Wir haben vier Kinder im Alter von 13,10,7 und 6 Jahren und
eine
Menge Probleme mit dem ältesten und meinen Eltern, die der
Meinung sind er muß alles haben,was andere auch haben. Zur Zeit
geht es um ein Handy und ums Taschengeld. Er ist hyperaktiv, in
Behandlung und bekommt seit 3 Jahren Ritalin.
Er hat 3 Jahre Therapie bei einem Psychologen, 8
Wochen Kur
und so weiter schon hinter sich. Zusätzlich ist er ein
Scheidungskind. Der Vater kümmert sich sehr unregelmäßig um
ihn und die 10 jährige Schwester. Er hat sie jetzt schon 2,5
Jahre
nicht gesehen. Das letzte Jahr war schlecht möglich,
da wir von Berlin 650 km weit weg gezogen sind. Seit 2 Monaten
hat er wieder Kontakt(aber wieder mit einer Unterbrechung von 5
Wochen. Wir haben meinem Ex-Mann sogar angeboten mit seiner
Frau und den 3 Kindern bei uns zu übernachten, da sie Finanziell
Probleme haben. Auf die Antwort warten wir noch.
Zum Problem mit den Großeltern. Christian(der älteste) geht
seit 2
Monaten einmal wöchentlich Prospekte verteilen. Dabei verdient
er
pro Verteilung 21,50 DM macht im Monat mindestens 86,-DM. Wir
waren der Meinung er bräuchte dazu kein zusätzliches
Taschengeld, da er frei über das Geld verfügen kann. Nach
mehreren Diskussionen waren wir bereit das Geld
aufzustocken, sodas er auf feste 100,-DM kommt. 50,-DM sollten
davon auf ein Sparkonto für größere Wünsche, der Rest zur
freien
Verfügung.
Jetzt haben ja viele ein Handy und laut ihm und meinen Eltern
muß
er auch eins haben. Wir haben uns dazu durchgerungen ihm dies
zu erlauben, die Pre-Paid-Karten soll er aber von dem Geld
bezahlen das er zur freien Verfügung hat. Dies ist jetzt auch
wieder
falsch, nur erlauben wir das er dafür an das Spargeld geht, wird
nichts gespart. Finanzieren wollen wir ihm
die Karten auch nicht, er hat noch die anderen Geschwister die
eigentlich keine Ansprüche stellen. Die freuen sich über jede
Kleinigkeit, was bei Christian undenkbar ist. Er möchte das
beste
vom besten.
Ich weiß mir bald keinen Rat mehr weil immer nur er im
Vordergrund bei meinen Eltern steht. Ob die anderen genug
Taschengeld haben interessiert nicht. Das die im Haushalt helfen
ist völlig selbstverständlich.Wir versuchen alle 4
gleichzuhalten
egal in welcher Richtung, aber immer denken meine Eltern der
große kommt zu kurz. Ich soll daneben stehen, das er seine
Zähne
putzt und sein Ritalin pünktlich nimmt, ich soll ihm helfen das
Zimmer aufzuräumen und seine Sachen hinterherräumen, da
er ja
krank ist. An die 3 anderen Kinder denken sie dabei überhaupt
nicht. Wir sind beide berufstätig und um das wir tagsüber bei
den Kindern sind tragen wir nachts
Zeitung aus. Was natürlich auch nicht richtig ist, ein
Mann muß
tagsüber arbeiten.
Ich hoffe sie können uns einen Ratschlag geben wie wir uns
weiterverhalten sollen oder ob die Einstellung die wir haben
wirklich
falsch ist. Wir denken die Kinder müssen nicht alles haben nur
weil
andere es haben. Vor allen Dingen wie sollen die Kinder später
damit klar kommen wenn sie auf eigenen Füßen stehen, das sie
nicht alles haben können.
Liebe Mutter von Christian,
vielen Dank für die Schilderung ihres Familienproblems. Ihr
ältester Sohn Christian hat offenbar mehrere Schwierigkeiten:
zumEinen gilt er als "krank", als
"hyperaktiv". Dann ist er ein Scheidungskind, und
ausserdem steht er im Zentrum eines Konfliktes zwischen Ihnen und
Ihren Eltern. Dass er ein Scheidungskind ist, lasse ich hier
einmal aussen vor. Daran lässt sich wohl derzeit auch nicht viel
verändern, jedenfalls ranken sich darum derzeit wohl keine
massiven Probleme. Anders könnte es mit der sog.
"Hyperaktivität" aussehen. Ist Christian wirklich im
engeren pädiatrischen Sinne hyperaktiv? Bedenken Sie, dass
dieser Begriff sehr unspezifisch ist und derzeit eine häufig
verwendete medizinische Modediagnose, die insbesonders seelische
Probleme verdecken hilft. In Wirklichkeit sind nur höchstens 1
Prozent aller Kinder wirklich im medizinischen Sinne hyperaktiv.
Wie dem auch sei, auch und gerade wenn er wirklich hyperaktiv
wäre, dann vertrüge er erst recht nicht den Konflikt zwischen
Ihnen und Ihren Eltern. Hyperaktive Kinder sind besonders auf
klare Verantwortlichkeits-Regelungen in ihrer Familie angewiesen.
Damit liegt es aber bei Ihnen sehr im Argen! Welchen Einfluss auf
Christian erlauben Sie Ihren Eltern eigentlich? Erziehen Ihre
Eltern den Jungen oder Sie? Beide gleichzeitig geht
offensichtlich nicht. Sind Sie aus Berlin in die Nähe Ihrer
Eltern gezogen? Warum?
Brauchen Sie Ihre Eltern noch so sehr, dass Sie ihnen so viel
Einfluss auf die Kindererziehung zugestehen? Als Mutter wirken
Sie hier noch erstaunlich unselbständig von Ihren Eltern. Für
Sie, Ihre Eltern und damit auch für Christian muss aber
eindeutig
geregelt werden, dass Sie die "erste" Adresse für alle
Fragen seiner Erziehung sind. Machen Sie das vor allem Ihren
Eltern (nicht allein Christian!) deutlich. Grenzen Sie sich und
Christian von Ihren Eltern notfalls stärker ab, wenn Ihre Eltern
dies nicht
einsehen können (Kontaktverringerung bis hin zur Einstellung
aller Kontakte, bis Ihre Eltern einsehen, dass sie sich in Fragen
der Erziehung Christians zurücknehmen müssen). So werden Sie
selbst unabhängiger, selbstständiger, und Christian bekommt
klarere familiäre Strukturen.
Alles Gute und ein bisschen Mut gegenüber Ihren Eltern wünscht Ihnen Ihr Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt