Sehr geehrter Herr Schmidt,
ich habe heute die Möglichkeit entdeckt, von Ihnen beraten zu
werden, was ich ganz toll finde !
Zunächst einmal schildere ich Ihnen die Umstände:
Ich bin 37, seit 10 Jahren mit meinem Mann zusammen, wir haben
einen gemeinsamen Sohn (8) und einen Sohn aus meiner früheren
Beziehung (12).
Mein Problem, unter dem ich sehr leide, ist folgendes:
Mein Mann kann mit den Kindern rein gar nichts anfangen. Er
kümmert sich kaum um sie, und wenn er mit ihnen etwas alleine
unternimmt, dann nur weil ich ihn dazu aufgefordert habe. Das
kommt sehr selten vor.
Ein paar Beispiele für sein Verhalten:
Wir sitzen beim Abendbrot. Ich unterhalte mich mit ihm oder mit
den Kindern. Er hört und sieht nicht hin, wenn die Kinder etwas
erzählen, er starrt geradeaus. Wenn keiner etwas sagt, spricht
er
niemals die Kinder von sich aus an! Soetwas kann ich nicht
nachvollziehen.
Beim Spaziergang läuft mein Mann entweder vor oder hinter mir
und den Kindern, oder wir Erwachsenen gehen zusammen,
während die Kinder vorrennen. Er unterhält sich nicht mit
ihnen, er
nimmt sie gar nicht wahr.
Es ist mittlerweile schon so, daß ich öfter zu ihm sage
"Guck mal,
wie lieb M. das gemacht hat" , oder "der Kleine ist ja
wie du" und
ähnliches, um überhaupt eine Beziehung herzustellen.
Ich denke, daß gerade Jungen ihren Vater brauchen, daß ich
ihnen
männerspezifische Themen nicht nahebringen kann. Ich kann nicht
verstehen, daß er nicht mal auf die Idee kommt, mit ihnen zu
toben, zu basteln, spielen, oder was auch immer Väter so machen,
mit ihren Jungs!
Das einzige, was mein Mann macht, ist mit den beiden zu
schimpfen. Er hat auch kein Verständnis für ihre Gefühle, ihm
ist
wichtiger, daß es ihm gut geht, die Kinder haben sich dem
unterzuordnen.
Ich weiß wirklich nicht, was ich tun soll. Eigentlich kann ich
gar
nichts tun, sondern er müßte sich ändern. Aber daran kann ich
nicht glauben, wie sollte das gehen?
Haben Sie eine Idee, was man tun könnte?
Glauben Sie, daß das Verhalten meines Mannes den Kindern
schadet?
Wie kann ich weiterhin damit umgehen?
Oder wäre eine Trennung von meinem Mann besser, zum Wohl der
Kinder?
Ich würde mich sehr freuen, eine Antwort von Ihnen zu bekommen,
denn dieses Problem belastet mich und unsere Beziehung sehr!
Vielen Dank im Voraus,
M.
Sehr geehrte Frau M.
vielen Dank für Ihre Frage. Sie müssen herausfinden, warum sich
Ihr Mann den
Kindern gegenüber so abweisend verhält: War er schon immer so?
Ist sein
Verhalten in seiner Persönlichkeit begründet (dann fragen
Sie sich sicher,
warum Sie das nicht schon viel früher bemerkt haben?). Oder war
es nicht
immer so, sondern hat sich aufgrund irgendwelcher verdeckter
Konflikte in
Ihrer Familie erst langsam entwickelt (ist er vielleicht gegen
Ihren
vorehelichen Sohn eingestimmt?). Dann wäre es wichtig, diese
Konflikte zu
benennen und aufzudecken. Egal wie, Sie sollten das Gespräch mit
ihm suchen.
Bitten Sie ihn ensthaft und nachdrücklich um eine gründliche,
freundlich-wohlwollende Aussprache (kein Streit, keine heftigen
Vorwürfe).
Teilen Sie ihm Ihre Beobachtungen und Sorgen sehr ernsthaft mit.
Machen Sie
ihm deutlich, dass Sie eine positive Veränderung brauchen (die
Kinder
natürlich auch). Hören Sie sich seine Position sorgfältig an.
Ist ihm
bewusst, dass er die Söhne "schneidet", macht er das
aus in seinen Augen
trifftigen Gründen? Welche wären das? Ist er eifersüchtig?
Macht er Ihnen
insgeheim den Vorwurf, die Söhne vorzuziehen bzw. ihn zu
vernachlässigen?
Jedenfalls könnte man auf den Gedanken kommen, er fühlt sich in
der Familie
als Aussenseiter, nicht genug wertgeschätzt, und deshalb grollt
er. Spielt
der Vater Ihres ältesten Sohnes noch eine Rolle?
Oder bemerkt Ihr Mann gar nicht, was er den Söhnen antut?
Dann wäre es
interessant, ob er einsichtsvoll Besserung verspricht, oder ob er
einfach
völlig unsensibel und dickfellig ist (das wünsche ich Ihnen
natürlich am
wenigsten).
Wenn Sie im Gespräch mit ihm nicht weiterkommen, schreiben Sie
mir doch
gerne noch ein Mal. Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt
Sehr geehrter Herr Schmidt,
vielen Dank für Ihre Antwort! Ich versuche kurz, Ihre Fragen zu
beantworten:
Mein Mann hat sich schon immer so abweisend verhalten, und
ich
denke , daß dies in seiner Persönlichkeit begründet ist. Er
ist ein
Mensch, der generell schlecht Beziehungen aufbauen und vor
allem erhalten kann. Auch im Fall unsrerer Partnerschaft
ist, und
war das schon immer sehr sehr schwierig.
Seltsamerweise scheint er gerade seinen leiblichen Sohn
abzulehnen. Er zeigt ihm häufig daß er nicht zufrieden mit ihm
ist,
und M.gibt ihm auch oft Anlass dazu, denn er zeigt bei jeder
Gelegenheit, daß er sich von seinem Vater nichts sagen
lässt. Er
sagt dann "Blöder Papa" und hält sich die Ohren zu.
Mein Mann
flippt dann manchmal aus, und will sich unbedingt durchsetzen,
was dann mit großem Geschrei, Tränen und dem Kind in meinen
Armen endet.
Als ich mich neulich einmischte, und das mache ich
zugegebenermaßen öfter, weil ich die Art meines Mannes so
gräßlich finde, schrie er mich an, mein Sohn habe einen
Ödipuskomplex, und gab mir zu verstehen, daß ich daran auch
noch schuld sei. Mein Mann sieht das schon lange so und mir
scheint, er ruht sich darauf aus. Dabei sehe ich es so, daß er
halt
fast gar nichts für ihn tut, er ist so selten mal lieb zu ihm -
warum
sollte mein Sohn sich etwas von ihm sagen lassen?
Zum Thema "Gespräch führen" kann ich Ihnen sagen,
daß ich dies
schon versucht habe, und zwar immer wieder mal in den letzten
Jahren. Es kam nie mehr dabei heraus, als daß er einsah, sich zu
wenig um die Kinder zu kümmern, es eine Weile besser machte
und dann wieder alles beim Alten war. In manche
n dieser Gespräche frage ich ihn, warum er überhaupt dieses
Leben mit mir und den Kindern führt, wo es doch
offensichtlich ist,
daß er partout kein Familienmensch ist. Dann sagt er immer, daß
er noch hier ist, weil er mich liebt - und das ist wohl eine
eindeutige
Aussage!
Ich muß gestehen, daß ich mich in letzter Zeit oft sehr
aufrege, ich
bin ziemlich temperamentvoll, und wenn ich sauer bin, dann
schreie ich auch. Sicher trägt das nicht dazu bei, daß mein
Mann
sich ändert, aber ich sehe eigentlich sowieso keine
Möglichkeit,
wie das gehen könnte!
Der Vater meines größeren Sohnes spielt keine Rolle in unserem
Leben. Daß mein Mann eine Außenseiterrolle innehat, ist
richtig,
so sehe ich das zumindest. Aber er unternimmt nichts dagegen,
sondern fühlt sich damit "aus dem Schneider". Nach dem
Motto:
Meine Söhne wollen nichts mit mir machen? Ah
ja- dann kann ich mich ja beruhigt weiterhin zurückziehen.
Mein Mann hat ebenfalls einen desinteressierten Vater gehabt,
aber darf man sich auf solchen Tatsachen "ausruhen"?
Gibt es
überhaupt eine Chance, daß sich mein Mann nachhaltig ändert,
etwa Gespräche mit anderen Vätern suchen, oder ähnliches? Ich
weiß wirklich nicht, wie das weitergehen soll. Glauben Sie
denn,
daß sein Verhalten den Kindern schadet? Oder ist ein abweisender
Vater besser als gar keiner?
Für eine weitere Antwort wäre ich Ihnen sehr dankbar!
Mit freundlichen Grüßen,
M.
Liebe Frau M.,
es stimmt, ein schwieriger, oft desinteressierter Vater ist
besser als gar
kein Vater. Dann lernt man als Kind immerhin, wie ein schwieriger
Vater ist,
und man kann später entscheiden, ob man es mal genauso oder
besser macht.
Man hat also eine Orientierung. Wenn gar kein Vater da ist, lernt
man fast
gar nichts über Väter (außer durch Beobachtung fremder
Väter). Das macht
gerade die Söhne unsicher, die sich ja mit ihrem Vater
identifizieren
wollen.
Ihr Mann ist wohl im Grunde auch recht unsicher, wie er
sich als Vater
verhalten soll, wenn er selbst einen desinteressierten (d.h.
psychologisch
abwesenden) Vater hatte. Können Sie ihm nicht ein wenig mehr
helfen, ein
interessierterer Vater zu werden? Ich weiss, das ist sehr
schwierig. Aber
dass Sie genervt reagieren und Ihren Sohn "gegen" den
Vater einnehmen (wenn
er "blöder Papa" sagt, höre ich geradezu Sie
sprechen!), kann auf Dauer für
Ihre Ehe gefährlich werden. Wenn Ihr Mann sagt, der Sohn hätte
einen
Ödipuskomplex, kritisiert er sich unbewusst vielleicht
selbst. Anstatt
rückblickend seinen Vater zu kritisieren und es beim eigenen
Sohn besser zu
machen, ist er sozusagen sein eigener Vater geworden und
kritisiert den
Sohn.
Langer Rede kurzer Sinn: Ich empfehle Ihnen und Ihrer Familie den
Besuch
Ihrer regionalen Erziehungs- und Familienberatungsstelle. Die
Konsultation
ist kostenfrei. Ein Familientherapeut könnte dort diese
Zusammenhänge mit
Ihnen und Ihrem Mann herausarbeiten. Sie müssen Ihren Mann nur
motivieren,
mitzugehen... Aber wenn Sie das liebevoll und hilfreich
enfädeln, geht er
bestimmt mit, und das ist ganz wichtig (kennt Ihr Mann unsere
online-Beratung? Nein? Lassen Sie sie ihn lesen!).
Mit freundlichem Gruß, Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt
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