| Guten Abend Herr Schmidt, ich habe ein Problem mit meinen ältesten Sohn. Er ist 5 Jahre und meiner Meinung nach ziemlich unbegründet ängstlich. Seine zwei kleineren Geschwister haben in dieser Richtung keine Probleme. Unser gr. Sohn ist der typische Erstgeborene, er ist zuverlässig, vernünftig usw. auch wenn wir eigentlich versucht haben hier etwas gegen zu steuern. Er hat große Probleme in eine Kindergruppe zu gehen wo er nicht alle Kinder kennt oder wo ihn evtl. etwas Neues erwarten könnte z.B. neue Übungen im Sport. Er weint dann und will nicht dableiben und nicht mitmachen. Es ist auch egal ob ich zusehe die ersten Male. Unser Sohn ist ziemlich sportlich es besteht also kein Grund, daß er Angst hat sich zu blamieren. Wenn es mir gelingt ihn zu überreden es auszuprobieren ist er ganz begeistert von dem Unterricht. Trotzdem ist es eine Woche später wieder genau das selbe Drama. Er kann ziemlich schlecht seine Gefühle in Worten ausdrücken und so ist es mir bisher nicht gelungen das wirkliche Problem zu finden. Heute wollte er z.B. nicht im Fußball bleiben ( er war bereits umgezogen und in der Halle- dann liefer er raus zu mir und weinte und sagte er will wieder mit nach Hause- es ist nichts besonderes gewesen) obwohl er dort seit Sept. 2003 fast ohneTheater hinging. Er wollte mit Fußball anfangen. Er verspricht mir dann auch er geht nächstes Mal wieder hin und er glaubt wohl auch selber dran nur 2 Minuten vorher bricht sein ganzer Mut dann wieder zusammen ( Erfahrung aus anderen Situationen dieser Art.) Ähnliche Weinanfälle hat er auch wenn er z.B. auf einen Kindergeburtstag gehen soll. Er freut sich drauf - sucht für das Kind ein Geschenk aus- geht hin und weit nach der Mama obwohl er Kinder und Eltern jeweils sehr gut kennt. Wird er nicht eingeladen ist er auch traurig. Er hat viele Freunde und wohl auch in seiner Kindergartengruppe keine Probleme mehr ( die ersten drei Monate hat er morgens bei mir kurz beim abgeben geweint- alle waren sicher das ist nicht schlimm und beim ersten Kind eh normal). Er spielt auch im Kika in großen Kindergruppen ohne Probleme Eigentlich soll er dieses Jahr in die Schule kommen, da alle seine Freunde dann mit ihm gehen würden und er sich dadurch leichter täte. Geistig ist er auf jeden Fall ein Schulkind nur emotional? Ich denke ihn nicht in die Schule zu schicken ist keine gute Idee. Die Fage ist nur wie macht man ihn neuen Anforderungen gegenüber mutiger und Gruppentauglich. Ich habe das Gefühl wenn ich ihn in eine Gruppe zwinge ist der Weg hart aber meist erfolgreich. Gebe ich nach und nehme ihn wieder mit zieht er sich immer weiter zurück und gibt immer mehr auf. Bisher dachte ich wir lösen die Ängstlich selber indem wir ihn ermutigen aber nach dem Einbruch heute denk ich er braucht evtl. doch psychologische Hilfe!?. MFG M. |
Hallo,
vielen Dank für Ihren Brief! Ich glaube, Ihr Sohn hat die
doppelte "Entthronung" durch seine Geschwister seelisch
noch nicht verkraftet. Wenn er erst 5 Jahre alt ist und schon 2
jüngere Geschwister hat, dann sind die Altersabstände zwischen
Ihren Kindern wohl eher gering. Vielleicht hat Ihr Sohn aber auch
Zwillinge als Geschwister, das wäre aber auch ein doppelter
Schock für ihn.
Wenn ich also richtig liege, ist verdrängte
Geschwisterrivalität das Grundproblem Ihres Sohnes. Diese
äußert sich bei ihm nicht auf die übliche Weise einer gegen
die Geschwister gerichteten Aggressivität, sondern (schließlich
ist er der typische "vernünftige" Erstgeborene!) durch
das Gegenteil, nämlich Ängstlichkeit, Anhänglichkeit, Angst
vorm Großwerden (=subjektives Abgeschriebensein). Die Szene beim
Fußball ist sehr charakteristisch: Er fühlt sich eben noch
nicht immer fähig, ins raue Schlachtgetümmel hinaus zu ziehen.
Er will lieber auch noch manchmal ein kleines Kind sein wie seine
Geschwister! So etwas gibt es häufig, dass Kinder ihre
Geschwisterrivalität nicht aggressiv, sondern eher ein wenig
depressiv zum Ausdruck bringen.
Zur Abhilfe sollten Sie
überprüfen, ob Sie Ihren Sohn als "Ältesten"
manchmal nicht doch ein wenig überfordern. Zumindest könnte es
sein, dass er dies subjektiv so erlebt. Wie kann er noch mehr das
Gefühl vermittelt bekommen, dass er zwar der "Große",
aber dennoch auch noch ein "Kleiner" sein darf? Zwingen
Sie ihn nicht allzu sehr zu irgendwelchen "großen"
Aktivitäten, weil er wahrscheinlich regelmäßig dann bestätigt
findet, dass er zu Hause stört oder "raus" soll, weil
seine Geschwister jetzt an erster Stelle kommen.
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt