| Sehr
geehrter Herr Schmidt! Vielleicht ist das ein eher ungewöhnliches Problem, aber ich brauche jetzt einfach mal eine professionelle Antwort, weil ich nicht mehr weiter weiß. Während in unserem Bekanntenkreis die Paare über die Feiertage (vor allem Weihnachten) über "Terminstress" klagen, oder genervt vom Pendeln sind, oder sich nicht einigen, bei welchem Elternpaar sie zuerst feiern, geht es bei meinem Partner (30) und mir (29) ins andere Extrem. Mein Freund hat bereits als Kind beide Elternteile verloren und hatte danach Stiefeltern, zu denen er kaum noch Kontakt pflegt. Meine Mutter starb als ich 15 war ganz plötzlich an einer Thrombose und danach hatte ich (Einzelkind) mit meinem Vater eine schwere Zeit, da er schon 3 Monate später eine neue Partnerin hatte, eine Alkoholikerin aus der Nachbarschaft, die ich völlig abgelehnt habe. Er hat dann auch viel getrunken, sie hat schlecht über mich geredet und ihn gegen mich aufgehetzt, und ich habe versucht, ihn "zu erziehen". Dabei habe ich früher sehr an meinem Vater gehangen und ihn damals sehr gebraucht, aber als ich ihn am meisten brauchte, hat er mich allein gelassen. Bis auf einen Großvater, der 500 km weiter weg wohnte, hatte ich keine anderen Verwandten, da meine Eltern ebenfalls Einzelkinder waren. Dann gab es Stress mit meinem Vater wegen Bildung, denn ich habe gegen seinen Willen Abitur gemacht und dann noch ein Studium begonnen. Seine Meinung: Ein Arbeiterkind braucht sowas nicht... Ich sollte so früh wie möglich arbeiten und Geld verdienen. Aber ich wollte das nicht und wollte mich auch nicht dem Willen der damaligen Partnerin unterordnen, die mich sowieso nur als Kostenfaktor sah und mich loswerden wollte. Ich bin dann zum Studium weggezogen, dann gab es noch Geldstreitigkeiten, weil ich ja nicht studieren sollte, und dann ist der Kontakt seit jetzt 6 Jahren ganz abgebrochen. Ich hätte sicher früher mit 15, 16 mehr Aufmerksamtkeit gebraucht, habe sie aber nicht bekommen, von Unterstützung ganz zu schweigen. Und ich suchte zwar Hilfe beim Jugendamt, aber dort nahm man mich nicht ernst. Der zuständige Mitarbeiter kannte mich noch als jüngeres, verwöhntes Kind, da er Vormund einer Schulfreundin war. Er sagte mir immer, wenn ich netter zu meinem Vater wäre und nicht so arrogant, dann wäre alles ok. Das mit dem Alkohol und der Frau wollte er gar nicht hören. Auch als mein Vater mich "rausschmeissen" wollte, kurz vor meinem 18., nahm er nicht ernst. Dabei war ich doch nicht schlimm. Ich hab nix gemacht, bin brav zur Schule gegangen und habe die Wohnung in Ordnung gehalten. Ich war teilweise 6-7 Monate allein zu Haus, wenn mein Vater im Wohnwagen den Sommer verbracht hat. Dann hätte ich was mit Jungs anstellen können, selber trinken, Drogen nehmen können etc., weil sich ja keiner gekümmert hat, aber ich habe nix getan. Und trotzdem gab es nur Stress... Das hat die Beziehung zwischen meinem Vater und mir endgültig zerstört und ich fühle mich besser, seit ich keinen Kontakt mehr habe. Konkret heißt das für mein eigentliches Problem, dass mein Freund und ich eben nicht wie andere Paare an Weihnachten zur Familie fahren, weil wir beide keine Eltern haben. Allerdings treffen wir uns mit seinen Schwestern und deren Kindern. Schlimmer ist aber für mich ein anderer Umstand, wegen dem wir uns jedes Jahr wieder streiten und dieses Jahr war es ganz besonders schlimm. Vor ca. 10 Jahren hatte mein Freund seine erste Beziehung, die ca. 4 Jahre dauerte, in seiner Heimatstadt. Diese jetzt Exfreundin hat eine "normale Familie" und er wurde damals sehr gut in diese aufgenommen. Er war damals der "Schwiegersohn", auch wenn sie damals beide noch sehr jung waren. Auch an Feiertagen war er meist dort, weil er ja selbst damals schon keine Eltern mehr hatte. Mittlerweile sind sie längst auseinander, und er ist schon über 4 Jahre mit mir zusammen, ich bin seine 2. Freundin. Doch er versteht sich mit den Eltern seiner Ex und mit ihr noch immer sehr gut, und sie wohnen auch nicht so weit von uns weg. Da er mal Teil der Familie war, fährt er noch immer an Feiertagen oder zu Geburtstagen zu diesen Leuten, auch jedes Jahr an Weihnachten. Das ist für mich doppelt schlimm, denn zum einen lässt er mich alleine und ich habe eh ein Problem damit, dass er sich mit der Ex noch so gut versteht, auch wenn sie keine "Gefahr" für mich ist. Andererseits habe ich nicht die Möglichkeit, mich in den "Schutz" einer eigenen Familie zurück zu ziehen. Denn um Weihnachten rum bin ich eh schon deprimiert, weil ich mir dann so "unnormal" vorkomme, noch recht jung und ohne Familie. Und dann komme ich mir von meinem Partner doppelt bestraft vor, und ich fühle ich mich gegenüber der anderen Frau, der Ex minderwertig. Sie kann meinem Partner eine Familie bieten, die er ja selbst nicht hat. Und ich stehe ganz allein da und hab weder Familie, noch eine "Ersatzfamilie" für mich und schon gar nicht für ihn. Mein Freund sagt, das habe nichts mit mir zu tun, das sind einfach gute Freunde von ihm. Und sie waren lange vor mir schon Teil seines Lebens, was soll ich dagegen sagen? Andererseits ist er knallhart und hat seine Prinzipien. Er lässt sich von keinem vorschreiben, mit wem er befreundet ist und mit wem er sich trifft. Von mir erwartet er, dass ich alles stillschweigend akzeptiere. Aber das kann ich nicht und bin traurig, verletzt und wütend. Und mein Gemecker provoziert ihn, so dass wir in letzter Zeit kaum miteinander reden, er länger arbeitet, allein ins Kino fährt etc. Ich sage ja nicht, dass seine Exfreundin und ihre Eltern böse Leute sind. Sie hab ich ein paar mal gesehen und die Eltern auch einmal kurz. Aber für mich sind sie nicht einfach nur "Freunde meines Partners", sondern eben die Ex-Familie, die mir das Gefühl geben, mir den Freund wegzunehmen. Und seinen anderen Freunden hat er mich vorgestellt bzw. dort kann ich mitfahren, aber bei dieser Familie kann er mich eben nicht mitnehmen, weil sie die Eltern der Ex sind. Ich bin auch nicht besonders selbstbewusst, so dass ich mit der Situation nicht so souverän umgehen könnte, wie mein Freund das gern hätte. Mein Freund und ich wohnen zusammen in einer Wohngemeinschaft. Nächstes Jahr wird diese sich auflösen und dann steht die Frage an, ob wir dann zusammen ziehen. Da wir zur Zeit viel Stress haben, hat er gesagt, wenn das so weitergeht, dann hat er keine Lust mehr. Eine eigene Wohnung würde ich mir erstmal nicht leisten können, da ich noch studiere. Und eigentlich wollen wir uns auch nicht trennen, da wir ausser wenn es um diese Familie geht wirklich eine schöne Beziehung haben. Sonst ist er der liebste Mann der Welt. Aber bei diesem einen Thema können wir ewig diskutieren und irgendwann hat er die Nase voll und blockt ab. Es gibt eine Möglichkeit, dass er den Kontakt zu den Leuten einschränkt bzw. da nicht mehr an Feiertagen hinfährt, nämlich ab dann, wenn seine Ex einen neuen Partner hätte, was jedoch seit Jahren nicht der Fall ist. Das wäre ihm schon seltsam, seinem "Nachfolger" zu begegnen. Ich verstehe nicht, wo da der Unterschied zu mir ist, und er kann mir das auch nicht sagen. Ich hätte gern eine Einschätzung von Ihnen zu diesem Problem. Ich war schon mal in einem Internetforum von jungen Erwachsenen ohne Eltern und habe das Problem dort geschildert. Die Frauen, die mir geantwortet haben, fanden das Verhalten meines Partners unmöglich und sagten, sie würden sich das nicht gefallen lassen, wenn der Mann zur Ex fährt, und erst recht nicht an Weihnachten. Das sehen auch einige Freundinnen von mir so. Aber vielleicht verlange ich zuviel von ihm, da ich sonst keinerlei familiäre "Wärme" bekomme? Und wenn ich mir das nicht "gefallen lassen" würde, gäbe es nur die Trennung als Konsequenz. Vielleicht reden wir ja auch aneinander vorbei. Denn mein Partner sagt auch immer wieder, so wichtig ist Weihnachten ja gar nicht, ich soll mich nicht immer so aufregen. Aber wenn wir mitbekommen, dass unsere Freunde etc. auch immer zu "ihren Leuten" unterwegs sind, dann wollen wir das ja auch. Er versteht auch nicht, dass ich immer noch deprimiert bin, dass ich quasi elternlos bin, für ihn sei das doch auch kein Problem. Kann es sein, dass es daran liegt, dass er sehr früh (als 6- bzw. 10jähriger) seine Eltern verloren hat, und ich noch einige Jahre "bewusst" eine richtige Familie und Weihnachten hatte? (Meine Omas sind gestorben, als ich 6 und 9 war, und kann mich kaum noch an sie erinnern, deswegen frage ich.) Oder kann ich einfach nur schlecht mit Leuten umgehen, weil ich in meiner Teenagerzeit relativ auf mich gestellt war, oder den Konflikt mit meinem Vater noch nicht wirklich hinter mir habe? Ich will meinen Freund nicht verlieren, schon gar nicht wegen dieser Exfamilie. Nach Weihnachten geht es mir wieder besser und wir haben auch keinen Stress mehr, jedenfalls nicht bis ins nächste Jahr. Ist meine Wut/Eifersucht auf diese Leute denn gerechtfertigt und verständlich, oder hat mein Freund doch recht, dass es "nur Freunde" sind und ich gar nix damit zu tun habe, wenn er da hinfährt? Oder sollten wir doch eher zusammenhalten, wenn wir schon beide relativ allein sind, und nicht auch noch streiten? Vielen Dank für ihre Hilfe. Liebe Grüsse, D |
Hallo,
vielen Dank für Ihren anschaulichen Brief! Ihr erhebliches
Unbehagen über das wenig einfühlsame Verhalten Ihres Freundes
ist völlig normal und verständlich. Wenn er behauptet, ihm
mache seine "Elternlosigkeit" nichts aus, dann täuscht
er sich. Er hat sein Familienschicksal nur etwas anders
verarbeitet bzw. besser verdrängt, als Sie. Außerdem pflegt er
ja die Beziehung zu seinen "Ersatzeltern", nämlich die
Eltern seiner Ex-Freundin, wobei man nicht sicher ist, ob er
wegen deren Eltern noch dahin geht oder wegen der Ex-Freundin
oder wegen beiden. Aber genau das ist ja für sie so quälend.
Normalerweise beendet man ja die Beziehung zu den Eltern einer
Partnerin, wenn man die Beziehung zu ihr beendet. Dass Ihr Freund
das nicht kann, ist wohl vor dem Hintergrund seines
Familienschicksals verständlich.
Dass Sie sich vor Ihrem familiären Hintergrund gerade zu Weihnachten (aber nicht nur dann) familiär ausgeschlossen fühlen und noch dazu hinnehmen sollen, dass Ihr Freund noch starken familiären Kontakt zu seiner Ex-Freundin pflegt und Sie dabei ausschließt, ist also doppelt schwer für Sie. Es kommt noch dazu, dass sich Ihr Freund so unzugänglich zeigt und Sie sogar damit erpresst, dass er die Beziehung zu Ihnen beenden könnte. Er weiß sicher, wie schwer Ihnen die Trennung von ihm fallen würde, weil Sie dann wieder vollkommen allein dastünden.
Andererseits halte ich Sie für einen Menschen, der sich in solchen Lagen immer noch selber zu helfen wusste. Wie Sie Ihr eigenes familiäres Schicksal mit Ihrem Vater und seiner neuen Frau damals gemeistert haben, verdient alle Achtung. Da haben Sie doch bewiesen, dass Sie sich um sich selber sehr gut kümmern können, auch wenn es schwer fällt. Dass Sie ein starker und lebenstüchtiger Mensch sind. Damals haben Sie sich eben nicht vom Vater und seiner neuen Frau Fesseln anlegen lassen.
Meine Frage: Warum lassen Sie sich nun von Ihrem Freund Fesseln anlegen? Sie sollten da selbstbewusster vorgehen. Verlangen Sie, dass er Sie ab sofort mitnimmt, wenn er die Familie seiner Ex-Freundin besucht (das wäre immerhin eine Möglichkeit, diesen Kontakt Ihres Freundes zu dieser Familie mittelfristig einschlafen zu lassen), oder Sie würden nicht bereit sein, auf der gegenwärtigen Basis in Zukunft mit ihm zusammen zu leben. Drohen Sie ihm mit Trennung, wenn er sich nicht endlich für Sie und gegen seine Exfreundin und ihre Familie entscheidet. Ich vermute, dass er an Ihnen genauso hängt, wie Sie an ihm, und dass er Sie nicht aufgeben wird, wenn er wirklich vor die Alternative gestellt wäre.
Das war er aber bisher noch nicht. Seien Sie also nicht weiter so bescheiden. Wenn Sie ihm mit Trennung drohen, muss das ja nicht automatisch Trennung bedeuten. Er muss sich dann entscheiden, und er entscheidet sich doch wohl für Sie. Denn wieder alleine zu sein und dauernd bei der Familie der Exfreundin angewackelt zu kommen, ist ja keine echte Verlockung für ihn. oder? Und auch andere Frauen, die er später kennenlernen würde, würden wieder so fühlen und handeln, wie Sie.
Das glaubt Ihr
Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt