| lieber herr
schmidt, ich fange am besten sofort an alles zu schildern, bevor ich mich wieder selber tröste und alles nur "schlechte laune" war. ich bin 25 jahre alt und seit gut 1 1/2 jahren verheiratet. ich arbeite tagsüber als grafikerin und mache abends eine fortbildung in diesem bereich. mein mann ist 27 und kommt aus dem nahen osten. wir kennen uns schon aus kindertagen und hatten eine 6 jährige fernbeziehung hinter uns, als wir beschlossen zu heiraten. damals haben wir uns darauf geeinigt das er nach deutschland kommen wird, weil ich einen guten arbeitsplatz hier habe und die allgemeine wirtschaftliche und politische lage einfach stabiler ist als in seiner heimat. er kam also, obwohl er sehr an seiner familie, freunde und heimat hängt, lernte deutsch und mittlerweile hat er auch arbeit gefunden. eigentlich ist alles so gekommen wie wir es uns vorgestellt haben, trotzdem ist mein mann nicht zufrieden. von anfang an war unsere ehe schwierig. von fern- zu extrem nahbeziehung war es nicht immer leicht. mein mann ist von natur aus schon eher introvertiert und ängstlich, hinzu kommen auch viele situationen in denen er in seinen augen einfach versagt hat ( er hat kein abitur, keine nennenswerte ausbildung). an sich ist er aber wissensdurstig und interessiert. er sperrt sich aber dagegen je irgendeine art von bildung anzupacken, er glaubt er kann es nicht schaffen. das problem ist, das sich seine art zu resignieren auf alles ausbreitet. er will zum beispiel nicht alleine zu einem arzt gehen, weil er glaubt das er sich nicht verständlich machen kann, obwohl sein deutsch reichen könnte und sein englisch allemal. er macht sich von mir abhängig und ich habe mich in diese position drengen lassen, weil ich mir selber vorwürfe mache. schließlich ist er für mich nach deutschland gekommen und jetzt ist er hier nach eigener aussage nicht glücklich. ich frage ihn ob er wieder nach hause will und selbst das kann er mir nicht beantworten. er sagt er weiss nicht wie er wieder glücklich werden kann und wenn ich es mir so recht überlege war er das noch nie. er sieht in allem was er hat immer das negative und idealisiert vergangenes. andererseits konnte er aber nie ein klares ziel für sich formulieren, hilft sich selber nicht aus. wenn ich ihn frage ob er mit mir zu einem therapeuten möchte, verneint er. er wehrt sich regelrecht dagegen. das ganze findet seinen höhepunkt indem dass er sagt er wolle keine kinder haben, bevor er nicht glücklich ist. das macht mir ganz besonders angst. wir sind an sich ein nettes pärchen. alle mögen und manche beneiden uns auch. nach außen scheinen wir ein glückliches paar zu sein. in meinem inneren liebe ich meinen mann sehr, obwohl sich in der beziehung viel geändert hat. die zuneigung die er mir früher gezeigt hat und das gefühl etwas besonderes zu sein existiert einfach nicht mehr und er sorgt sich weniger um mich. ich habe das gefühl das er mich nicht mehr liebt, es bereut mich geheiratet und nach deutschland gekommen zu sein und am liebsten die uhr zurück drehen würde. wenn ich ihm von meinen gefühlen erzähle zieht er sich zurück, reagiert genervt und wirft mir sogar vor verückt zu sein. er sagt immer das er schon längst weg wäre wenn er mich nicht mehr lieben würde. ist die ehe kaputt, wie kann ich ihm helfen, wie kann ich mir helfen, wie kann ich uns helfen? ich hätte noch jahre weiterschreiben können, aber das würde wohl den rahmen sprengen, hoffentlich können sie mir ein bisschen helfen. mit freundlichen grüssen, frau grün (wegen der hoffnung) |
Liebe Frau Grün
(wegen der Hoffnung),
Sie beschreiben die Psyche Ihres Mannes sehr einfühlsam und
klar. Ich kann mir Ihren Mann ganz gut vorstellen. Wenn er sich
so abhängig von Ihnen macht, werden Sie wohl auch die
Entscheidung über die Zukunft Ihrer Ehe selbst finden müssen.
Sie können diese Entscheidung offensichtlich nicht ihm
überlassen, auch nicht anteilig. Sie beschreiben ihn als
jemanden, der sich ganz unselbständig verhält und sich derzeit
nicht bewegen kann, weder vor noch zurück.
Sie sollten keine Schuldgefühle haben, weil er angeblich für
Sie nach Deutschland gekommen ist. Er ist vor allem für sich
gekommen, er hat sich selbst dazu entschlossen, Sie
haben ihn doch nicht mit vorgehaltener Pistole gegen seinen
Willen hergezwungen! Er ist für sich selbst verantwortlich. Sie
sind viel weniger verantwortlich für ihn und für sein Glück,
als Sie glauben.
Sie sind aber (genau wie er) in erster Linie für sich selbst und
für Ihr Glück verantwortlich. Deshalb sollten
Sie überlegen, wie die Lösung für Sie selbst aussehen könnte.
Denken Sie ruhig mal etwas egoistischer an sich selbst, daran,
was Sie glücklich machen würde, was Sie
von dem Mann an Ihrer Seite erträumen. Benehmen Sie sich also
wie eine erwachsene Frau und nicht mehr wie eine überbehütende
Mutter Ihres sich hilflos-kindlich gebenden Partners.
Wenn Sie auf diese Weise reagieren, üben Sie vermehrten Druck
auf Ihren Mann aus, seinerseits erwachsener,
selbstverantwortlicher zu werden. Jedenfalls wird er merken, dass
er einiges ändern müsste, dass er endlich "in die
Pötte" kommen müsste, damit Ihre Ehe eine Zukunft hat.
Wenn er mittelfristig dazu nicht in der Lage sein sollte (es kann
sich ja alles noch verschlimmern, statt verbessern), dann war
Ihre Ehe vielleicht leider ein bedauerlicher Irrtum, weil Ihr
Mann sich nicht anpassen und anstrengen konnte.
Dass dies anders kommt, hofft mit Ihnen Ihr grüner
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt