Lieber Herr Schmidt,

es ist wie ein Schrecken ohne Ende.
Mein Gewicht ist dabei der Schrecken und meine Eßsucht ist dabei ohne Ende.
Ich bin 30 Jahre alt, glücklich verheiratet und wir haben eine supersüße Tochter von 15 Monaten, unser Sonnenschein.
Ich bin 169cm groß und wiege etwa 77kg (auch schon vor der Schwangerschaft).
Wenn ich meine Tochter (12kg) trage wird mir bewußt wie schwer doch dieses Gewicht zu tragen und zu halten ist - zumal ich tagtäglich mehr als 12kg unnütz mit mir herumschleppe.
Trotz dieser Erkenntnis gelingt es mir nicht, mein Eßverhalten zu ändern um mein Gewicht zu reduzieren.
Allerdings muß ich dazu sagen, daß ich mit dem Thema Essen/Figur seit mindestens 15 Jahren auf Kriegsfuß stehe. Zweimal gelang es mir abzunehmen, aber wie weiß ich nicht mehr, das ist schon so lange her.
Das Übergwewicht das ich so lange mit mir herumschleppe habe ich mir mit etwa 12-13 Jahren zugelegt, obwohl ich auch schon als Kleinkind beizeiten mollig war.
Nicht, daß ich meine Mutter beschuldigen möchte, aber mit ihren endlosen Essensaufforderungen hat sie auch zu meinem Leid beigetragen (wirklich wirklich lästig).
Meine Großmutter, bei der ich vom 1.-4. Lebensjahr (im Ausland) gelebt hatte, hat es auch immer "gut gemeint" mit ihrer Enkelin und sie nötigte mich ebenso.
Nun, alsdann kam meine Pubertät. Mein Vater hatte damals mehrere (Magen-) Geschwüre und er trank oft ein Glas oder zwei zuviel. Er war oft sehr schlecht gelaunt, geradezu unausstehlich. Es schien als hasste er sich selbst und als wollte er den Haß an mir und meiner Mutter auslassen. Er griff mich und meine Mutter nahezu täglich bösartig an (verbal). Ich aber war sein bevorzugtes Objekt zum hemmungslosen beschimpfen und schikanieren. Nur, sie vertrugen sich immerwieder und ich stand alleine da. Meine Freundinnen verstanden meine Lage auch nicht.
Ich weiß nicht mehr genau, was damals mit mir geschah. Ich fühlte mich zutiefst unerwünscht (mir fällt ein, daß ich dieses Gefühl auch schon Jahre zuvor intensiv empfand, damals als ich dann wieder bei meinen Eltern lebte).
Ich fing an, mich immer mehr zu verschließen und haßte mich selbst von Tag zu Tag mehr genauso wie ich meine Eltern von Tag zu Tag mehr haßte. Nicht mehr leben wollte ich, so unerträglich war mein Dasein damals geworden. Essen war mein Ein und Alles geworden.
Meine Mutter existierte damals nahezu gar nicht für mich. Sie unterwarf sich meinem Vater wofür ich sie verachtete. Ich erinnere mich daran, daß ich dann erstrecht häßlich (= dick?) sein wollte um ja niemals einen Mann für mich gewinnen zu können. Einmal mit einem Mann zu leben erschien mir damals widerlich, ich wollte immer alleine bleiben, mein Vater war ja schon so schlimm.
Dies ging so bis zu meinem 18./19. Lebensjahr, dann entspannte sich die Lage, warum weiß ich nicht. Mit 21 zog ich von zu Hause aus, mit 24 lernte ich meinen Mann kennen und lieben (davor gab es auch Männer aber eher zum Erfahrungen sammeln).
Die Beziehung zu meinen Eltern und zu mir selbst wurde immer besser. Längst schon ist alles vergeben, ich entwicklte mich zu einer offenen jungen Frau, die Freude am Leben hat. Auch im Beruf bin ich sehr erfolgreich.
Mein Vater ist zwar bisweilen auch noch manchmal grob und ruppig, aber das juckt mich nicht mehr. Beleidigen und Niedermachen tut er mich nicht mehr. Meine Mutter allerdings scheint Gefallen am Geschimpfe gefunden zu haben, sie provoziert meinen Vater manchmal genau da wo er mit Sicherheit in die Luft geht. Ich glaube aber auch wenn ihre Enkelin nicht wäre hätten sich die beiden nicht mehr viel zu sagen.
Naja, nur eines belastet mich: mein Übergewicht zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Und dabei quält mich das Übergewicht doch so sehr! Und so lang! Es macht mich unglücklich, diese Ohnmacht, dieses Versagen, diese Qual. Es macht mich aber auch wütend weil ich sonst alles aber wirklich alles erreicht habe was ich erreichen wollte.
Aber mein Eßverhalten ist für mich "ungreifbar", fast wie höhere Gewalt oder ferngesteuert. Einerseits möchte ich schlank sein, andererseits muß ich mir den Bauch vollschlagen bis ich pappsatt bin. Und manchmal müssen es natürlich auch echte Figurkiller sein.
"Sowas lächerliches" denken Sie sich sicherlich, das kann doch wohl nicht so schwer sein, die Ernährung dauerhaft umzustellen und ein paar Kilo abzunehmen, zumal man ja auch will. Aber es geht nicht. Ich finde nicht die passende Schere um den roten Faden abzuschneiden.
Ich schäme mich ja auch dafür, schließlich gibt es Menschen mit ganz anderen Problemen...für mich aber ist dieses Problem wie die Pest, und ich möchte es ein für alle mal lösen. Ich will mich nicht ewig mit so einem Mist herumplagen. Schließlich zählt Essen zu den schönsten Dingen im Leben, oder?
Wissen Sie Rat? Haben Sie Vorschläge? Glauben Sie Hypnose könnte hier hilfreich sein? Oder eine Selbsthilfegruppe? Und wo findet man seriöse Angebote?
Hoffentlich habe ich Sie mit der Länge meines Schreibens nicht überfordert!?
Herzliche Grüße
M.

Liebe M.,
vielen Dank für Ihren schönen Brief! Sie geben einen wirklich anschaulichen Abriss Ihres Lebens, den man richtig gerne liest. Ich glaube, Sie quälen sich mit einem chronischen Konflikt herum: auf der einen Seite Ihr Wille und Ehrgeiz, schön, schlank und "erwünscht" im Leben zu sein (wobei Sie ja auch sehr viel erreicht haben), auf der anderen Seite die irgendwo tief drinnen noch sitzende Verzweiflung und der Hass auf die Eltern, die Ihnen das Gefühl gaben, nicht erwünscht zu sein. Sie sagen es ja sehr deutlich: Essen zählt zu den schönsten Dingen im Leben! Das hat sich besonders vor Ihrem emotional traurigen familiären Beziehungshintergrund schon früh als sehr tröstlich erwiesen.
Diese Deutung alleine wird Ihnen aber nicht viel weiterhelfen, wahrscheinlich sage ich Ihnen auch nicht viel Neues hiermit. Ich glaube, in einer Psychotherapie, in der Sie die Gefühle Ihrer Kindheit und Jugend noch einmal genauer anschauen könnten, würde Ihnen wirklich weiter geholfen. Das Ziel einer solchen Psychotherapie könnte für Sie, verkürzt gesagt, darin liegen, dass Sie entweder weniger Essen als Trost benötigen und schlanker werden, oder Sie lernen, sich eines "der schönsten Dinge im Leben" endlich zu gönnen, ohne sich dann andauernd nicht liebenswert zu finden. Dieses Gefühl, mit 12 kg Übergewicht nicht liebenswert oder unerwünscht zu sein, kommt ja nicht primär aus diesem Übergewicht, sondern stammt noch aus Ihrer Kindheit und den oft wenig liebevollen Familienbeziehungen. Findet Ihr Mann Sie zu dick? Vielleicht gefallen Sie ihm ja genau so, wie Sie sind?
Wenn Sie an eine Psychotherapie denken, sollten Sie eher keine Verhaltenstherapie machen, sondern eine tiefenpsychologisch orientierte, in der Ihre emotionale Seite und die früheren Familienbeziehungen betont werden. In einer Verhaltenstherapie ginge es zu sehr um ein aktuelles Lerntraining in puncto Ess-Verhalten, was für Sie aus meiner Sicht nicht der richtige Weg wäre. Sie können sich in Ihrer Wohngegend im Branchenverzeichnis nach Psychologischen PsychotherapeutInnen umsehen und diese nach ihrer Methode fragen. Ihre Kasse würde eine solche Therapie bezahlen. Ich könnte mir aber in Ihrem Falle auch meine Kurz-Psychotherapie KuNo (auf dieser website zu finden) gut vorstellen. Diese E-Mail-Therapie würde Ihre Kasse aber wahrscheinlich nicht übernehmen.
Mit freundlichem Gruß, Ihr Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

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