Lieber herr Schmidt! Da ich in ihrer "Sprechstunde" mehrere Berichte gelesen
habe, die meinen Problemen ähnlich sind, möchte ich ihnen heute mein Problem
genau schildern. Ich bin seit drei Jahren geschieden und habe insgesamt drei
Kinder. Aus einer vorehelichen Beziehung eine Tochter mit knapp 14 Jahren und
aus meiner Ehe zwei Söhne mit 3 und 6 Jahren.  Ich selbst bin Teilzeit
berufstätig und verdiene den Lebensunterhalt für meine Familie alleine. Für
die Kinder erhalte ich Unterhalt, finanzielle Probleme haben wir nicht. Der
Vater meiner Tochter hat mich kurz nach Bekanntwerden der Schwangerschaft
verlassen. Zwischen meiner Tochter gab es bis zu ihrem vierten Lebensjahr
regelmäßige, dann nur noch sehr sporadische Kontakte, da er eine neue Familie
gegründet hatte. Jeweils zum Geburtstag und zu Weihnachten erhält sie
Geschenke. In diesem Jahr Weihnachten hat meine Tochter zum ersten Mal von
sich aus zum Telefonhörer gegriffen, aber auf der anderen Seite begegnete ihr
nicht sehr viel Begeisterung. Zwar gab es ein kurzes Gespräch, weitere
folgten aber nicht. Schon kurz nach der Geburt des ersten Sohnes fing meine
Tochter an kleinere Geldbeträge zu stehlen, psychologische Beratungen halfen
nicht. Mittlerweile stiehlt sie auch größere Beträge, auch die Polizei kam
schon ins Spiel. Nachdem mein Ehemann die Familie verlassen hatte, hatte
meine Tochter das Gefühl jetzt auch sie zu verlassen, da sie ja nicht
leibliches Kind sei. Trotz aller Bemühungen konnten wir sie nicht vom
Gegenteil überzeugen, sie zog sich immer mehr zurück und mein Mann kämpfte
nicht um sie. Mittlerweile ist stehlen und lügen für meine Tochter normal,
sie kann überhaupt nicht verzichten, jeder Wunsch muss erfüllt werden,
notfalls besorgt sie sich das Geld selber. Besorgniserregend finde ich auch
das absolute Chaos in ihrem Zimmer. Ständige Unordnung stört sie nicht.
Neuerdings hat sie häufig wechselnde, jeweils sehr kurze Beziehungen zu
Jungen, in die sie zunächst immer sehr verliebt ist, das Gefühl schwächt sich
dann immer sehr schnell ab. Meine Tochter und ich reden viel miteinander, ich
bin ihr immer mit Verständnis entgegengetreten. Mittlerweile bin ich selbst
aber sehr hilflos und weiß nicht mehr wie ich mit der Situation umzugehen
habe, da ich selber ja noch zwei Kinder zu versorgen habe, die übrigens
regelmäßigen Kontakt zum Vater haben und auch sehr ausgeglichene, zufriedene
Kinder sind. Zusätzlich brauche ich viel Energie für meinen Beruf. Können Sie
mir einen Rat geben?

Liebe Frau M.,

vielen Dank für die ausführliche Schilderung Ihrer Sorgen mit Ihrer Tochter! Ich glaube, Sie wissen schon recht gut, was Ihrer Tochter seit Jahren seelisch zu schaffen macht: die Sorge, kein Kind der Liebe zu sein wie ihre Brüder. Sie leidet seit langem wahrscheinlich darunter, dass sich ihr Vater von ihr zurückgezogen hat, eine andere Familie (mit anderen Kindern) ihr vorzuziehen scheint. Die Geschenke zu Weihnachten und zum Geburtstag könnte sie vielleicht am liebsten auf den Mond schießen, so kränkend müssen sie immer daran erinnern, dass wahre Vaterliebe so nicht gezeigt werden kann. Am besten, der Vater verzichtet auch noch auf diese Geschenke. Man bekommt eine richtige Wut auf den Vater Ihrer Tochter! Haben Sie Ihren geschiedenen Mann jemals und hartnäckig ermahnt, sich um seine Tochter zu kümmern? Oder war es Ihnen im Grunde recht, dass er sich zurückzog, weil Sie selbst nichts mehr von ihm wissen wollten? Das wäre zwar verständlich, nachdem er sie schwanger im Stich gelassen hat. Aber für Ihre Tochter wäre es wichtig, dass Sie sich für eine Beziehung zwischen ihr und ihrem Vater stark machen. Wahrscheinlich weiss er gar nichts vom seelischen Leid seiner Tochter? Das muss er aber wissen. Sie müssen es ihm mitteilen, dass seine Tochter sehr darunter leidet, dass er sie seit Jahren links liegen lässt. Damit macht er sich (nicht gesetzlich, aber) psychologisch strafbar an der Seele seines Kindes! Wenn er einen Internetanschluss hat, mailen Sie ihm doch meinen Brief. Oder schicken Sie ihn per Post als Ausdruck. Er muss sein Verhalten gegenüber seiner Tochter sofort ändern. Wenn er ehrlich ist, wird ihm das selbst ein Bedürfnis sein, denn er fühlt sich sicher schon seit Jahren insgeheim wie ein charakterloser Mensch, wenn er daran denkt, wie er seine Tochter im Stich gelassen hat. Die bedauerliche Trennung von Ihrem zweiten Mann hat alles für Ihre Tochter noch verschlimmert. Auch auf diesen Mann sollten Sie sehr einwirken, dass er Ihre Tochter eben nicht auch noch im Stich lässt. das ist auf Dauer doch unerträglich für alle Familienmitglieder, wenn Ihre Söhne zu ihrem Vater guten Kontakt behalten, Ihre Tochter aber weder zum leiblichen, noch zum "Ersatzvater".

Liebe Frau M., ich möchte Ihre Tochter gern selbst ansprechen, weiss aber nicht, ob Sie das wünschen oder ob Sie sich davon etwas versprechen. Schreiben Sie mir doch, ob Sie oder Ihre Tochter das wünschen. Ich würde dann anbieten, Ihre Tochter online zu beraten. Wenn Sie das wünschen, nennen Sie mir nur den Vornamen Ihrer Tochter. Ich schreibe ihr dann einen persönlichen Brief.

Mit freundlichem Gruß, Ihr Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

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Liebe Frau M.,