| Sehr geehrte
Damen und Herrn. Ich habe eine Freundin, deren Eltern sich vor einem halben Jahr getrennt haben. (meine Freundin ist 20 Jahre alt) Natürlich leidet sie unter der Trennung. Sie hat aber momentan ein viel schlimmeres Problem, sie merkt nämlich bzw. denkt, dass ihr ihr Vater gleichgültig ist da es ihr nichts ausmacht ihn nicht zu sehen und es macht ihr auch keine Probleme weg zu gehen wenn er zu besuch kommt. Hintergrund: Sie hatte auch vor der Trennung schon immer den Eindruck, dass sich ihr Vater wenig für sie interessiert. Kurz nach der Trennung war sie sehr wütend auf ihn, (obwohl die Mutter sich entschieden hat sich zu trennen) weil er nicht um seine Frau gekämpft hat. Dann tat ihr ihr Vater unendlich leid weil er jetzt alleine leben muss. Und jetzt eben hat sie das oben genannte Problem. Ich weiss nicht was ich meiner Freundin raten soll und wie sie damit zurecht kommen soll. Vor allem hab ich grosse Angst um sie da sie momentan ohne hin in einer sehr depressiven Phase steckt. Sie weint oft und ist oft sehr traurig. Gott sie dank läuft es in unserer Beziehung ausgezeichnet. Vielleicht haben sie ein paar tips für mich bzw. für sie. Mit freundlichen Grüßen, Uli |
Hallo lieber Uli,
schön, wie Sie sich um Ihre Freundin kümmern! Genau das braucht
sie jetzt wohl auch sehr, denn sie liebt ihren Vater
wahrscheinlich viel mehr, als sie ihm bisher im Leben zeigen
konnte, weil er vielleicht zu distanziert zu seiner Tochter war.
Sie fühlt derzeit wahrscheinlich viel Enttäuschung, nicht
erwiderte Liebe und Wut auf ihren Vater, aber auch auf die
Mutter. Die Scheidung der eigenen Eltern ist auch noch etwas
Schlimmes, wenn man schon 20 ist. Man ist und bleibt das Kind
seiner Eltern, die sich jetzt scheiden lassen. Das ist immer
etwas Trauriges, das es in jedem Lebensalter zu verdauen gilt.
Dabei können Sie sehr viel helfen, wenn Sie ein einfühlsamer
und tröstender Freund sind, der in der nächsten Zeit einfach da
ist, auf den man sich verlassen kann, der immer ein offenes Ohr
hat und mit dem man viel sprechen kann, bei dem man sich
ausheulen kann. Versuchen Sie, Ihre Freundin dann immer
unaufdringlich aufzuheitern und abzulenken (aber ohne ihre
Gefühlslage zu ignorieren, wie gesagt, im Gegenteil). Besuchen
Sie mir ihr gemeinsam die Eltern regelmäßig (vielleicht einmal
pro Woche über eine gewisse Zeit hinweg). Das wird ihr helfen,
zu merken, dass ihre Beziehung zu den Eltern trotz deren
Scheidung weitergehen wird, dass sie langfristig ihre Beziehung
zu ihrem Vater aus eigener Initiative verbessern kann, wenn sie
will. Ich kenne einige Menschen, bei denen sich im
Erwachsenenalter die Beziehung zu einem Elternteil, mit dem man
früher nie so richtig warm wurde, nach der Trennung der Eltern
verbessert hat. Also, mit der Scheidung der Eltern ist für Ihre
Freundin nichts zu Ende. Im Gegenteil, nun liegt es mittelfristig
an ihr, die Beziehung zu Vater und Mutter weiter zu pflegen und
auszubauen. Dabei sollten Sie ihr immer Mut machen.
Alles Gute für Ihre Freundin und Sie wünscht
Ihr Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt