Hallo!
Heute stieß ich auf diese Seite und irgendwie kann ich sie nicht
einfach schließen, ohne mal den Versuch zu wagen, eine Meinung
zu meinem Gefühlschaos zu bekommen! (Obwohl, ich muß
zugeben, ich ein wenig Angst davor habe!!)
Also, meine Geschichte beginnt ganz normal: Ich habe mit 21
geheiratet, mit 23 das 1.Kind bekommen. Nicht ganz geplant, aber
doch sehr erwünscht! Danach habe ich noch 3 weitere Kinder mit
meinem Mann bekommen, das kleinste ist nun 17 Monate alt, ich
mittlerweile 33!
Mein Mann und ich sind eigentlich ein sehr tolles Team. Wir haben
ein Haus, wir sind doch ganz glücklich mit unserem Leben! Wäre
da nicht die "Gesellschaft", die uns für total bescheuert erklärt, weil
wir 4 Kinder haben. Leider haben wir solche Reaktionen auch aus
dem Familienkreis zu hören bekommen, womit ich gerade in der
Schwangerschaft sehr zu tun hatte. Es hat mich sehr gekränkt.
Wir beide wünschen uns eigentlich noch mehr Kinder, da wir das
Gefühl haben, noch so viel Liebe geben zu können und die Kinder
für uns das "kostbarste Geschenk" sind.
Sie werden sich nun sicher fragen, was mich bedrückt. Ich will es
mal so ausdrücken: Um mich herum sehe ich Ehen mit 2 oder 3
Kindern, die alle "genug" haben und wir nicht. Wir unterscheiden
uns so sehr vom Denken und Handeln, vom Prioritäten-Setzen, von
den Wertstellungen des Geldes, der Räumlichkeiten (Anm. Wir
sind nicht der Meinung, daß Kinder alles haben
müssen; die wichtigen Dinge kann man doch nicht kaufen).
Manchmal denke ich, wir haben uns total verlaufen in dieser Welt!
Wo kann ich mich einordnen?
Zur Zeit fahren die Gefühle Achterbahn: Ich wünsche mir doch so
sehr noch ein Kind und wir sind uns einig, aber ich weiß oftmals
nicht, ob ich nicht total "unnormal" bin!!??
So, ich bin gespannt, was Sie mir dazu sagen können! Freue mich
sehr auf eine Antwort!
Gruß, Emily

Liebe Emily,
bei Ihrem Brief geht mir richtig das Herz auf! Wenn Sie um sich herum Ehen
mit 2 oder 3 Kindern sehen, haben Sie ja noch Glück! In städtischen
Bereichen sehen Sie heute ja schon immer mehr Ehen völlig ohne Kinder oder
mit nur höchstens einem Kind. Immer mehr Frauen bekommen ihr erstes und oft
einziges Kind in einem Alter, in dem Sie derzeit mit 4 Kindern sind, liebe
Emily.
Andererseits gibt es mehr Familien, als Sie vielleicht glauben, die so
denken wie Sie und Ihr Mann. Viele können sich mehrere Kinder tatsächlich
finanziell nicht leisten, obwohl sie vielleicht möchten. Bei vielen Paaren
ist der Kinderwunsch ausserdem unterschiedlich ausgeprägt, der Mann sieht
das anders als die Frau, so dass dann irgendein Kompromiss gefunden wird.
Ich kenne viele Einzelkind-Familien, in denen dies so ist: ein Ehepartner
hätte sehr gern weitere Kinder, der andere aber nicht. Deshalb sollte bei
der Partnerwahl immer auch der Kinderwunsch ein Kriterium sein.
Ihr Problem der sozialen Isolierung wegen Ihrer 4 Kinder kenne ich. Ich
kenne mehrere Familien, die allein deshalb als "asozial" angesehen werden,
weil sie 3 oder mehr Kinder haben, sonst aber keinerlei "asoziale"
Auffälligkeiten zeigen. Wenn man in unserer Gesellschaft viele Kinder hat,
muss man gleichzeitig sehr, sehr reich sein, sonst gilt man schnell als
"asozial". Da ist ganz einfach entweder eine schlimme Kinderfeindlichkeit am
Werke, oder, was ich nicht selten festzustellen glaube, auch ein tief
sitzender Neid bzw. Zweifel an der eigenen Lebensplanung und am eigenen
Lebenssinn. Kinder sind und bleiben ja eine einzigartige Lebenserfüllung.
Viele Menschen leiden heutzutage an ihrem sinnentleerten, egoistischen und
sozial isolierten Leben, auch wenn sie es nicht zugeben. Ich kenne ein
Ehepaar, das durch einen Verkehrsunfall sein einziges Kind verloren hat und
seitdem in rastloser Weise von Urlaubsort zu Urlaubsort jettet und im
Bekanntenkreis mit diesen Reisen auffällig protzt. Als ihnen kürzlich ein
Ehepaar mit 3 Kindern entgegnete, sie hätten gar nicht das Geld, um dauernd
in Urlaub zu fahren, hat dieses Ehepaar bedauernd gelächelt! Das Ehepaar mit
den 3 Kindern kam sich in dem Moment ganz popelig vor, es war ganz blass im
Gesicht, das andere Ehepaar sonnengebräunt wie stets!
Liebe Emily, stehen Sie zu Ihrer Lebensplanung! Sie haben natürlich bedacht,
dass jedes Ihrer Kinder, je nach Berufskarriere, mindestens 20 Jahre von
Ihnen mehr oder weniger stark abhängig sein wird. Wenn Ihr derzeit jüngstes
Kind einmal 20 Jahre alt ist, sind Sie ca. 53 Jahre alt, Ihr Mann
wahrscheinlich noch 3 Jahre älter. Dann sind Sie sicher immer noch jung
genug, um als Ehepaar eine Nach-Kinder-Phase geniessen zu können, oder?
Mit freundlichem Gruß, Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt
(Bitte denken Sie an eine Rückmeldung zu dieser Beratung! Danke!)

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