| Lieber Herr
Schmidt, Ich wurde ersatzweise fuer meinen mit 8 jahren ertrunkenen Bruder ertrunken. Meine Mutter konnte den Tod meines Bruders lange Zeit nicht vergessen. Besondere Schwierigkeiten hatte sie wohl wenn ich gluecklich oder lustig war denn dann sagte sie mir immer das ich ja nur auf der Welt waere weil damals mein Bruder ertrank. Als Kind habe ich sehr darunter gelitten und als ich 8 war gedacht nun n Muesste ich auch ertrinken und war erstaunt das ich neun wurde. Als Kind habe ich auch immer meinen Stuhlgang zurueck gehalten manchmal bis zu 3 oder 4 Tagen. Inzwischen bin ich 44 Jahre alt und lebe im Ausland. Mit meinen jetzigen Partner bin ich seit 15 Jahren zusammen. Wir hatten anfaenglich eine schwierige Beziehung. Ich hatte glaube ich , und habe wohl immer noch grosse soziale Angst aus mich heraus zu gehen und freundschaften zu schliessen. Vor 15 Jahren glaubte ich das noch unter Kontrolle kriegen zu koennen. Mein Partner war damals frisch geschieden und sehr anhaenglich. Ich habe immer versucht aus dieser anhaenglichkeit raus zu kommen hat aber nie so richtig geklappt. Mein Partner hat zwei Kinder aus erster ehe die inzwischen erwachsen ist. Die eine tochter hat zeitweise be uns gelebt, was aber nicht geklappt hat. Da ich mich nie von ihr anerkannt fuehlte und sie recht schwierig war da sie glaubte an der Scheidung schuld zu sein. Irgendwann bekam ich dann mal eien wut ausbruch und habe sie geschlagen worauf ich mich entschied mich von meienm partener zu trennen, da ich das gefuehl hatte alles nicht mehr aushalten zu koennen. Insbesondere hatte ich mich sexuell sehr stark unter druck gesetzt gefuehlt. Wenn immer er sex wollte und ich nicht hat er sich mir tagelang entzogen und seine Tochter gegen mich ausgespielt. Ich wollte mich schon lange Zeit von ihm trennen hatte aber das gefuehl ohne ihn ganz allein auf der welt zu sein ohne neue Freunde finden zu koennen. Was ja im ausland um so schwieriger ist. Die trennung war nur fuer ein paar tage, er hat seine tochter zur mutter zurueck gebracht , was auch ein Drama fuer ihn war da es die mutter nicht wollte. Ich glaube er hat darunter sehr gelitten und die tochter meidet heute den kontakt so weit wie moeglich. Um im Leben ein Ziel zu haben habe ich dann vor 8 Jahren angefangen Psychologie zu studieren und bin gerade dabei meinen Doctor zu machen. Mein Partner hatte vor zwei Jahren eine heftige affaire mit einer Untermieterin und seit dem kann ich ihm nicht mehr vertrauen. Er wollte sich damals trennen ich konnte ihn nicht gehen lassen aus angst vo dem allein sein. Ich habe hier zu kaum jemanden kontakt oder freundschaft. Seit der affaire ist dies noch schlimmer geworden denn er gestand mir damals das er mich schon von anfang an unserer Beziehung mit meinen Freundinen betrogen hatte. Seit dem faellt es mir noch schwerer auf andere Menschen zuzugehen, wei lich mir dauernd ueberlege ob ich mir da wieder einen Seitensprung heranhole. Wir hatten dann vor 2 jahren eine Paartherapy gemacht und mein Partenr hat sich seit dem sehr stark veraendert oder gibt sic hauf jeden fall so. Er hat mehr verstaendniss fuer meine Gefuehle, uebt nicht mehr so viel Druck aus wenn ich mal kein Lust auf sex habe, ist sehr aufmerksam und beteuert wie leid ihm allles tut. Mit mir geht es jedoch seit dem berg ab. Ich kann das alles einfach nicht vergessen und auch meine arbeit leidet. Fuer meine Thesis muss ich Leute interviewen und das faellt mir sehr schwer, da ich ja schon immmer ein sehr scheuer Mensch war. Ich zoegere Termine oft bis zum letzt moeglichen hinaus bevor ich mich dann doch aufraffe. Im grossen und ganzen bin ichtiefungluecklich, und habe das Gefuehl nie da ankommen zu koennnen wo ich gerne angekommen ware: ein frohlicher selbstbewuster Mensch zu sein der den Dingen und den Menschen offen und liebend entgegen sieht. Was raten sie mir? Ich moechte noch sagen das ichmeinen Partner sehr liebe und trozt der vielen Schlimmen Zeiten auch sehr viel gutes von ihm erfahren habe, insbesondere das Gefuehl geliebt zu werden wasich in meiner kindheit stark vermisste. Es gruest sie herzlich, ICH |
Liebe ICH,
in Ihrem ersten Satz wollten Sie sicher sagen, dass Sie angeblich
als Ersatz für Ihren ertrunkenen Bruder "geboren"
wurden. Sie schreiben aber stattdessen, dass Sie
"ertrunken" wurden, und bei der weiteren Darstellung
stolpern Sie im Absatz vor Schreck, als Sie an das Alter von 8
Jahren kommen, das Alter, als Ihr Bruder ertrank.
In Ihrem Brief schlagen Sie einen Bogen von Ihrer Geburt über Ihre Eheprobleme bis wieder zurück zu ihrer frühen Kindheit. Das sagt mir, dass Ihr wahres seelisches Problem, nämlich Ihr Grundgefühl, als Kind nicht um Ihrer selbst geliebt worden zu sein, sondern nur als Ersatz für den toten geliebten Bruder, sehr tief und mit vielen Verzweigungen seit vielen Jahren in Ihnen wuchert und Sie quält. Darauf läuft in Ihrem Leben sozusagen alles immer wieder hinaus. In Ihrer Paartherapie konnten Sie dieses tiefsitzende individuelle Lebensproblem sicher nicht lösen.Sie sollten deshalb aus meiner Sicht eine Einzel-Psychotherapie machen, am besten eine tiefenpsychologisch oder psychoanalytisch orientierte. Das böte Ihnen die Chance, Ihre frühkindlichen Verletzungen und Traumatisierungen zu bearbeiten und zu überwinden. Sie selbst und die Entwicklung Ihrer psychosozialen Kompetenz würden davon sicherlich profitieren können.
Ich wünsche dabei alles Gute!
Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt