ex-Frau haben, an und fragen mich, ob ich eigentlich nicht sehen würde, daß Sabine psychologische Hilfe brauche. Die einhellige Meinung ist dahingehend, daß auch meine Ex-Frau diese Hilfe in Anspruch nehmen sollte um ihr Leben wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Der ehemalige Lebensgefährte meiner Ex-Frau hat mittlerweile, mit der Drohung das Jugendamt einzuschalten, meine Ex-Frau dazu gebracht, mit Sabine einen Psychologen aufzusuchen. Natürlich wieder die selbe Erziehungsberatung.

M. E. erfüllt Sabine inzwischen die Definition "Krank" und gehört in die Hände eines erfahrenen Facharztes. Da meine Ex-Frau jedoch keinerlei Störungen bei Sabine feststellt (feststellen will?) wird es wohl bei der Erziehungsberatung bleiben. Diese Stelle ist aus der Erfahrung der Vergangenheit weder unabhängig, noch kompetent oder am Wohle des Kindes interessiert. Es handelt sich um eine private Organisation, welche sich aus Spenden finanziert. Über die fachlichen Qualifikationen der Mitarbeiter dieser Einrichtung kann ich ebenfalls nichts sagen.

Von meiner Ex-Frau wurde ein erster Termin vereinbart, an dem mit ihr und mir ohne Beisein von Sabine gesprochen werden sollte. Dieser Termin wurde auf Freitags morgens 8 Uhr gelegt. Ich wurde Mittwochs abends hierüber informiert. Zur Erläuterung: Ich bin im Rechnungswesen eines großen Versicherungsunternehmens tätig und zu diesem Zeitpunkt war Jahresabschluß mit angeordneten Überstunden. Eine Tatsache, die auch meiner Ex-Frau bekannt ist. Mir war es also unmöglich, so kurzfristig in dieser Situation Urlaub zu beantragen. Der Termin wurde daraufhin gecancelt. Ein neuer Termin ist bislang nicht vereinbart worden. Aussage meiner Ex-Frau hierzu: "Wenn der keine Lust hat dann zu können wenn ich will, wartet er jetzt bis ich wieder Lust habe."


Ich weiß mir mittlerweile keinen Ausweg mehr. Ich habe nur noch imense Angst, daß meine Tochter ohne fachärztliche Hilfe seelisch kaputt geht.

Wie beurteilen Sie die Situation meiner Tochter und sehen Sie irgendwelche Möglichkeiten, Sabine einer m. E. notwendigen psychotherapeutischen Behandlung, auch ohne Einwilligung der Mutter, zuzuführen.

Bitte helfen Sie Sabine. Sie sind die letzte Hoffnung die ich sehe.

Mit freundlichen Grüßen
M. T.

Lieber Herr T.,
vielen Dank für Ihren ausführlichen Brief! Das Wohl Ihrer kleinen Tochter liegt Ihnen sehr am Herzen, das merke ich ganz deutlich. Sicher sind Sie froh, dass sie sich nach den anfänglichen gesundheitlichen Sorgen so prächtig entwickelt hat. Aber leider hat Ihre Tochter seit längerer Zeit ein sehr großes seelisches Problem:
Das ist der Dauerstreit ihrer Eltern, wenn es um sie als Kind geht. Sie, lieber Herr T., und Ihre Exfrau liegen seit Jahren wegen der Erziehung Ihrer Tochter völlig quer, und genau das ist das Dauerproblem Ihrer Tochter, unter dem sie sehr leidet und das ihre reaktiven Verhaltensschwierigkeiten verursacht. Sie müssen den Dauerstreit mit der Mutter Ihrer Tochter sofort abstellen. Sie können Ihrer Tochter niemals helfen, wenn Ihre Exfrau den Eindruck gewinnt, Sie wollten ihr etwas Negatives nachsagen. Sobald Sie und Ihre Exfrau gegeneinander sind (egal, an wem das dann liegt), schaden Sie Ihrer Tochter und fabrizieren die kindlichen Verhaltensschwierigkeiten selbst mit, ohne es zu merken.
Mein Rat: Hören Sie sofort auf, an der Erziehung Ihrer Exfrau herumzukritisieren oder Ärzte und Psychologen ins Spiel zu bringen. Das schadet Ihrer Tochter, weil es nur Ausdruck des Dauerclinchs ihrer Eltern ist. Ihre Tochter muss ja langsam den Eindruck kriegen, alles liege nur an ihr und sie müsse ein völlig missratenes Kind sein ("Ich bin ein böses Mädchen..."). Und wenn sie erst einmal soweit ist, besteht Gefahr, dass sie wirklich seelisch krank wird, aber nicht, weil die Mutter Fehler macht, sondern weil Vater und Mutter sich jahrelang bekämpfen. Das hält auf Dauer kein Kind aus.
So meint es wahrscheinlich auch die Erziehungsberatungsstelle und das Jugendamt, auf die Sie so schlecht zu sprechen sind, weil Sie deren Rat missverstehen. Ich glaube nicht, dass man dort etwas gegen Sie hat oder Ihnen Unrecht tun will. Man will Ihnen wahrscheinlich dasselbe sagen, wie ich: Hören Sie sofort auf, mit Ihrer Exfrau wegen der Erziehung der Tochter zu streiten, denn dieser Streit ist die Ursache der seelischen Probleme von Sabine, nicht die Mutter. Wenn Sie den Streit beenden, haben Sie langfristig wieder viel bessere Voraussetzungen, mit Sabines Mutter EINVERNEHMLICH über Ihr gemeinsames Töchterchen zu sprechen und für sie liebe Eltern zu bleiben, die sich nicht ums Kind streiten, trotz ihrer Trennung.
Nichts anderes braucht Ihr Kind. Wenn das gegeben ist, wird sie keinerlei stärkere Verhaltenschwierigkeiten zeigen.
Davon ist überzeugt Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt