Sehr geehrter Herr Schmidt,

ich habe folgendes Problem: meine Freundin (32) hat mich (34) nach 3 Jahren
Beziehung verlassen.

Unsere Bezieung war sehr harmonisch, wir haben 2 1/2 Jahre zusammen gewohnt,
kaum gestritten, wir haben uns geliebt (denke ich), haben es uns auch
ständig gesagt und gezeigt, sind vielleicht etwas kindlich (wir haben uns
ständig angefasst, etc.) miteinander umgegangen. Wir haben auch viel Zeit
miteinander verbracht (zusammen gekocht, ausgegangen, etc..) und doch hat
jeder seine eigenen Interessen wahrgenommen (sie war zweimal die Woche Tango
tanzen, ich war öfters radfahren oder laufen).

Ich hatte ein blindes Vertrauen ihr gegenüber, sie hat auch während unserer
Beziehung immer wieder andere Männer kennengelernt, die sie interessant fand
ohne das ich mir Sorgen gemacht hätte. Ich denke, sie hatte auch das gleiche
Vertrauen mir gegenüber, obwohl ich es nie "getestet" habe, da ich nie das
Bedürfnis hatte, andere Frauen kennenzulernen.
Auf jeden Fall gibt es wenig, was ich mir für eine Beziehung besser
vorstellen könnte - wir haben vielleicht zu wenig ernsthaft miteinander
gesprochen, uns zu wenig hinterfragt - der Harmonie zuliebe.

Im Januar habe ich ihr einen Heiratsantrag gemacht (die Hinweise mit dem
"Zaunpfahl" kamen von ihr seit Monaten), sie hat ja gesagt, war glücklich.

Bis dahin hatte sie seit Dezember Probleme mit sich selbst. Sie sagte, sie
habe wenig Selbstwertgefühl, Unzufriedenheit mit sich selbst - die Gründe,
die sie nannte: Geschäft, Eheprobleme der Eltern. Aufgrund dieser Dinge, die
ihr im Kopf rumgingen wachte sie fast jede Nacht auf und hatte auch wenig
Appetit.

Anfang März sagte sie, sie habe sich in ihren Heilpraktiker verliebt (den
hat sie im Dezember kennengelernt, mit dem hat sie angefangen Tango zu
tanzen).

Der Heilpraktiger ist ein charismatischen Mann mit psychologischer
Ausbildung, 50 Jahre alt, zum 2. Mal verheiratet, hat 6 Kinder und bekannt
dafür, ständig offizielle Freundinnen zu haben. Sie hatte mir schon im
Dezember von ihm erzählt (ich hatte ihn auch kennengelernt) und sie fand ihn
interessant. Er ist sehr mystisch, wozu sie sowieso einen "Draht" hat. Diese
mystischen Dinge berühren sie schon immer sehr stark, mir ging es teilweise
zu weit. Ich habe mir aufgrund der "Fakten" des Heilpraktikers keine
ernsthaften Sorgen gemacht.

2 Wochen später hat sie mich verlassen, sie ist in Aufbruchstimmung,
entdeckt neue Welten, beschreibt sich: "ich löse die Fesseln meiner
Vergangenheit, tröste das Kind in mir, bin auf dem Weg zu mir selbst, habe
endlich das Gefühl zu leben...". Sie findet die offen Beziehung ihres
Heilpraktikers toll (seine Frau und die Kinder wissen alles und scheinen es
zu tolerieren) weil jeder nur will, das der andere glücklich ist, egal wie.

Ich habe den starken Verdacht, dass viele Dinge die sie sagt, von ihm
kommen. Durch einige Dinge, die ich erfahren habe, hat er es sehr gezielt
von Anfang an darauf abgesehen, sie zu "bekommen".

Ich habe ihr gezeigt, wie sehr sie mir fehlt und das ich sie liebe, habe 3
Briefe geschrieben. Die drei, vier Gespräche, die wir noch geführt haben
waren sinnlos, sie sagt, sie will sich nicht rechtfertigen, sieht es nicht
ein - Liebe sei kein Verbrechen. Sie sagt außerdem, sie sei nicht
verantwortlich für mein Leben, etc..
Es kam ein Brief von ihr zurück, voller Phrasen wie "ich bin auf dem Weg",
etc. über sich selbst, nichts über uns, alles sehr schwer greifbar für mich.

Danach habe ich einen Schlussstrich gezogen, habe ihr gesagt, dass ich
keinen Kontakt mehr zu ihr will, um Zeit für mich zu haben, um es
verarbeiten zu können.

Seitdem habe ich erfahren, dass sie mit einem anderen Mann auf einer Party
rumgeknutscht hat, was ich sehr verwirrend finde.

Ich versuche, das Alles zu verarbeiten, ich tue mir jedoch sehr schwer
loszulassen. Ich schaffe es nicht so richtig, meine Hoffnung auf eine zweite
Chance aufzugeben.

Gibt es denn Ihrer Meinung nach eine Möglichkeit für mich, um sie zu kämpfen
oder ist das sinnlos? Habe ich keine andere Wahl als abzuwarten?

Ich danke Ihnen vorab für Ihre Antwort.

Mit freundlichen Grüßen
J

Lieber J,
vielen Dank für Ihren Brief! Ich habe den Eindruck, dass Ihre Partnerin eine tiefe Bindungs- bzw. Beziehungsproblematik mitbringt. Als Sie ihr den Heiratsantrag machten, ist sie wahrscheinlich tief drinnen sehr erschrocken, weil sie insgeheim Angst davor hat, sich festzulegen und endgültig an einen Partner zu binden. Deshalb pflegt sie lieber relativ oberflächliche, "freie", "mystische" und unverbindliche Beziehungen. Die machen ihr keine Angst. Sie ist wie ein Schmetterling, der unverbindlich von Blume zu Blume taumelt. Viele Menschen haben mehr oder weniger ausgeprägt solche neurotischen Bindungsängste. Psychotherapie kann hier zwar helfen, aber dazu fehlt meist der nötige Leidensdruck, eine solche Therapie selber für notwendig zu halten. Der vordergründige und suchtartige Lustgewinn durch die vielen Beziehungswechsel ist zu stark.

Sie dagegen meinten es ernst und waren auf eine echte und ausschließliche Dauerbeziehung aus. Die Bindungsängste Ihrer Partnerin hatten Sie tolerant und vertrauensvoll bisher übersehen. Umso bitterer ist natürlich das Erwachen für Sie. Nun fällt es Ihnen langsam wie Schuppen von den Aufgen. Sie müssen nun zur Kenntnis nehmen, dasss Ihre Partnerin nicht für eine ausschließliche und verbindliche Dauerbeziehung "gemacht" zu sein scheint. Dass sie solch einem Scharlatan wie diesem "Heilpraktiker" in die Hände fällt, ist da nicht weiter verwunderlich. Leute wie er suchen solche gestörten Frauen und nutzen sie narzisstisch und sexuell aus.

Wenn Sie meinen Rat wollen: Versuchen Sie, der Wirklichkeit schonungslos ins Auge zu schauen und sich zu fragen, ob es nicht besser wäre, diese Beziehung auszuschleichen. Oder wollen Sie sie immer mit anderen Männern und Gurus teilen? Oder würde sie Ihnen zuliebe in Psychotherapie gehen?

Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt