Guten Tag Herr Schmidt,
es ist, wie mir aufgefallen ist, gar nicht so einfach irgendwo Hilfe zu finden, wenn man selbst nur indirekt ein Problem hat… Ich bin deswegen sehr froh auf Ihre Seite gestoßen zu sein und möchte Ihnen gern mein Problem wie folgt schildern:

Ich bin seit ca. 5 Monaten mit einem jungen Mann zusammen, der eine Therapie zur Verarbeitung seiner Kindheit, soweit ich weiß mit folgenden Problemen: als er ca. 10 Jahre alt war haben sich seine Eltern getrennt, seine Mutter hat ihn danach sehr in ihr Leben einbezogen, in ihre Trauer und den schwierigen Umgang mit der Trennung. Er musste viel trösten, als Zuhörer und Freund für sie da sein. Dabei konnte er nie „normales“ Kind sein, fühlt sich jetzt verantwortlich für das Wohl seiner Mitmenschen, kann sie nicht traurig sehen und hat häufig ein schlechtes Gewissen, wenn er Dinge tut, die einem anderen nicht gefallen, auch wenn sie objektiv gesehen von seiner Seite durchaus richtig sind. Seine Therapie läuft seit ca. 2 Jahren und momentaner Bestandteil ist meines Verständnisses nach das Zulassen von verschiedenen Gefühlen wie Trauer, Wut, Zorn, das Erkennen dieser und das „Ausleben“ negativer Gefühle die z.B. seiner Mutter gegenüber im Unterbewusstsein durchaus vorhanden sind.

Wir haben von Beginn der Beziehung an sehr viel Zeit miteinander verbracht, um nicht zu sagen, wir sind jeden Tag abends zusammen und auch das komplette Wochenende. Vor ca. 7 Monaten haben sich meine Eltern getrennt und mir fehlt momentan noch eine eigene Wohnung und somit ein neues Zuhause, an dessen Realisierung ich durch Mieten einer neuen Wohnung, die ich in Kürze beziehen werde arbeite. Die Trennung kam für mich zwar recht überraschend, aber sie ist durchaus nachvollziehbar für mich und da ich beide Elternteile immer noch habe und unser Kontakt sich kaum verändert hat, sehe ich hierin kein allzu großes Problem.

Am Anfang unserer Beziehung, war die ständige Nähe kein Problem, im Laufe der Zeit jedoch wollte er immer mehr Zeit für sich haben. Mittlerweile ist es beispielsweise so, dass ich abends nicht vor 18 Uhr bei ihm sein „darf“ (er schreibt zurzeit zu Hause an seiner Diplomarbeit). In letzter Zeit kam es auch häufiger vor, dass ich eine Nachricht bekommen habe bitte erst später zu kommen. Ich bin bis dahin auf Arbeit, in der Uni oder in meiner Übergangswohnung, in der ich mich alles andere als wohl fühle. Wenn ich dann zu ihm komme ist er zunehmend gereizt oder genervt und sagt häufig, wenn er keinen Abstand bekommen kann, dann kann diese Beziehung das nicht überstehen. Ich bin sehr traurig, wenn er solche Forderungen stellt, ich möchte gern viel mehr Zeit mit ihm verbringen und nicht, wenn ich 15:30 Uhr Feierabend habe mir überlegen müssen, wo ich jetzt die restliche Zeit totschlage, bis ich kommen darf. Zeige ich Trauer oder Unwilligkeit, bittet er mich keinen Druck zu machen, es hätte nichts mit mir zu tun, sondern mit seiner Therapie und er könne mir die Nähe einfach nicht geben. Es ist auch nicht so, dass ich keine Hobbys hätte oder andere Dinge zu tun, aber ich würde gern bei ihm sein, wenn ich ein Verlangen danach habe und mich nicht immer an zeitliche Regeln halten müssen.Letztes WE wollte er gern ganz allein verbringen, ich bin also von Freitag früh bis Montagabend weg gewesen und habe ihn sehr vermisst in dieser Zeit. Ich wollte nicht wegfahren, aber ich hatte ja so gesehen keine andere Wahl. Nun ist es bedauerlicherweise nicht so, dass es mit meiner Abwesenheit getan wäre. Die gleichen Probleme wie abweisendes Verhalten und die Unfähigkeit Nähe zu geben oder zuzulassen bestehen weiterhin, wenn auch nicht allzu ausgeprägt. An dieser Stelle möchte ich nun meine eigentlich Frage stellen: können Sie mir sagen warum er allein sein muss? Ob sie es für möglich halten, dass er mich trotzdem so liebt, wie er es sagt? Ob es normal ist, dass ich nicht das Verständnis für ihn haben kann ihm seine Zeit zu lassen ohne traurig zu sein und mir tausend Gedanken zu machen? Ich habe keine Angst, dass er mich verlassen könnte, aber ich finde es erschreckend, dass er keine Angst hat mich mit seinem Verhalten zu verlieren. Gibt es einen Rat, wie ich am besten mit der Situation umgehen kann, dass es für beide akzeptabel ist? Kann ich ihm irgendwie helfen, ich meine nicht nur durch meine Abwesenheit?

Ich weiß es sind viele Fragen, aber ich hoffe sehr auf eine Antwort. Ich weiß auch die Liebe ist noch jung, ich selbst bin 23, aber ich habe das Gefühl ich kann das nicht ewig so durchhalten und ich möchte es gern besser verstehen!

Vielen Dank schon mal für Ihre Hilfe, ich finde Ihre Seite ist eine geniale Idee, die sicher schon vielen geholfen hat…

Viele Grüße

Hallo,
vielen Dank für Ihren Brief! Ihr Partner und Sie sind in zwei ganz unterschiedlichen persönlichen Entwicklungsphasen aufeinander getroffen. Während Sie einen festen Liebespartner haben möchten, mit dem Sie Freud und Leid teilen und alles gemeinsam erleben möchten, ist Ihr Partner offensichtlich noch gar nicht so weit. Er ist noch mit der Aufarbeitung seiner neurotischen Vergangenheit beschäftigt, so dass er noch gar nicht -so wie Sie- "fertig" genug ist, um dieselben Bindungswünsche zu haben wie Sie. Er ist sozusagen noch gar nicht in der Gegenwart angekommen. Wahrscheinlich hat er Angst davor, nach der mühsamen Lösung von seiner Mutter gleich in die nächste Beziehungs-Abhängigkeit (von Ihnen) zu verfallen. Vielleicht braucht er nach seiner versäumten Jugend erst mal eine längere Zeit als ungebundener Junggeselle, der allein zu leben und zu genießen lernt, bevor er sich wieder fest bindet.
Aus meiner Sicht sollten Sie sich entscheiden, ob Sie ihm diese Zeit (Jahre?), während derer Sie auf größerer Distanz zu ihm bleiben müssten, geben wollen, oder ob Sie sich nicht doch von ihm trennen. Diese Wahl kann ich Ihnen natürlich nicht abnehmen.

Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt