| Meine Mutter ist seit meinem 4. Lebensjahr alleinerziehend.Ich habe auch noch einen 3 Jahre jüngeren Bruder, der noch bei ihr wohnt. Ich selbst bin 20 Jahre alt studiere und bin seit 3 Jahren von zu Hause ausgezogen.Es gab schon immer Konflikte zwischen mir und meiner Mutter, die oft im Streit verliefen.Meine Mutter hat keine engen Freunde/innen und so verlässt sie sich sehr auf uns Kinder und vorallem auf mich, da ich die Ältere bin. Doch ich führe mein eigenes Leben, mit eigenem Partner und eigenen Freunden. So kommt, da sie so allein ist, daß ich immer mit in den Urlaub fahren muß oder bei anderen Dingen dabei sein muß. Ich tue dies selten aus eigenem Willen heraus, sondern eher aus Höflichkeit und Verantwortlichkeit ihr gegenüber. Und sage ich ihr nein, so plagt mich mein schlechtes Gewissen, obwohl ich keinen Grund dazu habe, denn ich bin erwachsen und führe mein eigenes selbstständiges Leben. Wie soll ich denn nur damit und mit ihr umgehen, ohne ihr weh zu tun? |
Hallo,
vielen Dank für Ihren Brief! Ich finde, Sie sind eine sehr liebe
und verantwortungsbewusste Tochter, auf die Ihre Mutter stolz
sein kann! Machen Sie sich bitte keine unnötigen Dauer-Sorgen.
Sie werden sehen, dass es Ihnen mit der Zeit immer leichter
fallen wird, die Kontakte zu Ihrer Mutter so zu gestalten, wie es
Ihren eigenen Bdürfnissen entspricht. Das schlechte Gewissen
wird dabei langsam immer schwächer werden. Sie sind ja schon auf
dem besten Weg. Sie können davon ausgehen, dass Ihre Mutter auch
zwei Seelen in ihrer Brust spürt: Auf der einen Seite sollen Sie
bei ihr bleiben, auf der anderen weiss sie selbst, dass das auf
Dauer nicht richtig wäre. Ihre Mutter ist ja letzten Endes für
ihr Leben selbst verantwortlich, nicht Sie!
Also machen Sie so weiter, wie
begonnen. Seien Sie mutig und setzen Sie langsam, aber sicher
Ihre Vorstellungen durch. Ihr unbegründetes "schlechtes
Gewissen" wird Zug um Zug verstummen. Ihr Bruder wird
übrigens einmal ähnliche Erfahrungen machen und braucht in
Ihnen ein Vorbild in Selbständigkeitsentwicklung. Sie können
ihm dann zu gegebener zeit sicher ein wenig helfen, auch seinen
Weg zu gehen.
Alles Gute, Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt