Lieber Herr Schmidt,  

heute habe ich eine Frage an Sie, weil ich nicht so recht weiß, an wen ich mich wenden kann. Ich weiß nur, dass ich mit der Situation einfach nicht allein fertig werde.   Im vergangenen Frühjahr habe ich (30) auf beruflicher Ebene einen Mann (35) kennen gelernt und mich in ihn verliebt. Anfangs hatt ich eigentlich kein Interesse, es war also nicht die berühmte "Liebe auf den ersten Blick", sondern hat sich Stück für Stück entwickelt. Er hat sich ziemlich bemüht, sich immer wieder per Telefon und Mail gemeldet, wir haben uns ein paar Mal getroffen und immer sehr, sehr gut unterhalten. Irgendwann sagte ich ihm, dass ich ihn sehr nett finde, aber nicht mehr für ihn empfinde, woraufhin er meinte, dass ich mir keine Sorgen um ihn machen müsste. Er wäre zwar fasziniert von mir, würde aber ohnehin keine Beziehung mit all den Komplikationen wollen, die so etwas oft mit sich bringt. Man muss dazu sagen, dass er seit seinem 17. Lebensjahr in zwei sehr langen Beziehungen war und nun das erste Mal seit gut einem Jahr Single - mit abwechselnden Affären - war. Ich hingegen hatte immer nur kurze Bindungen, die längste dauerte zwei Jahre, war es also gewohnt, immer ungebunden und frei zu sein.  

Nun, nach einer Weile habe ich mich dann doch in ihn verliebt. Es kam über die Gespräche, darüber, dass ich ich noch nie einen Mann getroffen habe, bei dem ich das Gefühl hatte, er sei mir endlich einmal "gewachsen". Ich bin relativ gutaussehend und auch beruflich erfolgreich, hatte noch nie Probleme, Männer kennen zu lernen - aber nur selten war einer dabei, bei dem ich dachte: "Ja, das passt". Bei ihm war es nun so, dass wir ganz ähnliche Interessen haben, wir haben zu Hause die gleichen Bücher im Regal stehen, manchmal war es schon unheimlich, wie "deckungsgleich" wir sind. Wir begannen eine Art "Beziehung", wobei er meinte, er könne sich nicht so schnell binden, brauche einfach Zeit. Gleichzeitig betonte er immer wieder, dass er jemanden wie mich noch nie kennen gelernt hätte, dass ich ihn umhauen würde und einfach genau die Frau sei, die er sich immer gewünscht hätte. Die paar Freunde, die ich von ihm kennen gelernt habe, haben das auch immer wieder behauptet: Dass sie ihn so noch nie erlebt hätten, dass er mich sehr lieben würde - dass er aber Schwierigkeiten hätte, sich festzulegen und eigentlich keine Beziehung möchte.

Sein bester Freund sagte aber zu mir: Ich weiß, dass es schwer für dich ist, aber halt es aus, ich weiß, dass er dich liebt und ihr zwei einfach ein PERFEKTES Paar wärt, wenn ihr eure Schwierigkeiten erst einmal überwunden habt.   Nun, mit den Monaten wurde es immer schwieriger. Ich wollte mehr Nähe, wollte mit ihm die Wochenende verbringen (das haben wir so gut wie nie getan), wollte einfach ... tja, IHN. Und so ging das Karussel los, denn er wollte immer mehr Freiheit, keine Verantwortung, wollte sein Leben so leben, wie er es für richtig hält und auf niemanden Rücksicht nehmen müssen. Er genoss es, nach langen Jahren in zwei Bindungen einfach mal das tun und lassen so können, was er will. Ich war noch nie eine Klette, aber mit der Situation bin ich einfach nicht klar gekommen. Mehrfach habe ich versucht, mich von ihm zu lösen, es aber nicht geschafft. Ich habe mich dann immer mehr von ihm zurück gezogen, aber da war es dann wohl schon zu spät. Es wurde sehr verkrampft zwischen uns, viele Diskussionen, ich musste oft weinen und uns beide hat das alles wohl sehr viel Kraft gekostet (und da wir beide selbständig sind, mussten wir natürlich auch zusehen, dass wir noch unseren Job geregelt bekommen).   Als wir uns denn Anfang November schon zwei Wochen nicht mehr gesehen hatten und er das Wochenende wieder allein verbringen wollte, habe ich es nicht mehr ausgehalten und mich von ihm getrennt. Das war sehr traurig und passierte alles am Telefon, er meinte, es würde ihm unwahrscheinlich weh tun, aber er könnte nicht mehr. Er meinte, dass wenn ich die Richtige für ihn wäre, ich es immer bleiben würde und man nie wüsste, was das Leben bringt.  

Drei Wochen lang hörte ich nichts mehr von ihm, schrieb ihm einen Brief, in dem ich versuchte, einfach mal klar zu bekommen, was zwischen uns beiden passiert war. Ich versuchte, auch mein Verhalten zu reflektieren, zu ergründen, was ich vielleicht falsch gemacht hatte - aber auch, warum er mich oft verunsichert hat und ich nicht mehr wusste, was ich tun soll. Ich stellte fest, dass wir beide wohl aufgrund verschiedener Lebenserfahrungen in bestimmten Situationen unterschiedlich reagieren, ohne dass ich irgendwelche Schuldzuweisungen machen wollte. Auf den Brief kam keine Reaktion, womit ich aber auch nicht gerechnet hatte, weil er nicht so geschrieben war, dass man darauf hätte antworten müssen. Ich wollte einfach nicht so von ihm fortgehen, wollte ihm sagen, dass er mir viel bedeutet, ich aber so, wie er es sich wünscht, nicht mit der Situation klar kam.  

Wieder drei Wochen später rief ich ihn an, weil ich sehr große Sehnsucht nach ihm hatte. Er freute sich sehr, sagte mir, dass er ständig an mich denken müsste und auch sehr traurig sei. Nach zwei Stunden Telefonat legten wir auf, er meinte, er würde sich die Tage noch einmal melden. Das tat er dann auch, wenige Tage später rief er mich wieder an. Nachdem wir eine Weile geplaudert hatten, stand irgendwann die Frage im Raum, ob wir uns noch einmal treffen sollten. Er sagte, das würde er gern, hätte aber Angst, dass dann alles wieder von vorn losgehen würde. Und dann habe ich all meinen Mut zusammen genommen und ihn gefragt, ob es schon eine neue Frau in seinem Leben geben würde. Er bejahte diese Frage, er hätte eine kleine Liebelei mit einer Frau, die alles ebenso locker sehen würde wie er. Und das sehr, sehr kurz nachdem ich mich von ihm getrennt hatte.

Ich war natürlich geschockt darüber und meinte, dann könne er mich ja nicht so sehr geliebt haben, wie er immer behauptet hat, wenn er sich jetzt schon anderweitig involvieren würde. Seine Antwort darauf war seltsam: Er stellte fest, dass es vielleicht schwer zu verstehen sei, aber dass er in der jetzigen Situation nur sei, eben WEIL ihm unsere Beziehung so nahe gegangen sei. Sie andere Frau würde nichts fordern, sie würden sich sehen, wenn beide Zeit und Lust hätten, ansonsten könne er sein Leben so leben, wie er will, sich auf seinen Job konzentrieren. Ich musste wieder weinen, er klang auch nicht gut am Telefon und sagte, dass er mich immer noch liebt und ich für ihn immer etwas Besonderes bleiben würde ...

Am Ende des Telefonats sagte er noch, dass er hofft, nicht zum letzten Mal mit mir gesprochen zu haben.   Seitdem (also etwa ein Monat) ist Funkstille und ich versuche mein Bestes, um ihn zu vergessen und loszulassen. Aber es will mir nicht gelingen. Ich habe Angst, ihm und der anderen Frau irgendwann zu begegnen. Dann wieder hoffe ich, dass er irgendwann wieder zu mir zuürck kommt. Dann wieder denke ich: Nein, er hat dich angelogen, alles, was er gesat hat, war eine Lüge. Und auf einmal denke ich dann wieder, dass zwischen uns beiden etwas Besonderes war und ist, dass ich mir das nicht eingebildet habe, dass es einfach Zeit, Zeit, Zeit braucht und wir irgendwann wieder zueinander finden werden.

Ich komme mir vor wie ein pubertierender Teenager, aber ich kann nichts machen. Ich habe schon viele, viele Männer kennen gelernt und weiß auch, dass es kein Problem für mich sein wird, wieder einen zu finden - nur einen, der für mich so besonders ist, der mir so nah ist, das kann ich mir nicht vorstellen. Ich bin so ratlos, was soll ich nur glauben? Kann es das denn tatsächlich geben, dass jemand einen Menschen liebt, aber aus lauter Angst oder was auch immer nicht KANN und sich statt dessen lieber etwas "Unverbindlicheres" zulegt? Das kann ich mir nicht vorstellen! Was soll ich denn nur tun?  

Vielen Dank für Ihre Antwort! C.

Liebe C.,
haben Sie vielen Dank für Ihren ausführlichen Brief!

Ich kann mir gut vorstellen, warum dieser Mann für Sie etwas so Besonderes ist: Er wäre vielleicht genau der Richtige (und Sie für ihn die Richtige), aber er ist genauso wie Sie über diese Erkenntnis zutiefst erschrocken.

Das klingt paradox, nicht wahr? Aber es ist wahr: Es gibt so etwas wie Angst vor der echten Liebe. Echte Liebe bedeutet ja u.a. totale Festlegung ("bis dass der Tod euch scheidet..."), lebenslange Treue, volle Verantwortung, gemeinsame Kinder, ausschließliche Hingabe, Verzicht auf viele "Freiheiten". Also für viele heutige eher unverbindliche Menschen ein Stück der Unmöglichkeit. Ich glaube, Ihr Partner schreckt aus diesem Grund vor Ihnen zurück. Anfangs hat er wahrscheinlich einen gewissen sportlichen Eroberungsgeist darein gesetzt, Sie zu gewinnen. Wahrscheinlich waren Sie für ihn eine sehr attraktive, aber unerreichbare Frau, was seinen männlichen Ehrgeiz besonders herausgefordert haben mag. Dass Sie dann nach anfänglichem und für ihn herausforderndem Desinteresse tatsächlich auf ihn eingehen und sich sogar in ihn verlieben, hätte er wahrscheinlich gar nicht ernsthaft erwartet, nicht in seinen kühnsten Träumen. Er hattte von Anfang an wahrscheinlich kein wirkliches Interesse an einer ernsthaften Dauerbeziehung zu Ihnen. Er wollte nur versuchen, Sie zu erobern, sozusagen als männliche Selbstbestätigung. Und als ihm dies gelungen schien, zog er sich siegestrunken zurück. Mehr wollte er ja nicht. Es ist wie mit einem Bergsteiger: Er sucht sich einen schwierig zu besteigenden Berg und will ihn unbedingt bezwingen. Und wenn ihm dies gelungen ist, ist er zwar vorläufig befriedigt, sucht sich aber gleich einen noch höheren neuen Berg heraus, während er sich in der Zwischenzeit im Tal vergnügt.

Ich stelle mir vor, dass Sie an jedem Finger Ihrer Hand mindestens einen Mann haben könnten. Aber dass ein Mann Sie zuerst "herumkriegt" und Sie dann doch wieder fallen lässt, ist Ihnen noch nicht oft passiert. Gewöhnlich bestimmen wahrscheinlich Sie die Regeln Ihrer Männerbeziehungen. Aber nun bestimmt dieser Mann über Ihre Gefühle. Und genau das macht Sie fast verrückt. Das fordert Sie heraus, das kränkt Sie auch. Dabei übersehen Sie aus meiner Sicht aber leider völlig, dass unter den vielen anderen Männern, die Sie sonst so kennenlernen, wahrscheinlich der Eine oder Andere wäre, der wirklich an Ihnen und einer ernsthaften Dauerbeziehung interessiert wäre, der zusammen mit Ihnen auf dem bezwungenen Berg ernsthaft bleiben und ein dauerhaftes Haus für die ganze Familie bauen wollte.

Ich glaube, Sie fixieren sich derzeit emotional auf Ihren Partner genau deshalb so stark, weil er unerreichbar ist. Ihre unbewusste Angst vor einer ausschließlichen Dauerbeziehung (das Haus auf dem Berg) bringt Sie dazu, sich in einer unerfüllten, unerwiderten Beziehungskiste zu verlieren, statt sich auf das ernsthafte Beziehungsangebot eines anderen Mannes einzulassen.

Mit freundlichem Gruß, Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt