| Ich weiß,
dass es zum Thema Sauberkeitserziehung schon viele Problemschilderungen und Antworten gibt, aber ich bin inzwischen so verzweifelt, dass ich hoffe auf mein Problem dennoch eine Antwort zu bekommen. Unsere Tochter ( 3,5 Jahre) war seit einem dreiviertel Jahr tagsüber weitestgehend sauber, wobei sie den Toilettengang immer etwas lästig fand, jedoch auch keine Windeln mehr tragen wollte. Seit einigen Wochen nässt sie nun wieder ein. Alles begann ganz harmlos, öfters mal ein paar Tropfen in der Unterhose, jedoch nie "richtig" reingepieselt. Ich ermunterte sie, doch rechtzeitig aufs Klo zu gehen. Mit der Zeit kam dies immer öfters vor und sie begann zu "klemmen". Die Aufforderung die Toilette aufzusuchen lehnte sie mit der Begründung "Ich muss nicht!" ab. Mit der Zeit wurde es immer häufiger und irgendwann begann sie richtig in die Hose zu machen. An "Hochtagen" haben wir inzwischen 5-8 verpieselte Hosen. Dies geht natürlich an die Nerven. Dennoch bemühe ich mich möglichst ruhig zu bleiben. Wir haben schon alles mögliche probiert: Bitten, Aufforderungen, sie einfach aufs Klo gesetzt (was inzwischen in Schreikrämpfen endet), ihr Windelhöschen angeboten, was sie total ablehnt. Nasse Hosen versucht sie zu verheimlichen, wir haben auch schon probiert alles zu ignorieren, aber dann läuft sie nass herum und man merkt, dass ihr das doch sehr unangenehm ist. Inzwischen sind wir leider so weit, dass jeder Toilettengang entweder zum Machtkampf wird oder eben in der Hose endet. Wir wissen inzwischen nicht mehr, wie wir aus diesem "Teufelskreis" wieder herauskommen sollen (zur Windel zwingen??? damit wir mal nichts mehr sagen müssen??) Unsere Tochter ist ansonsten ein sehr fröhliches, aufgeschlossenes und "vernünftiges" Kind. Sie trotzt ansonsten kaum, so dass ich manchmal denke, sie verarbeitet so ihren Trotz oder evtl. Frust. Sie geht übrigens seit sie 3 ist in den Kindergarten und hat eine kleinere Schwester (21 Monate), die sie sehr liebt und bemuttert. Ich hoffe, Sie können uns einen Rat geben, da uns alle dieses Problem inzwischen sehr belastet. Mit freundlichen Grüßen S. |
Liebe S.,
Sie bemühen sich zwar tapfer, möglichst ruhig zu bleiben, aber
Ihrer Tochter gelingt es ja in Wirklichkeit prächtig, Sie zu
provozieren und in einen Machtkampf zu locken! Sie sollten sofort
mit diesem Machtkampf aufhören und sich geschickt daraus
befreien. Das gelingt Ihnen, wenn Sie einsehen, dass Ihr
Töchterchen ganz alleine bestimmt, wie lange sie noch in die
Hose pieselt, bzw. wann sie damit aufhört. Kapitulieren Sie also
aus taktischen Gründen öffentlich vor Ihrer Tochter! Sagen Sie
möglichst ruhig und freundlich-seufzend, dass Sie glauben, dass
Sie da völlig hilflos und ratlos seien und davon ausgingen, dass
sie es selbst entscheiden soll und wird. Und danach schweigen Sie
zu diesem Thema eisern. Sie waschen fröhlich die eingepieselten
Höschen und warten guter Dinge ab. Wenn Sie Ihre kleinere
Tochter windeln und Ihre große Tochter schaut zu, sagen Sie
allerdings so ganz beiläufig Dinge wie: "So kleine Babies
können noch nicht aufhören, in die Hose zu machen, die sind
noch zu dumm dazu. Aber wir großen Leute können das, wenn wir
wollen. Der Papa und ich sind schon so groß, dass wir gar nicht
mehr in die Hose machen könnten, selbst wenn wir
wollten..." Vielleicht lässt sich Ihre Tochter dann sogar
auf ein witziges Gespräch mit Ihnen darüber ein. Vielleicht
sagt sie irgendwas in der Richtung, dass sie beides kann, wenn
sie will: in die Hose pieseln oder nicht! Dann haben Sie (und
Ihre Tochter) gewonnen. Jeder hat sein Ziel erreicht: Ihre
Tochter hat (mit dem Einverständnis ihrer Eltern) ihre
Selbständigkeit betont, und Sie haben sie ohne offenen Krieg
sauber bekommen.
Mit freundlichem Gruß,
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt