| Seit 10
Jahren arbeite ich als Sachbearbeiterin seit der Geburt
meiner Kinder halbtags. Die ersten 2 Jahre als
Sachbearbeiterin in der Projektleitung, dann wollte mich
der Kollege aus dem Einkauf in seiner Abteilung. Wir
waren dann zu zweit. Ich hatte von Anfang an ein ungutes
Gefühl, weil er schon ein sehr schwieriger Mensch ist, z.
B. u. a. sehr launisch. Nachdem er dann Prokurist wurde
ist seit gut 1 ½ Jahren mit einem weiteren Kollegen
Geschäftsleiter und ich weiterhin seine Mitarbeiterin.
Wir sitzen zu zweit in einem Raum. Wenn mein Kollege
Probleme hat oder ihm die Arbeit zu viel wird, ist er
schweigsam, dagegen ist auch nichts einzuwenden. Dies ist
bereits ein paar mal vorgekommen und ich hab jedes Mal
bei Nachfrage zu hören bekommen, ich kann da nichts für,
ich bin nun mal so. Nun ja, im Frühjahr letzten Jahres habe ich eine neue Kollegin für mich zur Vertretung eingearbeitet. Dann war es wieder soweit. Er redete wieder nicht, es war auch eine anstrengende Zeit für ihn. Dann hab ich nachgefragt nach 1 Woche. Antwort: es ist alles in Ordnung. Es ging so weiter. Nächste Nachfrage: arbeite ich nicht in Ordnung, soll ich versetzt werden oder ist sonst etwas? Nein alles in Ordnung. Wieder einige Zeit später, Dieselbe Antwort. Beim nächsten Mal: Antwort: du interpretierst da etwas hinein. Einige Wochen später hab ich wieder nachgefragt, jedes Mal wie üblich sitz ich da mit hochrotem Kopf. Diesmal bekomme ich als Antwort: Ich hab das Gefühl, du willst mich an die Wand stellen! Das wars dann, weitere Info bekam ich nicht. Nach gut einem Jahr wünschte ich mir zu ihm zu meinem Geburtstag, dass sich unser Arbeitsverhältnis wieder normalisiert, bekomme zur Antwort: wenn ich einmal enttäuscht wurde, kann ich das nicht vergessen! Jetzt haben wir Januar 2005 und ich hab seit letztem Jahr kein privates Wort mit ihm gewechselt, außer guten Morgen, auf Wiedersehn, schönes Wochenende und Gesundheit reden wir nur miteinander, wenn ich für ihn arbeiten muss oder er oder ich Rückfragen zu etwas habe. Ich weiß langsam nicht weiter, ich hab ihm schon vor langer Zeit gesagt, es war ebenfalls wieder ein Zeit des Schweigens vorbei, dass mich dieses Verhalten krank macht, ich kann mit allem umgehen, aber nicht mit Schweigen. Wie soll ich mich weiter verhalten. Vielen Dank im voraus |
Hallo,
vielen Dank für Ihren interessanten Brief!
Ich habe den Eindruck, als würde zwischen Ihnen und Ihrem Chef
nicht sorgfältig getrennt zwischen persönlicher und beruflicher
Beziehung. Wenn eine berufliche, kollegiale Arbeitsbeziehung
allzu sehr von persönlichen Beziehungsproblemen eines der
Beteiligten überlagert wird, entstehen Berufskonflikte, die
privaten, z.B. Eheproblemen, zum Verwechseln ähneln, die aber
die Arbeit dann sehr stören.
Ihr Chef verhält sich unprofessionell, weil er sich Ihnen gegenüber wie privat (mitsamt seiner neurotischen Struktur) einbringt. Und Sie selber verhalten sich ebenso unprofessionell, weil sie diese Marotte Ihres Chefs doch tatsächlich persönlich nehmen.
Dabei hat alles mit Ihnen gar nichts zu tun. Aber Sie sitzen doch tatsächlich mit rotem Kopf da, wenn er seine Launen an Ihnen abreagiert und fragen ihn dann auch noch eindringlich, was los sei, ob Sie "böse" gewesen sind oder so. Wie ein Kind, dessen Eltern aus ganz anderen Gründen schweigen. Warum ziehen Sie sich immer wieder diesen Kinderschuh an? Ihr Chef ist launisch und unprofessionell. Ein guter Chef wird seine persönlichen Probleme nicht an seinen Mitarbeitern abreagieren.
Also überlegen Sie, ob Sie weiter bereit sind, diese Launen zu ertragen (wenn nicht, sollten Sie sich nach einer anderen Stelle umschauen), oder ob Ihnen das alles nicht viel gleichgültiger werden sollte. Sie sind ihm ja emotionell viel zu nahe. Zwischen Sie beide gehört viel mehr professionelle Distanz. Wenn Ihr Chef nämlich mit der Zeit merkt, dass er Sie mit seiner Laune nicht mehr persönlich berühren kann, sondern Sie unberührt und professionell weiterarbeiten wie bisher, wird er auch professioneller werden und sein Verhalten als Chef wahrscheinlich anpassen.
Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt