Lieber Herr Schmidt,

ich bin im Moment sehr verzweifelt, aus diesem Grunde, wende ich mich an
Sie.
Ich bin 22 Jahre alt und seit 3 Jahren mit meinem Lebenspartner (31 Jahre)
zusammen.
Ich bin von einer Beziehung in die andere gestürtz und von daher auch nach 4
Wochen schon zu meinem Freund gezogen.
Am Anfang lief alles super. Wir haben uns prima verstanden und viel
unternommen. Nach einigen Monaten fingen die Probleme an. Unsere Vermieter
haben uns die Wohnung gekündigt, da sie mit mir nicht klar kamen. Mein
Freund sagt zu allem Ja und hilft überall. Das hat er dann nicht mehr getan,
da er ja Zeit mit mir verbringen wollte, damit kamen unsere Vermieter aber
nicht klar. Zu diesem Zeitpunkt stand ich kurz vor meiner Prüfung. Wir haben
uns dann eine Wohnung genommen, aber immer im Auge, dass wir uns
schnellstmöglich nach meiner Prüfung etwas neues suchen. Mit dieser Wohnung
begann eigentlich auch der Alptraum, von da an ging es stetig Berg ab. Wir
zankten uns immer öfter und unternahmen immer weniger. Wir haben uns mehr um
andere Menschen als um uns selbst gekümmert. Im Oktober 2001 haben wir dann
unsere 1. Krise gehabt. Wir standen kurz vor der Trennung haben uns dann
aber entschlossen, uns mehr Zeit für einander zu nehmen und es nochmal zu
versuchen. Diese Chance habe ich leider nicht genutzt. Ich hatte so viel
Ärger auf Arbeit, dass ich darüber mein Liebstes vergaß. Ich war nur noch
schlecht gelaunt und genervt und hatte zu nichts mehr Lust. Wir sind nur
noch zu sogenannten "Pflichtterminen" zur Familie gefahren aber richtig nur
für uns waren wir nicht. Wir wissen nicht einmal mehr wie es ist, sich
richtig zu langweilen. Da ich überhaupt kein Weihnachtsmensch bin, gab es
wie jedes Jahr Streit zu Weihnachten. Wir waren dann so angenervt, dass wir
beschlossen haben, die Feiertage getrennt voneinander zu verbringen, da mein
Partner ein Weihnachtstyp ist. Am Donnerstag vor Weihnachten hat es dann
richtig geknallt. Mein Partner hielt es nicht für nötig mir bescheid zu
sagen, dass er nicht nach Hause kommt und ich habe mir natürlich Sorgen
gemacht und ihn am nächsten Tag zur Rede gestellt. Ich habe gesagt, das es
mir egal ist wo er ist oder bei wem aber ich mache mir Sorgen, wenn er nicht
nach Hause kommt und mir nicht bescheid sagt. Bis zum 23.12. war dann
Funktstille. Am 24.12. dachte ich dann, das ich furchtbar toll bin, wenn ich
vorschlage, dass wir Weihnachten doch zusammen verbringen. Auf diesen
Vorschlag kam aber ein Nein. Anstatt mich dann für meinen Ausraster zu
entschuldigen, habe ich ihm die Geschenke vor die Füße geschmissen (im
warsten Sinne des Wortes) und habe gesagt, dass ich sie leider nicht
umtauschen kann. So nahm dann alles seinen lauf. Seit dem geht es alles den
Bach runter. Wir haben uns dann unterhalten und er hat mir gesagt, dass ich
ihm die Geschenke mit einem Haßerfüllten Gesicht hingeschmissen habe. Ich
muss dazu sagen, dass ich ein sehr, warscheinlich zu sehr, explosiever und
Impulsanter Typ Frau bin. Anstatt mich zu entschuldigen oder zu sagen was
ist, raste ich aus. Des weiteren bin ich ein eher unordentlicher Typ und
mein Freund ein absoluter Petant was die Ordnung anbelangt. Er sagt, dass er
in den 3 Jahren den Eindruck hatte nur hinter mir her zu räumen und mein
Aschenputtel zu sein. Zugegebener Maßen war es auch so. Ich habe Essen
gemacht und eingekauft, der Rest blieb an ihm hängen. Auch um meinen Hasen
hab ich mich nicht richtig gekümmert (er haßt Haustiere) auch das musste er
machen. Er sagt auch, dass er in den 3 Jahren nie das Gefühl hatte geliebt
und begehrt zu werden. Ich kann das nicht verstehen. Er ist seit Weihnachten
so verändert, dass ich sagen kann, dass er ein Fremder geworden ist. Er
sagte mir dann, dass er sich eigentlich trennen wollte. Er tat es nicht
verlangt aber getrennte Wohnungen. Er fühlt sich nicht nur als Aschenputtel
sondern auch eingeengt und beobachtet. Ich frage ihn zu viel. Ich frage
immer wer mit wem, warum und wieso und wann. Naja, es ist von mir Interesse
und ganz normal aber bestimmmt keine Kontrolle. Wir haben in den 3 Jahren
auch immer alles zusammen gemacht. Wir sind zusammen auf Arbeit gefahren,
haben Pause gemacht und sind zusammen von Arbeit nach Hause gefahren. Leider
war das das einzigste was wir allein gemacht haben. Nun sagt er mir, dass er
seine Freiheit braucht. Er will nicht immer mit mir zur und von der Arbeit
fahren und er möchte sich nicht immer zur Pause mit mir treffen. Ich hab das
leider nie so eng gesehen. Im nachhinein ist mir klar, das er einfach Zeit
für sich wollte, die ich ihm nicht gab und die kleinen Andeutungen auch
nicht gehört habe. Seit Weihnachten bekomme ich weder einen Kuss oder eine
Umarmung ich bekomme nichts. Er sagt selbst, dass er mich mit Gewalt von
sich abschottet. Gleichwohl sagt er mir ins Gesicht, dass er im Moment in
der derzeitigen Situation sehr auf ein Lächeln einer anderen Frau
empfänglich ist. Ich hab den Eindruck, dass er sich jetzt selbst beweisen
muss, dass er für andere Frauen noch interessant ist. Ich bin ihm auch zu
Eifersüchtig. Aber warum, darüber denkt er nicht nach. Er hat mir nie einen
Grund zur Eifersucht gegeben, da ich aber finde, dass er der tollste Mann
auf Erden ist, pass ich schon auf, denn nur er bekommt nicht mit, wie ihn
die anderen Frauen ansehen. Er sieht einfach toll und sehr sexy aus.
Naja, ich hab ihn gebeten uns noch eine Chance in dieser Wohnung zu geben um
ihm zu beweisen, dass ich meine Fehler ändere, vor allem was den Haushalt
angeht. Er möchte das nicht, er sagt das er seinen Entschluss gefasst hat
und davon nicht abzubringen ist. Nun aber wundert er sich, dass ich mich um
180 Grad gedreht habe. Er denkt, dass ich im Haushalt so viel mache, um ihm
zu gefallen er glaubt mir nicht, dass es von Dauer und ohne Zwang ist. Ich
mache die Hausarbeit gern, weil ich weis, dass es falsch von mir war ihn
alles machen zu lassen. Ich bin auch in keinster Weise mehr aufbrausend, da
ich gar keine Nerven mehr dafür habe. Ich liebe ihn so sehr und habe solche
Angst ihn zu verlieren. Das er dem Frieden nicht traut, kann ich verstehen
ich habe den s.g. Sinneswandel auch erst seit 1,5 Wochen. Aber ich verstehen
nicht, warum er mir die Zeit nicht gibt um ihm zu beweisen, das es von Dauer
sein wird. Ich würde so gern in einer neuen Wohnung mit ihm zusammen einen
Neuanfang starten. Wenn er das jedoch nicht möchte ist das auch in Ordnung.
Was nicht in Ordnung ist, ist seine Art. Er ist den einene Augenblick
zugänglich und wir können uns unterhalten und auch mal lachen und im
nächsten Moment ist er Eiskalt und abweisend. Ich kann mit dieser Eiskalten
und abweisenden Art nicht umgehen, denn sie kam von jetzt auf gleich. Ich
habe einfach Angst, dass er doch nicht mehr das für mich empfindet, wie ich
für ihn und er die Beziehung beendet wenn wir getrennt wohnen. Ich kann ihn
nicht mehr einschätzen, dafür ist er mir zu fremd geworden. Ich liebe ihn
und kann auch verstehen dass er sehr verletzt ist, ich habe durch meine Art
vieles kaputt gemacht. Ich weis einfach nicht ob ich ihn in Ruhe lassen soll
und warten soll, bis er mir seine Entscheidung mitteilt oder soll ich sofort
ausziehen (die Wohnung ist noch nicht gekündigt). Was soll ich tun??? Er
sagt, dass er nichts mehr weis und völlig leer ist und keine Lust hat sich
ständig darüber zu unterhalten. Mir fällt es aber sehr schwer nicht darüber
zu reden und nicht an ihn heran zu kommen. Ich möchte ihm meine Gefühle
zeigen und er nimmt sie nicht an sondern freut sich über das lächeln anderer
Frauen.

Ich weis nicht mehr weiter. Haben Sie vielleicht einen Rat für mich??? Was
soll ich tun und wie soll ich mich verhalten. Ich bin so ratlos und vor
allem Kraftlos, weil ich nicht weis, ob ich mit meinem Kampf um ihn Glück
habe oder genau das Gegenteil erreiche. Ich habe keine Angst vorm allein
sein, aber er ist die Liebe meines Lebens mein ein und alles, einfach mein
Traummann.Für einen Rat wäre ich ihnen dankbar. Bitte schreiben Sie mir
nicht nach Hause zurück, da wir uns einen PC teilen und er nicht wissen
soll, das ich mich an Sie gewandt habe.
Bitte verzeihen Sie mir, wenn ich mich etwas wirr ausdrücke aber ich kann
nicht einmal mehr meine Gedanken ordnen aus Angst ihn zu verlieren.

Vielen Dank im voraus
Mit freundlichen Grüßen

Eine sehr unglückliche kleine Frau

Hallo,

vielen Dank für Ihren Brief! Sie schreiben ganz am Anfang, Sie seien mit 19 von einer in die andere Beziehung gestürzt und nach 4 Wochen mit Ihrem jetzigen Freund zusammengezogen. Warum?
Ich glaube, hier liegen die tieferen Ursachen für Ihr Beziehungsproblem. Ich lese es so, dass Sie noch vor Abschluss Ihrer Berufsausbildung von zu Hause wegwollten oder wegmussten und seitdem ziemlich panisch nach dem passenden neuen Zuhause samt Partner suchen, es aber nicht so richtig finden. Warum stürzen Sie sich in Partnerschaften, anstatt erst einmal selbständig und unabhängig zu werden (die Berufsausbildung abzuschließen, zu Hause oder allein in eigener kleiner Wohnung zu leben, und erst dann nach und nach eine enge Partnerschaft einzugehen)?
Ich finde, Sie sollten getrennte Wohnungen nehmen und Ihre Partnerschaft auf der Basis wechselseitiger Unabhängigkeit neu ordnen. Dabei sollten Sie etwas auf Distanz voneinander gehen und einkalkulieren, dass es nicht die letzte und wirklich passende Partnerschaft sein muss, die Sie jetzt und in Zukunft haben. Der relativ große Altersabstand zwischen Ihnen und Ihrem Freund zeigt auch, dass Sie mit Ihren 22 Jahren erst einmal "erwachsen", das heisst unabhängig und selbständig werden sollten, bevor Sie es wieder gemeinsam mit Ihrem derzeitigen (oder einem anderen) Partner in einer intensiven Zweierbeziehung versuchen.
Mit freundlichem Gruß,
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt