Lieber Herr Schmidt !

Wie schön das sie hier ihre Dienste zur Verfügung stellen. Darum
werde ich auch sofort mit meinen Problemen loslegen.
Vorab möchte ich mich aber doch noch kurz vorstellen.
Ich bin Frau E. aus dem "Hohen Norden",habe eine 5 Jährige
Tochter,Habe mich im November 1999 von meinem Mann getrennt
und lebe seit Mitte Januar mit einem neuen Partner und dessen 3
Kinder unter einem Dach.
Mein Partner ist voll Berufstätig und somit habe ich die volle
Betreuung für alle Kinder übernommen.
Nun ist es nicht immer ganz so leicht alle gerecht zu behandeln.
Die leibliche Mutter der Kinder spielt dabei eine nicht
unwesentliche Rolle.
Momentan läuft in unserer Beziehung alles drunter und drüber.Der
Älteste ihrer Kinder dreht ständig "durch" wenn es heißt heute fahrt
Ihr wieder zu Mama.z.B.ich sage ihm etwas und sofort erwidert er
du bist nicht meine Mutter das hast du nicht zu bestimmen,oder
wenn ich halt erzieherisch auf ihn einwirken muß nimmt dies die
gleichen Ausmaße an.Bei den Beiden Jüngeren Kindern ist das in
dieser Form nicht so stark ausgeprägt. Bei ihnen haut die
Kleinste(2) wenn sie nicht hören möchte mit dem Kopf auf den
Fußboden oder gegen die Wand bis die Stirn einen blauen Fleck
hat.Der Mittlere näßt nachts seit dem sein Vater auf dem Lehrgang
war ein.Am Anfang auch Tagsüber aber dies habe ich schon fast
wieder mit ihm beseitigen können.Besonders "aufsässig" sind sie
wenn sie von ihrer Mutter kommen und wieder hinfahren.
Nun ist es zwischen dem Ältesten und mir so eskaliert das ich zu
meinem Partner gesagt habe entweder zieht der Junge zu seiner
Mutter oder ich ziehe aus. Es herschen immer mehr heftigste
Auseinandersetzungen zwischen mir und dem Vater der Kinder
bezüglig der Kindererziehung.
Sein Vater schrie mich vor seinem Sohn an, hör auf zu dem Kind
zu sagen das er wenn er sich den Regeln hier nicht anpaßt eben
zu seiner Mutter ziehen muß, obwohl von dem Vater selbst auch
schon dieses zu ihm gesagt wurde.
Nun muß ich noch dazu schreiben das die leibliche Mutter bei jeder
Gelegenheit betont wenn ihr nicht das macht was ich sage dann
hole ich die Kinder zu mir.Das will der Vater natürlich auf gar
keinen Fall.Zu uns sagen die Kinder das sie hier wohnen möchten
und zur Mutter sagen sie das sie bei ihr wohnen möchten.
Mein Partner fühlt sich deswegen von ihr dermaßen unter Druck
gesetzt das er aus Angst und um sie ruhig zu halten auf ihre
unmöglichen Forderungen fast immer eingeht.
Dann gibt es natürlich immer wieder schlimme Diskussionen.
Ich habe keine Lust mir von dieser Frau mein ganzes Leben lang
alles vorschreiben lassen zu müssen, nur weil er aus Angst so
lebt, hier bei uns wohlgemerkt in erster Linie das macht was sie
will.
Ich bin der Meinung das dies nicht die Basis einer glücklichen
Beziehung sein kann, wenn die obersten Prioritäten von ihr
abhängig gemacht werden.
Haben Sie ein paar gute Tips für mich für die Zukunft?
mfg Frau E.

Liebe Frau E.
da haben Sie sich ja etwas aufgehalst! Sie haben die Erziehung von 4 schwer
enttäuschten kleinen Kindern übernommen, die überwiegend mit Ihnen gar
nichts zu tun haben wollen (jedenfalls was die 3 Kinder Ihres Partners
betrifft). Ihre eigene Tochter haben Sie und ihr Vater (von dem Sie gar
nichts schreiben) enttäuscht. Die 3 Kinder Ihres Partners haben er und deren Mutter
enttäuscht.
Ich kann nur sagen: die Rolle als "neue" Mutter für die 3 Kinder Ihres
Partners kann so, wie Sie es anstellen, nur schiefgehen. Es ist eine
unmögliche Aufgabe, die Sie sich noch einmal gründlich überlegen sollten.
Warum leben die 3 Kinder nicht bei ihrer Mutter? Diese 3 Kinder haben durch
die elterliche Trennung praktisch auf einen Schlag partiell beide Eltern
verloren (bei der Mutter leben sie nicht mehr, der Vater ist voll
berufstätig. Stattdessen sind sie nun bei Ihnen, einer fremden Person, die
auf einmal "Mutter" sein will). Das kann nicht gutgehen. Ihre eigene Tochter
lebt wenigstens noch bei Ihnen, sie hat also "nur" den leiblichen Vater
partiell verloren.
Wie hat Ihr Partner sich das alles vorgestellt? Er nimmt die Kinder zu sich,
kann sich aber selbst kaum darum kümmern. Stattdessen "heuert" er eine
"neue" Mutti an, die seine Kinder nicht wollen (alle Kinder in getrennten
Ehen lehnen den wie in Ihrem Fall zu schnell auftauchenden neuen Partner des
Vaters oder der Mutter zunächst völlig ab) und mit der er dann auch noch
streitet, anstatt einzusehen, dass seine Planung grundsätzlich nicht
aufgehen kann, und dass er zuviel von seinen Kindern und von Ihnen verlangt.
Zusammenfassend möchte ich betonen, dass die Erziehung der 3 Kinder Ihres
Partners weiterhin erst einmal völlig in der Verantwortung ihrer leiblichen
Eltern liegt, nicht bei Ihnen, liebe Frau E.. Erst wenn diese beiden ihre
Verantwortung für die Kinder einvernehmlich und zum Wohle der Kinder
praktizieren würden, wäre Platz für Sie bei den Kindern, liebe Frau E.
Vorher sollten Sie sich auf Ihre eigene Tochter konzentrieren und die
Verantwortung für die 3 anderen Kinder mal wieder schön brav an Ihren
Partner und die Mutter der Kinder zurückgeben. Erst sind die dran! Solange
die sich nicht einig sind, können Sie als Lückenbüßerin nur Probleme machen
und bekommen. Lösen werden Sie die Probleme nicht. Verlangen Sie deshalb von
Ihrem Partner, dass er sich mit seiner (Noch-)Ehefrau darüber einigt, dass
die Kinder bei ihrer Mutter leben sollen. Ich glaube, das wollen die Kinder
auch. Der Älteste legt es ja geradezu darauf an, wieder zu seiner Mutter zu
kommen (paradoxerweise drohen Sie ihm sogar damit; dabei könnten Sie ihm
wahrscheinlich gar keinen größeren Gefallen tun, wenn er zur Mutter könnte.
Allerdings im Einvernehmen mit seinem Vater). Oder will die Mutter die
Kinder nicht?
Ich glaube, Sie brauchen für all dies viel Kraft und eine gesunde Portion
Egoismus! Lassen Sie sich nicht im Konflikt Ihres Partners mit der Mutter
seiner Kinder verschleißen und ausnützen. Für die Erziehung der Kinder Ihres
Partners sind Sie nicht verantwortlich. Denken Sie zuerst an sich und Ihre
eigene Tochter. Die hat ja auch etwas zu verarbeiten. Der muten Sie ja mit
der jetzigen Familienkonstellation auch einiges zu!
Ganz allgemein: Nach der elterlichen Trennung ist es für Kinder sehr
wichtig, erst einmal eine längere Phase (ca. 2 Jahre) des "Alleinerziehens"
zu praktizieren. Eine Phase, in der die Tragödie der Trennung von den
Kindern verarbeitet und überwunden werden kann. Erst dann sollten neue
Familienkonstellationen langsam aufgebaut werden. In Ihrem Fall, liebe Frau
E., kommt für die Kinder alles viel zu plötzlich: Im November getrennt, im
Januar mit einem Partner und 3 weiteren Kindern als Familie zusammen...
Alles Gute wünscht Ihnen Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

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