Sehr geehrter Herr Schmidt,

kurz zu unserer Geschichte: Ich bin 37 Jahre alt, vh., berufstätig und
habe eine Tochter, 11 Jahre alt. Anna besucht das musische Gymn. in
Schwabach. Das Halbjahreszeugnis war sehr gut, m.E. (2,33 ).
Meine Problematik liegt an mir und meinem Verhalten gegenüber dem Druck
und Stress der Schule: Hausaufgaben, üben, usw.
Anna lernt, sitzt am Schreibtisch usw.! Sie überblickt, so glaube ich
aber, noch nicht ganz, wie sie lernen soll. Sie besucht zwar einen Kurs
"Lernen lernen" , aber all dies ist Quatsch-lt. Anna. Alles was ich so
toll finde usw. , dazu meint Anna: Mist.
Immer das Gegenteil, um einfach eine Reaktion von mir zu erwarten, die
nicht sehr freundlich ist. Eine Zeit lang versuchte ich zu lächeln und
auch alles als Mist hinzustellen, Anna`s Reaktion: So blöd ist es gar
nicht.
Aber auf Dauer kann ich dies nicht.
Lernen läuft so ab: Ich sage ihr, sie möge doch bitte in ihrem Zimmer
die Aufgaben versuchen zu lösen, mit Hilfe des Heftes und des Buches
usw. - es dauert keine 10 Minuten ist Anna da. Fertig oder ich kann es
nicht oder Mama, hilf oder Mama , komm mit hoch.
So sitze ich fast jeden Nachmittag und am Wochendende bei ihr und
versuche ihr den Stoff zu vermitteln.
Ich probierte auch schon aus, wegzugehen.  Das Resultat: Habe alles
gemacht. Sofern ich dann die Vokabeln abfrage, erkenne ich, dass sie
mehr träumt oder nicht alles kann .
So auch gerstern. 6 Stunden lernen, was sehr viel ist und eigentlich
nicht die Norm. Ständiges Rufen von Anna, ich möge doch kommen.
Abends reden wir dann: Ja, ich gebe mir Mühe. Ich versuche es anders zu
planen oder alleine zu lernen.
In Erdkunde und Bio sowie Reli wollte ich mich ausklinken. Erdkunde:
Note 5.
Sie lesen sicherlich eine Hilflosigkeit heraus. Ja, das bin ich. Was
verlange ich von meinem Kind? Wie viel darf ich verlangen? Die
Streitereien. Dann hängst sie wieder an mir, sie liebe mich so und es
solle doch besser werden.
Anna schweigt dann auch lange Zeit und redet nichts. Andererseits sagt
sie mir klar und deutlich auch ihre Meinung ins Gesicht, wie ich mich
verhalte. Und sie hat ja Recht.
Nur -wie soll ich mich verhalten?  Ich will ihr immer helfen - in allem
und da sein.
In der Schule - so Anna - wird sie von einer Mitschülerin, die neben ihr
sitzt, seit ca. 5 Wochen beschimpft: Anna, du bist dumm. Du kannst
nichts. Du bist blöd. Anna schluckt dann, weil sie dieses Mädchen nicht
verlieren möchte. Schließlich würde sie dann ausgeschlossen werden usw.
Darüber reden wir viel. Anna meint dann, es wird schon besser. Dann sagt
sie wieder, sie wolle von der Schule gehen. Dann gefällt es ihr wieder.
Was kann ich in all dem Trubel und der Hektik tun? Ich fühle mich leer
und glaube, als Mutter dauernd zu versagen.
Ihre Antwort und evtl. eine Adresse,an die ich mich wenden kann würden
mir vielleicht helfen.
Mit freundlichen Grüßen
M. M.

P.S. Heute ist Elternabend und ich werde zur Klasslehrerin gehen

Liebe Frau M., vielen Dank für die Schilderung Ihres Problems mit der Tochter! Sie haben das Problem ja schon selbst erkannt: es liegt an Ihrem Verhalten gegenüber der Tochter. Sie können sich nicht richtig abgrenzen von Ihrer Tochter. Wenn man Ihren Brief liest, hat man den Eindruck, da sitzen zwei Schwestern bei den Hausaufgaben, nicht eine Erwachsene und ein Kind. Lassen Sie Ihre Tochter ab sofort die Hausaufgaben alleine machen, auch wenn sie sich daran erst gewöhnen muss. Beenden Sie diesen Kurs "Lernen lernen" (das ist wirklich Quatsch!), er kostet die Tochter nur wertvolle Freizeit. Was soll denn solch ein Kurs, wenn Sie zu Hause immer wieder Erziehungspraktiken ausüben, die das Lernen lernen für Ihre Tochter erschweren? Beschließen Sie, ab sofort nur noch höchstens 30 Minuten täglich mit der Tochter zu üben oder Hausaufgaben nachzusehen etc. Keinesfalls länger. Überhaupt: Lassen Sie sie in Ruhe. Den Trubel und die Hektik, die Sie beklagen, fabrizieren Sie doch selbst die ganze Zeit! Anna entscheidet allein, wie sie lernen möchte. Wenn Ihre Tochter nicht bald lernen kann, selbständig ihre schulischen Dinge zu erledigen, dann ist sie vielleicht auch fürs Gymnasium gar nicht geeignet. Ihr Tochter kann aber nur selbständig lernen, wenn Sie sich stark zurücknehmen. Nicht Sie gehen auf die Schule! Wenn Ihre Tochter dabei vorübergehend schlechter wird, weil sie sich erst umgewöhnen muss, dann müssen Sie diesen Preis bezahlen und dürfen nicht rückfällig werden. Da müssen Sie dann durch, bis es wieder besser wird.

Viel Erfolg wünscht Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

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