Sehr geehrter Herr Schmidt,
unser zweiter Sohn wird in ca 2 Monaten 5 Jahre alt. Im Laufe des letzten
Jahres hat sich sein "Sauberwerden" zu einem Problem entwickelt. Er kotet
ein. Nach meinen Erfahrungen mit unserem älteren Sohn habe ich mir zunächst
keine Sorgen gemacht, dass er sein "großes Geschäft" zunächst nicht in die
Toilette machen wollte. Er machte es wenn möglich in die Windel. Als er keine
Windel mehr hatte, machte er in die Hose, oder was ich noch schlimmer fand,
er hielt tagelang zurück, bis sich der Stuhl so verhärtet hatte, dass die
Ausscheidung wirklich schmerzhaft war. Einige Male blieb nichts anderes
übrig, als in Absprache mit dem Kinderarzt mit einem Klistier nachzuhelfen.
Das war für alle Beteiligten schrecklich, denn er wehrte sich und es flossen
viele Tränen. Mit Lactulose versuchen wir, den Stuhl weicher zu halten, damit
diese "Zwangsentleerungen" nicht mehr sein müssen. Seit dem letzten Sommer
kommen wir so über die Runden, aber Lukas macht weiterhin so gut wie nur in
die Hose. Meistens hüpft er dabei herum und scheint gar nicht richtig zu
pressen. Zweimal in all den Monaten hat er plötzlich und unerwartet auf der
Toilette gemacht. Ich hatte jedes Mal die Hoffnung, der Knoten sei jetzt
endlich geplatzt, aber leider blieb es bei diesen einzelnen Erfolgen.
Übrigens hat er keine Angst vor der Toilette , sein "kleines Geschäft"
erledigt er immer im Sitzen. Es hat sich inzwischen so eingespielt, dass ich
bzw auch die Erzieherinnen im Kindergarten ihm ruhig und möglichst
neutral/freundlich beim Waschen und Umziehen behilflich sind. Einen Großteil
dieser Arbeit erledigt er selbständig. Lukas zeigt dabei keinen Ekel und
scheint sich auch vor den anderen Kindern im Kindergarten nicht zu schämen.
Wir waren bereits bei einer Erziehungsberatungsstelle und zur Zeit bekommt er
ergotherapeutische Behandlungen. All das zeigt keine Wirkung.
Von der Arbeit abgesehen mache ich mir große Sorgen wie das weitergehen soll
und möchte ihm schrecklich gerne auf die Sprünge helfen. Eigentlich denke
ich, er macht es inzwischen sehr bewusst und sicherlich spürt er auch meine
Sorgen. Er ist sehr stur und vielleicht gehört dies alles zu seinem
Ausprobieren von Stärke. Ich weiß es nicht. Haben Sie noch einen Tipp?

Mit freundlichen Grüßen Doris.

Sehr geehrte Doris,

vielen Dank für Ihren einfühlsamen Brief über Ihren erfreulich eigenwilligen kleinen Sohn! Bitte missverstehen Sie mich nicht: Ich finde Eigenwilligkeit bei Kindern eben grundsätzlich erst einmal positiv, obwohl es Ihnen natürlich viel Arbeit, Ärger und Sorgen bereitet! Aber solche unkonventionellen Kinder sind im Allgemeinen vielversprechend. Ich glaube, Sie sind auf der richtigen Spur, wenn Sie vermuten, dass es ihm genau um diese Eigenwilligkeit geht (Sie finden es natürlich "stur" und eine "Stärke"-Demonstration, also ein Machtproblem, und das ist es aus seiner Sicht wohl auch). Er will anders sein als sein großer Bruder. Er will es so machen, wie er es für richtig hält, nicht Sie. Als jüngerer Bruder ist er allein von seiner Geschwisterposition her unter sonst vergleichbaren Bedingungen ein "Rebell der Familie". Solche Menschen verhalten sich eher unkonventionell und suchen betont nach noch nie dagewesener Individualität, mit der sie sich bei ihren älteren Geschwistern und den Eltern profilieren möchten (gehen Sie doch mal auf dieser website auf die Literaturliste: dort finden Sie ganz oben ein sehr lesenswertes Buch gleichen Namens über Menschen, die zu Hause die Jüngsten waren. Das stimmt Sie sicher erwartungsfroh für die Zukunft Ihres Söhnchens. Auch das Buch gleich daneben von Toman über "Familienkonstellationen" befasst sich mit der Psychologie unterschiedlicher Geschwisterpositionen).

Seinem in diesem Sinne positiven eigenen Willen tun Sie und die Erzieherinnen im Kindergarten mittelfristig aber keinen Gefallen, wenn Sie es stillschweigend und innerlich seufzend, aber geduldig, hinnehmen, dass er absichtlich in die Hose kackt. Dass er "sauber" sein kann, erkennen Sie ja daran, dass er das "kleine Geschäft" problemlos in die Toilette macht. Aber das "große Geschäft" (man nennt es nicht umsonst so, gerade, wenn man in der Familie der Kleinste ist!), das ist natürlich etwas Anderes. Damit kann man Furore machen!

Meine Empfehlung geht dahin, dass Sie mit Ihrem Mann überlegen, wie Sie den positiven Drang Ihres Sohnes nach Individualität auf einem höheren Niveau, als in die Hose zu machen, unterstützen könnten, so dass er das Einkoten dafür aufgeben könnte. Wenn er etwas aus seiner Sicht ganz Besonderes, Einmaliges in der Familie ab sofort dürfte oder verkörperte oder machen würde, was sein Bruder nicht macht oder kann, was aber nur ginge, wenn man schon groß ist und nicht mehr in die Hosen macht, dann würde er das Einkoten wohl nicht mehr brauchen, um seine Einzigartigkeit herauszukehren. Sie müssen irgendetwas finden, was ihn aus seiner Sicht in der Familie sehr positiv heraushebt (ohne dass sich Ihr älterer Sohn zu sehr benachteiligt fühlt. Das hängt vom Altersabstand zwischen Ihren beiden Söhnen ab: je geringer, umso größer die Rivalität), und dann können Sie so ganz beiläufig (das ist wichtig: ganz beiläufig!) erwähnen, dass man dazu natürlich nicht mehr in die Hose machen darf, weil das Vertrauen oder die Aufgabe, das oder die Sie für ihn ausbaldowert haben, kein "Baby" mehr verlangt.

Als kleines praktisches Beispiel nach so viel Theorie: In meinem Institut beriet ich eine Familie mit zwei Söhnen, wovon der jüngere mit 7 Jahren noch fast täglich einnässte. Mit wurde schnell deutlich, dass er unter starken Selbstwertproblemen in der Familie litt. Sein älterer Bruder war ein absoluter Überflieger: beliebt, intelligent, kontaktreich, Papas "einziger Sohn" (wahrscheinlich hätte das zweite Kind eine Tochter werden sollen!). Es zeigte sich, dass die Kinder sich sehnlichst einen Hund wünschten. Ich empfahl, einen möglichst jungen, noch nicht erzogenen Hund anzuschaffen, dass aber der jüngere Sohn die Aufgabe übertragen bekam, den Hund zur Sauberkeit zu erziehen (mit Unterstützung der Eltern natürlich). Der Junge war sehr stolz, der Bruder konnte es verschmerzen und teilweise verstehen. Es war klar, dass man einem Hund nur dann Sauberkeit anerziehen kann, wenn man es als Mensch selbst kann. Die Eltern mussten das dem kleinen Sohn nicht einmal erklären, er hat es selbst so befunden und nicht mehr eingenässt (der Hund schaffte es übrigens auch!)

Also viel Erfolg, Ihr Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

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