| Guten Tag, bei einer sehr guten Freundin aus meinem Bekanntenkreis ist folgende Situation. Sie wohnt in einem Haus gemeinsam mit ihren Eltern, mietfrei, ohne Mietvertrag seit Kindheit an, auch während der Ehe. Seit 3 Jahren lebt sie nun von ihrem Mann getrennt, hat einen 20 Jahre alten Sohn. Das Problem ist die Beziehung mit ihren Eltern, speziell ihrer Mutter. Ihrer Mutter war schon immer irgendwie herrsüchtig, hat ständig kritisiert, immer eine negative Einstellung gehabt. In den vergangen 3 Jahren hat diese Herrschsucht ständig zugenommen, mittlerweile ist es so extrem daß meine Freundin fast täglich regelrecht überfallen wird, dann ständig angeschrieen wird, ständig mit allen möglichen Vorwürfen angegriffen wird. Im Groben geht es darum daß sie eine schlechte Tochter sei, sich nicht um ihre Eltern kümmere, sie schuld sei am Ende der Ehe, zu Hause zu bleiben habe, den Haushalt schlecht mache, usw. Dabei fallen dann Ausdrücke wie Schlampe, Hure, usw. Die Mutter ist bei Diskussionen keinen Argumenten mehr zugänglich und dreht sich bei Gegendarstellungen alles so zurecht, damit es in ihre Anschauung paßt. So eine Attacke kann sich über eine Stunde hinziehen. Letztendlich geht es meines Erachtens nur um die Kontrolle über meine Freundin. Die Mutter besitzt leider auch den Schlüssel zu deren Wohnung, so daß sie sogar dort keine Ruhe finden kann. Erschwerend kommt hinzu, daß meine Freundin menschlich und seelisch sehr sensibel ist, einen ausgeprägten Gerechtigkeitsinn besitzt, außerordentlich verantwortungsbewußt denkt. Meines Erachtens ist sie dazu noch dahingehend vorbelastet, daß sie diesen Zustand der Kritik und Kontrolle gar nicht anders kennt und deshalb immer versucht es allen Leuten Recht zu machen, zu vermittleln usw. und schließlich an sich selbst immer zuletzt denkt. Sie hat z.B. für ihren Mann und Sohn alles gemacht, sie regelrecht von vorne bis hinten bedient. Sie war extrem ausgedrückt alles in einer Person (von Mutter, Ehefrau... bis Dienstmädchen). Immer öfter kommt sie in folgende seelische Zwangslage. Sie kann nicht verstehen, wieso sie von ihrer Mutter so behandelt wird, obwohl sie doch eigentlich nichts falsch macht. Sie will nur in Ruhe gelassen werden, und nur ihr Leben leben dürfen. Zusätzlich beginnt sie dann noch darüber zu grübeln ob sie nicht doch etwas hätte anders machen müssen, ob sie eventuell doch schuld ist, ob die Vorwürfe nicht doch gerechtfertigt sind, usw. Mittlerweile wird ihr auch gedroht daß sie ausziehen muß wenn sie so weitermacht - dies belastet sie noch zusätzlich, im speziellen auch wegen ihrem Sohn. Von ihrem Vater kann sie auch keine Hilfe erwarten, der ist im Prinzip konditioniert, wird genauso beherrscht und hat sich gefügt, resigniert. Meine Freundin ist mittlerweile mit den Nerven am Ende. Ich bitte sie zu dieser grob gschilderten Situation um ihre Meinung und um Rätschläge, Möglichkeiten der Abhilfe. Kann man bei dieser extremen Art der Nötigung, Bedrohung, Belästigung z.B. die Polizei einschalten oder sonst irgendwelche Maßnahmen - auch rechtlich - zum eigenen Schutz ergreifen, auch wenn es im Familienkreis erfolgt. Wie sieht es z.B. in Bezug aufs Wohnen mit Gewohnheitsrecht aus bei solch einer langen "Mietdauer". Für eine schnelle Antwort wäre ich sehr dankbar, denn ich befürchte daß meine Freundin bald einen Nervenzusammenbruch erleidet. Vielen Dank mfg L |
Lieber Herr L.,
Ihre Freundin hat leider bisher den seelischen Absprung von zu
Hause nicht geschafft. Das heisst, sie hat sich nie psychisch
verselbständigt und ihr Elternhaus zumindest räumlich
verlassen.
Dieser Schritt des Erwachsenenwerdens, die Eltern zu verlassen
und sich sein eigenes, unabhängiges Leben aufzubauen, gehört in
jede gesunde Lebensgeschichte. Bei Ihrer Freundin steht er jetzt
endlich an.
Sie soll sofort ausziehen in eine eigene Wohnung (möglichst weit
von zu Hause entfernt) und sich von ihren Eltern endlich absetzen
und abgrenzen. Damit kann sie diesen beschriebenen seelischen
Reifungsschritt endlich nachvollziehen, auch im Sinne ihres
Sohnes, der das als Vorbild für seine eigene Entwicklung
unbedingt braucht. Mit Polizei oder Mietrecht zu agieren, wäre
vollkommen an der Sache vorbei. Es geht ja hier nicht um
Juristerei, sondern um die psychische Reifung und das Erwachsen-
und Unabhängigwerden Ihrer Freundin.
Mit freundlichem Gruß,
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt