Lieber Herr Schmidt,

nun habe ich einige Stunden in Ihrer Online-Praxis gestöbert und habe den Mut gefunden, mich an Sie zu wenden.
Ich weiß einfach nicht mehr weiter in meiner Ehe...
Im vergangenen Sommer 2004 hat sich mein Mann so verletzend und gleichzeitig irritierend/rätselhaft verhalten, daß ich sogar schon die Scheidung eingereicht habe.

Das Schlimme zuerst -

aber vielleicht der Reihe nach.
Wir sind ein etwas "ungewöhnliches Paar":
Mein Mann ist Pole, 38 Jahre alt, ich bin Deutsche, 50 Jahre alt.
Wir haben uns vor reichlich 5 Jahren kennengelernt, und mein Mann war der festen Überzeugung, daß er mit mir " die größte Liebe und die Frau seines Lebens " gefunden hätte. Ich verliebte mich auch recht bald - aber nicht so hals-über-kopf, mehr Woche für Woche, Monat für Monat...
Mein Mann ließ sich scheiden (er war in Polen verheiratet) und verließ auch seine drei (!!!) Kinder.
Da er Zeuge Jehovas war, war das eine Riesenentscheidung für ihn - er hat damit nicht nur seine Familie, sondern auch seinen Freundeskreis aufgegeben.

Wir heirateten im Sommer 2001.
Sprachprobleme gab es nicht - mein Mann spricht sehr gut deutsch.
Nun ging es darum, daß er einen beruflichen Neuanfang in Deutschland findet. Mir war klar, daß ich so lange Alleinverdienerin sein würde, und ich war in Sorge über diese Situation, weil ich aus Erfahrung weiß, daß Männer sowas gar nicht mögen....Wir haben das sogar besprochen - aber mein Mann meinte, das würde ihm kein Herzdrücken bereiten.
Er hat also ohne Sorgen zwei Berufsausbildungen absolviert und auch erfolgreich beendet.

Ich selbst bin im Medienbereich selbständig. Aus irgend einem Grund hält die "Außenwelt" mich für eine sehr erfolgreiche, sehr temperament- und humorvolle Frau. Mit dem Temperament und Humor mag das ja stimmen - aber erfolgreich fühle ich mich nur im Team.2001 traf mich daher der Tod meines wichtigsten Mitarbeiters in der Seele. Wir kannten uns aus Studienzeiten, und er war beruflich und menschlich mein Halt, meine wichtigste Vertrauensperson. Ich hab immer gesagt, er ist meine "männliche Schwester"....
Er wußte mit mir, meinen oft kühnen Ideen und ebenso häufigen Unsicherheiten und Ängsten umzugehen wie kein anderer. Und ich war ihm dankbar dafür - und froh, daß ich ihm einmal im Leben was "zurückgeben" konnte: seine Frau erkrankte schwer, er tat das, was ich von ihm erwartet hätte:
Er packte seine Tasche, räumte seinen Schreibtisch auf und fuhr ins Krankenhaus zu ihr. Und da hat er treulich einige Wochen gehockt.... Er - dem schon im bloßen Gespräch Krankheiten, Ärzte und Gebrechen geradezu Allergien bereiteten....
Ich war froh, daß ich ihm sein Gehalt in der Zeit weiterzahlen konnte - die Firma lief großartig.
Er war da, wo er hingehörte - und ich konnte ihn nachts anrufen.

Wir alle beteten für seine Frau - und Ostern 2001 lag er tot in meiner Firma.

Bis 2002 lief mein Studio dennoch sehr erfolgreich, ich hatte keine Probleme, die Existenz für meinen Mann und mich zu erarbeiten. Doch ab Ende 2002 brach der Markt mehr und mehr ein - der Überlebenskampf begann.
Ich begann Schulden zu machen - mein Mann wußte das. Aber nie wäre ich auf die Idee gekommen, daß er seine Ausbildung abbrechen solle - die war ESF-gefördert, und er würde nie wieder so eine Chance bekommen. Ich hoffte natürlich auf das "rettende Ufer" - daß mein Mann nach Abschluß der 2. Ausbildung auch Arbeit finden und es dann leichter werden würde.
Unsere Ehe lief in diesen Jahren sehr gut, wir liebten uns sehr und haben versucht, jede freie Minute miteinander zu verbringen - was nicht ganz leicht war, da ich eben sehr schuften mußte und mein Mann an den Wochenenden verständlicherweise auch nach Polen zu seinen Kindern fuhr.
Einmal (2002) hatten wir eine größere Auseinandersetzung, weil ich mit den Kräften am Ende war und von ihm etwas mehr Energieeinsatz für unsere Alltagsexistenz erwartet habe, irgendwie war in meinen Augen die "innereheliche Energiebilanz" nicht richtig ausbalanciert. Es war ja klar, daß mein Mann nicht finanziell zum Lebensunterhalt beitragen konnte während der Ausbildungen - aber einen Anteil von ihm in anderer Form (Haushalt, Garten, Erledigungen usw.) hätte ja etwas von der Last genommen, die ganz allein auf meinen Schultern lag.
Er sah das anders - er "müsse keinen Beitrag zur Ehe leisten....und wenn ich allein leben würde, müßte ich die Kosten des Hauses ja auch tragen ".
Das fand ich ein bißchen dreist.
Na, da haben wir uns ganz schön "gefetzt", aber danach war eine gewisse Balance erkämpft und wurde auch bewahrt.
Wir waren beide sehr, sehr glücklich miteinander. Kein Tag ohne Zärtlichkeiten, wir haben stundenlang miteinander erzählen und lachen können - wir galten als ein zwar exotisches, aber als ein Traumpaar.

Im Frühjahr 2004 fand mein Mann einen Arbeitsplatz in seinem neuen Beruf als Sporttherapeut. Was für eine Freude! Leider 2 Wermutstropfen: Arbeitsort 100 km entfernt, ein Dienstplan, der nur selten Heinfahrten erlaubte - und ein Gehalt...
Naja, 800,- € netto. Wenn mein Mann davon die Alimente für seine Kinder bezahlt hatte, blieb natürlich so gut wie nichts mehr übrig. Aber er hatte Arbeit!!! Hier im Osten eine Sensation, und wir betrachteten es als einen ersten Schritt.

Für mich wurde der Alltag nun leider nicht wie erhofft leichter, sondern noch schwerer. Unsere finanziellen Probleme waren nicht kleiner geworden... Die Schulden wuchsen und ich schuftete verzweifelt vor mich hin. Leider fehlte mir nun auch die "Schulter" meines Mannes, das Gespräch, die Zärtlichkeit, die mir immer die wertvollste Kraftreserve war.

Im Juni 2004 kam es an einem Abend aus heiterem Himmel zu einer sehr heftigen Attacke: Aus einem Gespräch heraus brüllte mich mein Mann auf einmal an:
" Deine Scheiß Fürsorglichkeit brauche ich nicht, immer wenn ich Dich brauche, stehst Du nicht hinter mir, Du bezahlst meinen Anwalt - (in Polen) nicht, Du bezahlst meine Autoversicherung nicht!!"

Ich war natürlich sehr verletzt, blieb aber ganz ruhig und verbat mir lediglich diesen Ton, diese Brüllerei - und wenn das nicht ginge, soll er wiederkommen, wenn er in der Lage ist, ruhig zu sprechen.
Daraufhin hat mein Mann sehr wütend und aufgebracht seine Sachen zusammengeworfen und ist noch in der Nacht an seinen Arbeitsort gefahren.

Von dieser Nacht an waren wir beide mit neuen Lebensformen beschäftigt....
Mein Mann blieb weg, hüllte sich in Schweigen - und ich heulte.

Als mein Verstand wieder zu arbeiten begann, dämmerte mir, daß mein Mann ohne mein Wissen seit 4 Monaten mit unversichertem Auto gefahren war!! Was für ein Risiko. Und außerdem in Deutschland eine Straftat. Das gute Stück hatte ich für ihn vorfinanziert, und es stand auch auf meinen Namen, weil die Versicherung so günstiger war.
Wir hatten es immer so gehalten, daß mein Mann alle Kosten für dieses von ihm gefahrene Auto wie Steuer/Versicherung und auch sein Handy und Fahrten nach Polen selbst finanziert durch jobben. Darum habe ich mich nicht gekümmert.
Ich wußte nicht, daß der die Autoversicherung nicht bezahlt hatte - stand aber als Halterin voll in der Verantwortung. So schickte ich meinem Mann eine SMS, er solle das Auto unbedingt stehen lassen, weil es ein zu großes Risiko ist, damit umherzufahren.
(Wenige Tage später ist das Auto dann auch zwangsstillgelegt worden, die Polizei hat meinen Mann erwischt, wir bekamen beide ein Strafverfahren usw. Und ein Berg Kosten durch das Verfahren)

Doch das alles sind ja irgendwie "Sachprobleme", die man doch auch ganz sachlich hätte lösen können.

Ich wende mich an Sie, lieber Herr Schmidt, weil sich diese dumme Autogeschichte zum Anlaß für unsere Trennung entwickelte.
Noch Ende Mai hatte mir mein Mann die allergrößten Liebeserklärungen gemacht - 10 Tage später (nach Autodesaster) teilte er mir am Telefon mit, daß er " über Trennung nachdenken" würde.
Wie kann das sein? Ein Mensch kann doch "die größte Liebe seines Lebens " nicht wie mit einem Lichtschalter abschalten????

Für mich brach eine Welt zusammen. Ich weinte nur noch und fiel in eine heftige Depression, dackelte aber tapfer zu einer Ärztin, bevor das Ding sich ganz festsetzt.
Inzwischen (wenns kommt, kommt alles zusammen) hatte mir die Hausbank auch die Kreditlinie gekündigt - ich stand für 6 Wochen plötzlich ohne einen cent da. Ich mußte eine Lebensversicherung beleihen, aber das dauerte natürlich, bis das Geld endlich da war. (Gigantische 6.000,- €)
Der Stromversorger drohte mit dem Stromabstellen, die Bausparkasse drohte mit dem Sofort-Fälligstellen der Hauskredite - es war wirklich heiter.
Mein Mann glänzte mit Abwesenheit, telefonisch ließ er sich kaum noch erreichen. Dann tauchte er auf, natürlich hatten wir vor, uns auszusprechen. Mein Mann erklärte mir nun,
" ich würde ihn nicht richtig lieben " und müsse daher meine Liebe beweisen: 1. indem ich das Auto auf seinen Namen umschreibe und 2. in dem ich den Kontakt zu meiner besten Freundin abbreche.

Ich war ehrlich gesagt platt. Schockiert - ratlos - das war doch einfach Erpressung!
Ich hab das nach 3 Tagen Überlegung abgelehnt mit der Begründung, daß ich mich von niemandem erpressen lasse und auch nicht zulassen werde, daß in unsere Liebe Erpressung einzieht. Im Ton habe ich dabei ganz konzentriert, sehr behutsam und ruhig argumentiert.

Es gab danach keine Chance mehr zu einem vernünftigen Gespräch.
Ich hab es immer wieder versucht, da mein Mann nun auf Dauer an seinem Arbeitsort blieb, dann auch Briefe geschrieben - ergebnislos.
Ich hatte das Gefühl, als lebte mein Mann in einer anderen Welt, unerreichbar.
Den gleichen Eindruck hatten auch Freunde, die versuchten, Kontakt zu ihm zu finden.
Er war so zu, so verschlossen - rätselhaft.

Mitte August gab es noch ein unschönes Ereignis, danach war ich mit meiner Geduld am Ende und habe die Trennung erklärt und im September den Antrag auf Scheidung eingereicht.

Nun war klar: Ich bin die Böse - ich hab die Trennung initiiert....

Gesundheitlich geht es mir heute leider immer noch nicht besser, aber ich weiß, daß ich da nicht durch komme ohne ärztliche Hilfe. Mir ist jetzt auch eine Kur bewilligt worden - also ich strampele schon.
Also - die Weltmeisterin im Dauerheulen müssen Sie, lieber Herr Schmidt, jetzt nicht bedenken....

Es geht um die Ehe.
Nun sind einige Monate vergangen, und ich frage mich, ob es nicht vielleicht ein Fehler war, die Scheidung so schnell einzureichen. Vielleicht hätte ich meinen Mann einfach in Ruhe lassen sollen - ich weiß nicht.
Aber ich fühlte mich natürlich benutzt, verraten...

In der Zeit, als die Bank die Kreditlinie gesperrt hatte und ich wirklich nicht wußte, wie ich z.B. die Praxisgebühr (1. August - neues Quartal) oder die Zuzahlung zu meinen Medikamenten bezahlen sollte, haben mir Freunde und Nachbarn aus der Patsche geholfen.
Mein liebster Mann tauchte ab und zu auf - und räumte seine Sachen aus....
Auch wenn er wenig verdient - eine Frage in der Art von "Kommst Du klar?" hätte ich schon erwartet.

Jedenfalls ist meine Wut und Enttäuschung heute so langsam verraucht, und ich fühle meine Liebe wieder.... Zunächst war ich selbst überrascht, als die gute alte Liebe wieder hervorkam...
Ich würde ihm eigentlich sehr gern verzeihen, den ganzen Müll des vergangenen Jahres entsorgen...
Ich habe wieder versucht, vorsichtig Kontakt aufzunehmen, habe aber bloß einen bitterbösen, selbstgerechten Brief bekommen (Haupttenor: ich würde nicht hinter ihm stehen und ihn eben nicht richtig lieben und überhaupt bin ich eben böse.)
Ich hab das in Abständen immer wieder und immer wieder gelesen, um den Kern zu finden, aber ich find ihn nicht.
Das Einzige was ich im Untertext erahne - wie sehr auch mein Mann emotional bewegt ist - und auch, daß es ihm offensichtlich nicht gut geht mit der Situation. Aber er blockt eben einfach alles.

Was tun?

Mein Freundeskreis ist einhellig der Meinung, daß ich aufhören soll zu heulen (was sicher besser wäre) und den ganzen Kerl vergessen soll - er hätte mich nur ausgenommen und benutzt, solange es ging. Naja, von außen betrachtet macht die Variante Sinn, da passen alle Puzzleteile: Genau in dem Moment, wo er Arbeit hat, denkt er über Trennung nach - was noch fehlt, ist das Auto. Anders ist diese abartige Erpressung je schwer zu deuten.
Und: er denkt genau in dem Moment über Trennung nach, als Polen der EU beigetreten ist - nun brauchte man keine deutsche Frau mehr....

Aber ich hab 5 Jahre lang mit ihm gelebt, es fällt mir schwer, an den großen Betrug zu glauben. Ich weiß, daß er ein sehr empfindsamer Mann ist und nicht zu Kalkül neigt.
Was mir nach wie vor im Kopf herumgeht - daß er drei Kinder (!!) aufgegeben hat...
Und daß er inzwischen 4 verschiedene Berufsabschlüsse hat. 2 in Polen, zwei in Deutschland...
Was für ein unstetes Leben - oder?

Na gut, ich hab auch verschiedene Partnerschaften hinter mir - aber beruflich über 30 Jahre lang immer ein einziges Ziel angestrebt. Und erreicht - und grandios gescheitert.

Manchmal neigt er zu etwas kruden Ideen - die kamen manchmal aus der Jehovas-Zeugen-Ecke, manchmal sonstwoher. Weiß nicht.
Das mit den Zeugen hab ich ohnehin nicht so stark bewertet, weil er nicht in einer so religiös gebundenen Familie aufgewachsen ist, sondern erst mit ca. 20 Jahren zu den Zeugen gefunden hat. Ich hab das als eine Etappe auf den verschlungenen Wegen eines nach Halt suchenden jungen Menschen gesehen und dachte - nicht dran rühren, das gibt sich. Hat sich ja nun auch gegeben....
Lieber Herr Schmidt - das ist die Geschichte.... Was tun?

Nun bin ich so gespannt auf Ihre Reaktion.
Danke
A.

Liebe A.,
vielen Dank für Ihren ausführlichen Brief! Ich glaube nicht, dass Ihr Mann Sie einfach nur so aus reiner Berechnung (als Pole mit deutscher Frau, zur Finanzierung seiner Berufsausbildung etc.) ausgenutzt hat. Zwischen Ihnen war (und ist?) sicher echte Liebe, da täuschen Sie sich wahrscheinlich nicht. Allerdings ähnelte Ihre Beziehung von Anfang an wohl eher einer Mutter-Sohn-Beziehung, als einer gleichberechtigten Partnerschaft. Ihr Mann war lange Zeit von Ihnen materiell und psychologisch abhängig, auf Sie angewiesen. Das hat er sicher in Ihnen gesucht und gefunden, und Sie in ihm ungekehrt genaus so. Sie nennen dies ein "ungewöhnliches, "exotisches" Paar. Sie vermuten ja auch völlig zu Recht, dass Ihr Mann wohl von Anfang an ein nach innerem Halt suchender Mensch war und ist, der in Ihnen eine starke und erfolgreiche, selbständige Frau fand. Dafür spricht auch Ihr Altersunterschied und seine Sektenzugehörigkeit.

Vor diesem Hintergrund verstehe ich sein derzeitiges Verhalten als psychischen Versuch, erwachsen zu werden, unabhängig von Ihnen. Auf Dauer kann er es vor sich selbst ja nicht verantworten, von Ihnen abhängig und Ihnen unterlegen zu bleiben. Jeder Sohn will eines Tages ohne seine Mutter leben lernen, sonst verliert er seine Selbstachtung. So wird seine Erregung über Ihre angebliche "Scheissfürsorglichkeit" verständlich. Er beschimpft sich in diesem Moment unmerklich selbst dafür, so lange auf Ihre Fürsorglichkeit angewiesen gewesen zu sein, selbst so relativ wenig erfolgreich, in Dauerausbildung (also unfertig) und unselbständig gewesen zu sein, seine Kinder verlassen zu haben. Manchmal benimmt er sich immer noch wie ein großes Kind.
Er hat eben ein chronisches Selbstwertproblem.
Je mehr Sie ihn deshalb derzeit locken oder bedrängen, umso schwerer machen Sie ihm diesen Abnabelungsprozess. Wenn er jetzt zurückkommt, fällt er in seiner psychischen Persönlichkeitsentwicklung subjektiv wieder zurück auf ein Abhängigkeitsniveau, von dem er sich eigentlich wegentwickeln möchte. Sie können deshalb derzeit am Besten gar nichts tun, als sich zurückzuziehen, abzuwarten und ihm die Zeit zu geben, die er braucht. Wenn Sie nicht doch lieber die Beziehung jetzt von sich aus endgültig beenden wollen, denn wie das Spiel einmal ausgehen wird, kann ich leider nicht vorhersehen.

Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt