Sehr geehrter Herr Schmidt,

ich habe eine Tochter, die 13,5 Jahre alt ist, dabei aber einen wesentlich
älteren Eindruck macht. Sie ist in der 8. Klasse des Gymnasiums und ihre
Noten stehen zur Zeit sehr schlecht. Was sich in der 5. Klasse schon
angebahnt hatte, hat sich mittlerweile verstärkt: sie hat eigentlich kein
Interesse an irgendeinem Thema, das in der Schule angeboten wird. Auch die
außerschulischen Interessen sind nicht sehr intensiv. Sie geht einigermaßen
gerne in die Schule, fühlt sich in der Klassengemeinschaft wohl, ist dort
beliebt und will auch das Abitur machen. Obwohl ihre Versetzung gefährdet
ist, lernt sie nicht so intensiv, wie sie müsste, geht z. B. mit einer
Freundin zum Einkaufen statt auf die Arbeit am nächsten Tag zu lernen.
Ich konnte leider nie die Hausaufgaben und das Lernen kontinuierlich
begleiten, da ich voll berufstätig und alleinerziehend (Kontakt zum Vater
ist sehr schlecht) bin.
Ich habe schon oft mit meiner Tochter über das Thema Noten gesprochen ­ in
dem Sinne, dass ich mit ihr gemeinsam eine Strategie und Lösungswege
entwickeln wollte und ihr hierbei meine Hilfe anbot (mit Zwang ist da nichts
mehr zu machen).
Ich mache mir große Sorgen, dass sie sitzen bleibt, befürchte eine
Entmutigung, so dass sie weiterhin schulische Probleme haben würde.
Natürlich übe ich da einen gewissen psychischen Druck aus, aber mit
Loslassen würde keinesfalls eine Verbesserung erreicht werden ­ entweder
eine Verschlechterung oder gleicher Zustand.
Können Sie mir einen Rat geben?

Mit freundlichen Grüßen, C.

Liebe Frau C.,
gern gebe ich Ihnen einen Rat, auch wenn er nicht ganz leicht umzusetzen sein könnte: Aus meiner Sicht appelliert Ihre Tochter mit ihren Schulschwierigkeiten unbewusst an die leider wohl schon länger brachliegende gemeinsame Verantwortung ihrer Eltern. Die Schulprobleme Ihrer Tochter haben aus meiner Sicht eine psychische Ursache darin, dass Vater und Mutter wahrscheinlich schon lange nicht kooperieren, wenn es um die gemeinsame Tochter geht. Wie kann da ein Kind problemlos in der Schule "funktionieren", wenn die Beziehung zum Vater so schlecht ist?

Die Frage an Sie ist also, was Sie tun können, um den Kontakt Ihrer Tochter zum Vater zu verbessern. Was können Sie dazu beitragen, damit auch der Vater ernsthaften und nachhaltigen Anteil nimmt an den derzeitigen Schulfragen seiner Tochter? Sollten Sie dazu nicht vielleicht eine Familienberatungsstelle aufsuchen, in der auch der Vater intensiv einbezogen wird, um diese sehr wichtigen Fragen der gemeinsamen Elternverantwortung zu regeln? Ihre Tochter fordert das aus meiner Sicht unbewusst ein. Sie braucht Einvernehmen und wohlwollende Zusammenarbeit von Vater und Mutter, gerade auch, wenn die geschieden sind, um in der Schule unbelastet ihr Bestes geben zu können.

Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt