| Sehr
geehrter Herr Dr. Schmidt, ich bin verheiratet und habe einen dreijährigen Sohn. Zur Zeit mache ich eine schwierige Phase durch und mache mir Sorgen, daß sich dies auf meinen Sohn auswirkt. Ich habe vor drei Monaten eine Fehlgeburt gehabt und leide immer noch sehr und bin psyschisch nicht so belastbar. Wir haben bei unserem Sohn vor kurzem mit der Sauberkeitserziehung begonnen und er möchte nicht auf die Toilette gehen. Er hat seine Ausscheidungen bereits unter Kontrolle, da er sehr lange(bis zu 6 Stunden) einhalten kann und auch die "Nachtwindel" in der Früh noch trocken ist. Am Anfang habe ich sicher zuviel Druck aufgebaut, obwohl ich das eigentlich nie wollte. Da mein Sohn aber im Herbst in den Kindergarten gehen soll, können wir nicht wieder ganz aufgeben, zumal unser Sohn mittlerweile keine Windeln mehr anziehen will, aufs Klo will er aber auch nicht gehen, bzw. nur mit Überredung. Er sagt er "kann nicht aufs Klo gehen". Die gleichaltrigen Kinder in unserem Bekanntenkreis sind inzwischen alle sauber und auch er macht sein großes Geschäft aufs Klo, allerdings nur alle 2-3 Tage. Das macht er schon länger nur so selten, schon vor dem Beginn mit der Sauberkeitserziehung. Der Stuhl ist aber nicht hart und er hat auch kein Bauchweh. Jetzt mache ich mir Sorgen, daß ich ihm schade und auch darüber, ob das lange Einhalten zu gesundheitlichen Schäden führen kann. Die Theorien kenne ich, ich habe auch Ihre anderen Antworten gelesen, es fällt mir aber sehr schwer, einfach nichts zu tun und das Thema Klo geht mir zunehmend auf die Nerven. Mein Sohn ist sehr lebhaft und "durchsetzungsfreudig", was uns eigentlich gut gefällt, jedoch im Einzelfall wie hier manchmal schwierig ist.. Ich bin eigentlich das erste Mal an einem Punkt angelangt, wo ich mit den Theorien, mit denen ich mich sehr wohl beschäftigt habe, nicht zurecht komme. Im Voraus vielen Dank für Ihre Hilfe Katja |
Liebe Katja,
vielen Dank für Ihren Brief! Wenn Sie aus meinen bisherigen
anderen Antworten zum Thema Sauberkeitserziehung den Eindruck
gewonnen haben sollten, ich rate zum "Nichtstun", dann
habe ich mich entweder völlig missverständlich ausgedrückt
oder Sie haben mich missverstanden. Egal wie, aber natürlich
rate ich nicht, nichts zu tun, sondern mit viel Geduld und
Spucke, freundlichem Nachdruck, verbunden mit Humor, Belohnung,
Mutmachen und Herunterspielen von Misserfolgen oder Rückfällen
vorzugehen. Aber genau das scheint Ihnen schwer zu fallen, wohl
wegen Ihrer labilen seelischen Verfassung nach Ihrer Fehlgeburt.
Damit wäre schon alles erklärt, nicht wahr? Fragt sich nur, wie
Sie wieder zu dieser ausgeglichenen seelischen Verfassung finden
können, die ich als Voraussetzung für eine problemlose
Sauberkeitserziehung meine. Ihr eigentliches Problem ist also aus
meiner Sicht nicht die Sauberkeit Ihres Sohnes, sondern Ihre
Fehlgeburt. Mit der Sauberkeitserziehung lenken Sie sich davon
nur etwas ab und finden dabei eine Bühne, auf der Sie Ihren
Kummer unmerklich abreagieren können. Besprechen Sie mit Ihrem
Mann, was Sie tun können, um über die Fehlgeburt hinweg zu
kommen, wie Sie wieder fröhlich und optimistisch werden können.
Wie kann Ihnen Ihr Mann und Ihre weitere Familie dabei helfen?
Oder fressen Sie alles in sich hinein? Konzentrieren Sie sich auf
dieses Thema, nicht auf die Sauberkeitsfrage beim kleinen Sohn.
Die ist zweitrangig für Sie (und die ganze Familie). Erstrangig
ist Ihre seelische Ausgeglichenheit.
Mit freundlichem Gruß, Ihr Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt