| Guten Tag, unser Sohn hat ein Problem, das inzwischen die ganze Familie belastet. Er ist 14 Jahre alt und besucht eine Hauptschule mit der Option, in den letzten zwei Jahren in einer besonderen Klasse den Realschulabschluss zu erreichen. Er ist mit einem Notendurchschnitt von 2,0 ein sehr guter Schüler, so das dieser Wechsel in der nächsten Klasse stattfinden wird. Seit ca. zwei Jahren hat er in immer kürzer werdenden Abständen Probleme. Er verzettelt sich bei den Hausaufgaben, fragt jeden Satz mehrmals nach, bevor er ihn zu Papier bringt und läßt sich täglich alle Vokabeln, auch die bereits mehrfach gelernten und gut gekonnten, abhören. So kann es vorkommen, dass er sich (und mindestens ein Familienmitglied) von 14 Uhr bis zum Schlafengehen mit der Schule beschäftigt, dann aber oft erst nach für uns alle sehr belastenden Szenen im "Endspurt" seine Arbeiten zuende bringt. Er erwartet, dass wir (Eltern, älterer Bruder) ihn dabei unterstützen (jeden Satz absegnen, abhören usw.). Ranzen packen kann am Ende eines solchen Abend schon mal eine ganze Stunde dauern, weil er sich ständig vergewissert, ob er alles eingepackt hat und den Ranzen dafür mehrfach wieder völlig auspackt. Drei Besuche beim Schulpsychologen führten zu dem Ergebnis, dass es eigentlich keine Probleme gibt, der Schulpsychologe konnte unsere (!) Probleme nicht nachvollziehen. Wir Eltern haben unseren Sohn nie zu besonderen Leistungen "getrieben", wir haben ihn zum Beispiel darin bestärkt, zur Hauptschule zu gehen, damit der Druck nicht zu hoch wird und wir damals noch nicht wussten, wie er sich leistungsmäßig entwickelt. In extremen Situationen blockt er ab, belagert uns und empfängt uns zum Beispiel, wenn wir von -seltenen- Ausgängen abends nach Hause kommen, mit aufgeschlagenem Heft hinter der Haustür ("bitte nur noch einmal abhören, ich bin mit einem Wort noch nicht sicher"). In der Schule arbeitet er offensichtlich selbständig, die Lehrer sprechen uns immer wieder an, warum er nicht direkt zur Realschule geschickt wurde, weil er doch ein so guter Schüler ist. Das Sporttraining wird immer häufiger abgesagt, Kontakt zu anderen Kindern hat er inzwischen während der Woche auch kaum noch, weil er dann ja keine "Zeit mehr für die Hausaufgaben" hat. Da die Situation für ihn und uns immer belastender wird, möchten wir wissen, wohin wir uns wenden können, damit ihm geholfen wird. Vielen Dank |
Hallo,
man hat den Eindruck, als hätte Ihr Sohn aus der Erfahrung
heraus, dass Sie ihm seinerzeit zur Hauptschule geraten haben,
das Gefühl bekommen, Sie trauen ihm nicht so viel zu. Jedenfalls
scheint er sich seither sehr stark zu bemühen, Ihnen zu
beweisen, dass er sehr tüchtig ist. Also: Freuen Sie sich über
Ihren ehrgeizigen und intelligenten Sohn, spielen Sie aber alles
herunter und gehen Sie nicht mehr so sehr auf sein Spielchen ein.
Wenn er noch einmal abgehört werden will, sagen Sie freundlich:
"Nein, bitte wirklich nicht. Versuche es alleine, du kannst
das!" Gehen Sie häufiger abends aus (Sie betonen, dass Sie
abends selten ausgehen, als wenn das ein Vorteil für Ihren Sohn
wäre!), ignorieren Sie sein Ehrgeizspiel freundlich, aber
bestimmt, viel stärker. Warum muss er sich auf diese Weise so
viel Aufmerksamkeit erwerben? Darüber sollten Sie nachdenken.
Ich habe den Eindruck, Ihr Sohn würde das Thema
"Schulerfolg" sehr stark benutzen, um Ihre
Aufmerksamkeit zu erwerben und Ihnen etwas zu beweisen. Hat er so
große Angst zu versagen? Ich vermute, Sie sind als Eltern sehr
viel ehrgeiziger, als Sie hier zugeben. Die 3 Besuche beim
Schulpsychologen sprechen dafür. Warum waren die nötig? Ihr
Sohn hat daraus vielleicht geschlossen, dass Sie unzufrieden mit
ihm sind, und deshalb strengt er sich so an, damit Sie endlich
zufrieden mit ihm sind.
Mit freundlichem Gruß,
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt