| Hallo Herr
Schmidt, interessant, dass es die Möglichkeit dieser Art der Beratung hier gibt. Ich probiere das jetzt einfach mal aus und schildere Ihnen worum es bei mir geht. Ich bin als die älteste von 5 Kindern aufgewachsen. Meine Eltern bekamen uns sehr jung (Anfang 20) Mein Vater war sehr dominant, autoritär und ich wurde oft geschlagen.( Zärtlichkeit, Wärme gab es nicht) Zuneigung gabs nur gegen Leistung. Meine Mutter war labil, tabletten-und alkoholabhängig ausserdem depressiv. (Selbstmorddrohungen auch mit Schuldzuweisung an mich oder die Geschwister) Das klingt bitter, war es auch. Ich habe beide Elternteile oft gehasst und wenn ich dran denke, dass ich sie auch liebhabe fühlt sich das seltsam traurig an, mir kommen die Tränen und ich weiss nicht so richtig wohin damit. Sie leben beide - auch zusammen, ich bin jetzt 45 und ich schaffe es nicht, mich für längere Zeiträume gefühlsmässig unabhängiger von diesen Kindheitserlebnissen zu machen. Die Krankheiten meiner Mutter sind im eigentlichen bis heute anhaltend, sehr belastend für mich. Ich verachte sie auch manchmal dafür, dass sie da nicht rauskommt - habe gleichzeitig schlechtes Gewissen für meine Gefühle ihr gegenüber. Zwischen meinem Vater und mir gibt es auch heute noch Situationen, in denen ich völlig zusammenkrache innerlich, d.h. ich verliere den Bezug zu dem Teil in mir, den ich mir selbst aufgebaut habe und in dem ich mich stabiler fühle. Ich bin dadurch sehr unzufrieden mit mir und es gelingt mir auch nicht so richtig mir selbst da weniger Druck zu machen, d.h. gelassener und geduldiger mit mir und den Gefühlen zu den Eltern umzugehen. Ich habe sehr starke Ambivalenzen in mir. Das ist superanstrengend. Am stärksten macht es sich in der Beziehung zu meinem Freund bemerkbar. Wir sind seit ca 2 Jahren zusammen, (Fernbeziehung), sehen uns aber schon sehr regelmässig und reden auch sehr viel miteinander. Am Anfang der Beziehung war es so, dass es bei mir ständig schwankte zwischen den Partner total ablehnen und annehmen. Das war sehr extrem und anstrengend, natürlich auch für ihn. Er ist ein sehr sanfter, ruhiger, beständiger manchmal fast weiblicher Mann. Ich schätze das sehr an ihm. Die Kehrseite der Medaille ist, dass ich oft männlichere Attribute vermisse. Ich sags jetzt einfach so wie ich das fühle, ohne mich zu bewerten. Er stellt sich sehr auf mich ein, so sehr, dass es mich manchmal aggressiv macht. Unternehmungen, überhaupt Innitiativen werden meistens von mir übernommen. Das ist auch im sexuellen Bereich so. Wenn ich nix tue - passiert nix. Ich komme damit nicht klar. Das ist dann oft so verheddert, selbst wenn ich Lust auf ihn habe-kann ich nicht weil ich möchte, dass er auf mich zukommt. Ich wünsche mir oft mehr Leidenschaft von ihm. Ich möchte von ihm auch veführt werden. Ganz zaghaft versucht er es manchmal aber wenn ich nicht sofort Bereitschaft signalisiere zieht er sich gleich wieder zurück. ich habe schon oft versucht ihm zu erklären, dass man den anderen mit seiner eigenen Lust auch anstecken kann - aber er hat da zuviel Angst vor Zurückweisung. das Ende vom Lied ist, dass wir über längere Zeiträume dann überhaupt keinen Sex haben. Weitere Streithemen sind immer wieder - Geld. ich verdiene mehr als er und teile auch gerne. Er arbeitet in einem Beruf, den ich schätze, der aber nicht gerade gut bezahlt wird. Er hat öfter Geldprobleme dadurch (zahlt auch Unterhalt an 2 Kinder aus seiner Ehe). Ich habe auch 2 erwachsene Kinder, die ich finanziell noch etwas unterstütze. Ich helfe meinem Freund auch gerne finanziell mal aber ich möchte, dass er mich direkt danach fragt. Ich mag es nicht wenn er über finanzielle Engpässe jammert und ich damit automatisch in die moralische Verpflichtung gerate ihm zu helfen. Ich möchte, dass er mich offen fragt, damit kann ich umgehen. Das andere empfinde ich immer als die Verantwortung zugeschoben bekommen und da wehre ich mich gegen. Das ist im Grunde dem ähnlich, was ich eben über unsere sexuellen Probleme geschreiben habe. Wir haben schon oft drüber gesprochen, er ist grundsätzlich bereit zu reflektieren, wesentlich mehr als ich es aus früheren Beziehungen kenne aber wenn es an diesen Punkt kommt - versteht er mich nicht. Mein Dilemma ist, dass ich schon irgendwie dominanter bin aber es gar nicht immer sein will. Er schwächelt oft irgendwie rum. (bisschen krank, früher hat er so schnell geweint - ist aber jetzt besser geworden). Ich weiss auch, dass meine Dominanz eher in einer Schwachheit bei mir begründet ist. Kontrollbedürfnis, Eifersucht und so - habe ich auch ziemlich mit zu tun. Mir sind auch die Zusammenhänge irgendwie nicht ganz unklar die es da zu meinem Elternhaus gibt aber verdammt - irgendwie muss es doch einen Ausweg geben. Mir passiert es immer wieder, dass mich seine Schwächen so aggressiv machen, dass ich kaum noch an mich halten kann. (Sport und so mache ich alles) Ich greife ihn dann regelrecht an (mit Worten) Meistens entgleist es ziemlich, ich gerate da in extreme Zustände. Er ist dann fassungslos und fühlt sich natürlich sehr verletzt. Gottseidank habe ich ihn dadurch bisher nicht verloren. Ich kann ihn nicht ändern, das ist mir klar aber wie kann ich mich so ändern, dass ich mit ihm leben kann ohne ihn alle paar Monate runterputzen zu müssen? Therapie mache ich übrigens seit 2 jahren (Gesprächstherapie, es gab schon einige sehr gute Erlebnisse dort aber so ganz überzeugt bin ich nicht, wie übrigens in bei allem, immer Misstrauen und Zweifel) Sagen sie mir etwas dazu, würde mich sehr freuen, ich hoffe, ich habe nicht zu durcheinander geschrieben. herzlichen Gruß g. |
Liebe G.,
vielen Dank für Ihren differenzierten Kurzbericht Ihres
Beziehungsproblems! Ich glaube, die traurigen Erfahrungen Ihrer
Kindheit haben Sie gezwungen, sich früh innerlich emotional
unabhängig von den deprimierenden Erlebnissen zu Hause zu
machen, sich davor zu schützen. Das hat unbestreitbare Vorteile
für Sie gebracht: Sie wurden stark und unabhängig, beruflich
tüchtig. Ihre kindlichen Liebes- und Abhängigkeitsbedürfnisse
haben Sie damit gut unter Kontrolle gebracht, aber eben leider
nicht richtig erfüllt bekommen. Sie sind noch in Ihnen wirksam.
Sie haben sich wahrscheinlich einen Partner gewählt, der für
diese eigenen verdrängten Wünsche steht:
"Weiblichkeit" (Abhängigkeit, Liebesgefühle). Man
nennt so etwas (verkürzt) eine neurotische Partnerwahl, wenn man
einen Partner überwiegend deshalb wählt, weil er verdrängte
eigene Persönlichkeitsanteile auslebt. Ich vermute dies bei
Ihnen so, aber wie gesagt, es ist nur eine Vermutung, die auch
falsch sein kann, so auf die Internet-Entfernung hin.
Wenn Sie meinen, dass an meiner Vermutung was dran sein könnte,
können Sie überlegen, ob Sie Ihre (eh zu lang andauernde)
Gesprächstherapie beenden und eine
psychoanalytische-psychodynamische Therapie beginnen (auch gut in
der Gruppe vielleicht). Das sollte keine Langzeittherapie sein,
so mit maximal 25 Sitzungen können Sie dort sehr viel aufdecken
und nachholen. Ich vermute, dass Sie in Ihrer derzeitigen
Therapie nicht so richtig auf die emotionalen Hintergründe, wie
ich Sie beschrieben habe, kommen können.
Ich wünsche Ihnen alles Gute und bin sehr optimistisch, dass Sie
glücklich werden!
Ihr Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt