Hallo Herr Schmidt,

ich möchte mich heute mit einem für mich sehr grossem Problem an Sie
wenden.Es geht um das Thema"Manipulation/ Gehirnwäsche durch Erziehungspersonen und
deren Folgen".
Ich hoffe sehr, dass Sie mir helfen können, weil ich nicht mehr weiterweiss.
Es geht um das Abhängigkeitsverhältnis meines Freundes zu seinen Eltern,
speziell seiner Mutter.Die Familie ist sehr materiell eingestellt, besitzt
mehrere Häuser+Grundstücke.Mein Freund ist in einer sehr kühlen Atmosphäre
aufgewachsen, seine Eltern hatten keine oder kaum Zeit für ihn, er war sich meist
sich selber überlassen.( Das habe ich manchmal bei ihm herausgehört.)
Er hat sich vor ca. einem Jahr eine Wohnung ausgebaut, allerdings in einem
seinen Eltern gehörenden Haus( Die Eltern wohnen nicht weit entfernt von
ihm.)Er besitzt kein eigenes Auto, die Wohnung gehört ihm ebenfalls nicht und
mittlerweile arbeitet er auch in der Baufirma seines Vaters.
Als ich ihm vor einiger Zeit bewusst machen wollte, wie schön es doch ist,
unabhängig zu sein( anhand meines Lebens:eigenes Auto, eigene Wohnung,
Selbstständigkeit...), ging er nicht darauf ein+ meinte nur, dass er doch weniger
Kosten habe, da vieles über die Firma seines Vaters abgeschrieben werden kann(
was ja auch so richtig ist, aber den Grundgedanken der Unabhängigkeit ausser
acht lässt).
Aber das für mich eigentlich schlimmste ist, dass ich mich über solche
Sachen( u.a auch Beziehungsdiskussionen) einfach nicht vernünftig mit ihm
unterhalten kann.
Ein Schlüsselerlebnis war auch mein ursprünglich geplanter Einzug in seine
Wohnung( Anfang des Jahres- sein grösster Wünsch zu Silvester" mein grösster
Wunsch für das nächste Jahr, ist, dass wir zusammenziehen").Anzumerken sei,
dass es seine " Idee" war.Er plante schon eifrig mit mir+war total
ungeduldig.Und dann kam plötzlich und von einem Tag auf den anderen ein Sinneswandel bei
ihm.Er wollte nun doch nicht mehr mit mir zusammenziehen, weil er wohl Angst
habe.Richtig begründen konnte er das allerdings nicht.( Ich denke, dass er sich
kurz zuvor mit seiner Mutter unterhalten hatte.).
Nun gut, somit war das Thema erledigt+ich akzeptierte seine Entscheidung,
wenn auch ich ziemlich verwirrt war.
Einige Wochen später kam es dann wieder zu einem " Vorfall".Er kam
verzweifelt zu mir und meinte, dass er " die Schnauze voll habe" +aus seiner Wohnung
ausziehen +sich eine eigene Wohnung nehmen wolle.Er habe es satt, dass sich
seine Eltern permanent in sein Leben einmischen u. er sich für alles bedanken
müsse.Da dachte ich, er hat nun endlich den Einblick gewonnen.( Ich möchte
anmerken, dass er zuvor eine Auseinandersetzung mit seinem Vater hatte.)
Er blieb dann einige Tage bei mir, ohne dass er auch nur ein Wort von seinen
Eltern gehört hatte.Ihnen war es scheinbar egal, wie es ihm geht.Als er dann
wieder zurückfuhr, wurde er erst einmal von seiner Mutter "
zusammengestaucht".( Ich glaub, dass er sich zuvor das erste Mal in seinem Leben gegen seine
Eltern( Vater) aufgebäumt + seinen eigenen Willen hatte.)
Am nächsten Tag wollte seine Mutter nochmals mit ihm darüber reden, und
plötzlich war die Welt wieder in Ordnung.( Zitat :" Dank meiner Mutter ist jetzt
alles wieder okay.")
Das war der nächste plötzliche Sinneswandel bei ihm+seitdem " klappt" es
auch wieder mit seinen Eltern.Er wurde mittlerweile darauf getrimmt, dass das
Materielle im Leben das Wichtigste ist( eine Zusammenfassung einiger seiner
Äusserungen).
Ich  wollte Ihnen diese Beispiele darstellen, um Ihnen ein wenig einen
Einblick zu geben.
Ich denke, dass Sie die typischen Anzeichen d.Gehirnwäsche, die an ihm
vollzogen wurde+wird, erkennen konnten.Es gibt noch weit mehr Beispiele, aber
diese alle zu schreiben, würde zu viel werden.Vielleicht noch ein paar Punkte
kurz und knapp:
-er spricht über mich und unsere Beziehung sehr oft mit seiner Mutter+ holt
sich Ratschläge( Zitat der Mutter:" D. wird dich nicht aufgeben"-gesagt
kurz nach seinem Sinneswandel mit dem Einzug in seine Wohnung.)
- seine Mutter hat ihren eigenen Ehemann gegen dessen Mutter aufgehetzt(
sowie auch meinen Freund), spielt aber bei gelegentlichen Pflichtbesuchen( da
viel zu erben) die liebe nette Schweigertochter vor
-  meine Schwiegermutter ist im Aussendienst tätig+ weiss somit, wie man
Leute beeinflussen kann, ausserdem ein grosser Jürgen Höller Fan
- mein Freund ist sehr sensibel und somit genau die richtige Angriffsfläche
für sie...
nur um einiges zu nennen.
Nun meine Frage bzw Bitte an Sie: Wie kann ich meinen Freund aus dieser
Abhängigkeit herausholen+ ihm bewusst machen, was mit ihm geschieht?
Ich weiss, dass direktes Ansprechen dieses Themas keinen Sinn haben würde,
weil er dann eh alles abstreitet und mit Trotz reagiert.
Und ich weiss auch, dass ich unter diesen momentanen Voraussetzungen keine
Zukunft mit ihm haben werde.
Natürlich möchte ich ihn nicht verlieren, denn er bedeutet mir sehr viel. (
Umgedreht genauso).
Bitte helfen Sie mir!
Für Ihre Aufmerksamkeit vielen Dank.

D.

Liebe D.,
vielen Dank für Ihren ausführlichen Brief, in dem Sie Ihren Freund so anschaulich beschreiben. Mit Gehirnwäsche hat es aber nichts zu tun, wenn er sich von seinen Eltern bisher noch nicht abgenabelt hat. Es ist vielmehr seine Persönlichkeitsentwicklung bei seinen dominanten und einengenden Eltern (wohl vor allem seine Mutter, die ihren Sohn wie ihren persönlichen Besitz behandelt), die es ihm schwer macht, auf Distanz zu gehen.

Normalerweise unterstützen Eltern die Tendenzen ihrer Kinder, selbständig zu werden und sich von ihnen zu lösen, obwohl sie ihre Kinder aus Liebe auch gerne bei sich behalten wollen. Die Vernunft siegt aber und die Kinder, die ja auch zeitweise hin- und hergerissen sind zwischen "Zu Hause in Sicherheit" bleiben, oder "Den Schritt ins eigene Leben wagen" fühlen sich von ihren Eltern errmuntert, sich zu lösen. Es ist ungefähr so, wie ich es neulich auf einem Kinderspielplatz beobachtet habe: Ein kleines Kind rutschte eine Rutsche hinunter und tat sich beim Aufprall etwas weh und weinte. Die Mutter tröstete das Kind und ermunterte es, gleich noch mal zu rutschen. Das Kind tat dies, passte diesmal aus Erfahrung besser auf und rutschte lachend hinunter, und danach mit viel Spaß noch viele Male. Ein anderes Kind, dem es genauso beim ersten Mal gegangen war, bekam von seiner Mutter gesagt: "Besser, du bleibst hier bei Mama, da passiert dir nichts".

Die erste Mutter hat es richtig gemacht, die zweite machte es etwa so, wie die Mutter Ihres Freundes. Sie unterstützt ihren Sohn nicht dabei, von ihr fort zu gehen. Im Gegenteil, sie tut alles, damit er bei ihr bleibt. Und das ist für Ihren Freund dann natürlich schwierig, trotzdem zu gehen, weil er seiner Mutter damit wehtun muss und einen Riesenkrach riskiert.

Das muss er aber! Lieber ein Ende mit Grausen als ein Grausen ohne Ende. Und ganz wichtig ist: Sie können Ihren Freund nicht herausholen aus dieser Abhängigkeit, das kann er nur alleine. Sie wollen ihn doch wohl nicht genau so fernsteuern wie seine Mutter? Das einzige, was Sie tun können, ist, ihm ganz knallhart klar zu machen, dass Sie sich von ihm trennen werden, wenn er sich nicht für Sie entscheidet. Sie oder seine Mutter. Diese Alternative muss für ihn klar sein. Wenn er nicht mit Ihnen zusammenziehen und alle Verbindungen zu seinen Eltern erst einmal stark zurückfahren will (z.B. finanziell unabhängig von ihnen zu werden), dann hat Ihre Beziehung wahrscheinlich wirklich keine Zukunft.

Mit freundlichem Gruß,
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt