Sehr geehrter Herr Schmidt,

ich bin 43 Jahre alt und vor drei Jahren mit meinem Sohn in das Haus meines
damaligen Lebenspartners und jetzigen Mannes eingezogen. Mein Mann hat zwei
erwachsene Söhne aus erster Ehe, die nicht bei uns wohnen.
Seit dem Einzug ist es immer wieder zu Konflikten wegen der Erziehung und
des Verhaltens meines Sohnes gekommen. Er war damals 16 Jahre alt, sein
leiblicher Vater ist vor 7 Jahren verstorben. Mein Sohn war mit dem Umzug
ursprünglich nicht einverstanden und verhielt sich anfangs sehr passiv.
Viele Aufgaben, wie z.B. Einkaufen und Abwaschen vernachlässigte er.
Außerdem wurde er immer unordentlicher. Dazu kam, dass wir in unserer
ehemaligen Wohnung eine bestimmte Ordnung hatten, die mein Mann in seinem
Haus nicht akzeptieren wollte.
Ich sagte zu meinem Mann, dass er mehr Geduld haben und meinem Sohn mehr
Zeit zur Eingewöhnung geben müsste.
Es kam jedoch immer wieder zu Streitigkeiten und eigenmächtigen
Erziehungsmaßnahmen meines Mannes, die er nicht vorher mit mir abgesprochen
hatte. Zum Beispiel hat er ihm verboten, zu seinem 18. Geburtstag eine Fete
bei uns zu feiern.
Die Situation hat dann eine Woche, bevor mein Sohn volljährig wurde,
eskaliert: Weil mein Sohn die Toilette nicht sauber hinterlassen hatte,
rastete mein Mann aus und warf mein Sohn aus dem Haus. Mein Sohn kam
daraufhin eine Woche lang nicht nach Hause, er übernachtete so lange bei
einem Freund. Das Schlimmste war, dass er an seinem 18. Geburtstag nicht zu
Hause war und ich nicht mit ihm feiern konnte.
Das Zweitschlimmste war, dass ich diesen Mann erst 3 Wochen vorher
geheiratet hatte.
Mein Sohn hat daraufhin versucht, sich eine eigene Wohnung zu suchen, was
jedoch leider erfolglos war.

Ich habe niemandem von dem Rausschmiss erzählt, aber durch meinen Sohn haben
es Verwandte und Bekannte erfahren. Ich selbst und viele, mit denen ich im
Nachhinein darüber gesprochen habe, sind der Meinung, dass erstens die
Gründe für den Rausschmiss nicht ausgereicht haben und zweitens ein
erwachsener, reifer Mensch sich nicht so verhält wie mein Mann es getan hat.
(Mein Mann ist übrigens 57 Jahre alt.) Vor Allem, weil ich seine Frau bin
und mein Sohn noch minderjährig war. Außerdem hat mein Sohn keine Straftat
gegen ihn begangen.
Mein Mann sieht das anders: Er gibt mir die Schuld, weil ich meinen Sohn
nicht im Griff habe bzw. schon vorher in seiner Erziehung versagt habe.
Ich habe ihm gesagt, dass man das Geschehene nicht rückgängig machen kann,
aber dass ich ihm trotzdem verzeihe. Auf die Frage, ob es ihm wenigstens
Leid täte, antwortete er mit Nachdruck: "Nein."

Dies tut mir sehr weh und ich muss oft weinen, wenn ich daran denke. Da ich
mit niemanden darüber reden kann, kommt es immer wieder hoch. Es kommt immer
wieder zum Streit, weil mein Mann meinen Sohn nicht akzeptiert und ihn durch
schikanierende Maßnahmen erziehen will.
Mein Mann neigt in letzter Zeit zu unverhältnismäßig extremen Reaktionen,
wenn wir uns streiten. Ich habe vor 2 Monaten 5 Tage im Hotel gewohnt,
nachdem er mir gesagt hat, dass ich ausziehen soll. Das hat er dann wieder
zurückgenommen. Er hat mir z.B. sein Geburtstagsgeschenk zurückgegeben und
Fotos vom letzten Urlaub vernichtet. Mit ihm ist keine vernünftige
Diskussion möglich, weil er mich nicht ausreden lässt, den Raum verlässt
oder einfach sagt, dass er normal sei, und ich folglich Schuld an Allem
habe. Eine Eheberatung lehnt er kategorisch ab.
Meine Gefühle für ihn sind seit dem Vorfall vor einem Jahr fast auf den
Nullpunkt gesunken und ich denke immer öfter daran, mich von meinem Mann zu
trennen.
Ich wünsche mir nur, dass er seine Fehler einsieht. Oder wird es von unserer
Gesellschaft akzeptiert, dass Jugendliche wegen Unordentlichkeit aus dem
Elternhaus geworfen werden können? Dann lasse ich mich eines Besseren
belehren. Ich würde gern Ihre Meinung dazu erfahren, Herr Schmidt. Vielen
Dank im Voraus.

Hallo,
vielen Dank für Ihren informativen Brief!
Das klingt alles danach, als hätten Sie und Ihr Mann das nicht gründlich genug psychologisch vorbereitet, als Sie beschlossen, als Paar und zuletzt sogar Ehepaar mit Ihrem Sohn zusammen zu ziehen. Denn dass Ihr Sohn Anpassungsschwierigkeiten haben würde, war ja vorher zu sehen. Er hat immerhin seinen Vater durch Tod verloren und muss nun einen neuen Lebenspartner seiner Mutter in noch dazu neuer Wohnumgebung akzeptieren lernen. Das allein ist für ein Kind schon eine gewaltige psychologische Umstellung, die nicht ohne Sand im Getriebe ablaufen wird. Wenn sich dann aber noch der neue Lebenspartner der Mutter als wenig einfühlsam entpuppt, wird es schnell unerträglich für alle.

Sie stehen nun also vor der Frage, wie es weitergehen soll. Ich finde, Sie sollten Ihrem Mann in einer ruhigen und entspannten Situation vorschlagen, eine Familientherapie zu machen, in der Sie alle gemeinsam lernen könnten, angesichts der Kompliziertheit der Familienkonstellation besser zueinander zu finden und sich einfühlsamer aufeinander einzustellen. Es ist ja für jeden von Ihnen nicht leicht: Sie selber stehen zwischen Ihrem Sohn und Ihrer neuen Ehe. Ihr Sohn tut sich schwer mit der neuen Familiensituation, steht zwar zu Ihnen, trauert aber vielleicht auch noch seinem Vater nach. Ihr Mann hat auch seine ganz eigene leidvolle Familiengeschichte hinter sich und wünschte sich vielleicht nun endlich friedfertigere Verhältnisse.

In Ihrer Erziehungs- und Familienberatungsstelle sollten Sie nach der Möglichkeit einer solchen Familientherapie fragen. Wenn Ihr Mann sich dem aber endgültig entgegenstellt, sollten Sie ihm klarmachen, dass Sie es sehr schwierig finden, unverändert weiter so zu leben, Scheidung dann zwar nicht erwünscht, aber leider unumgänglich.

Oft hilft schon solch eine (allerdings sehr ernst gemeinte) Ankündigung, dass sich Ehemänner an einer Familientherapie mit viel Erfolg beteiligen.

Weiß Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt