| Sehr
geehrter Herr H.-R. Schmidt! Wir haben vor einigen Tagen die Diagnose leichte Form von ADHS bei unserem 6-jährigen Sohn erhalten. Der Facharzt für Kinder-u. Jugendpsychologie erklärte uns, das der IQ-Test (HAWIKIII) einen IQ von 129 ergab und dies das ADHS-Syndrom kompensieren würde. Er hat uns keine Ritalin- und Verhaltenstherapie empfohlen, da er das häusliche Umfeld als sehr positiv bezeichnet hat. Wir sind nun aber trotzdem sehr ratlos, da wir bereits im sowohl KIGA als auch in den ersten Schulwochen negative bzw. problemisierende Rückmeldungen erhalten haben. Der Lehrer fragte uns bereits in der 2. Woche, ob wir schon an ADS gedacht hätten. Im KIGA wurden wir darauf nicht angesprochen, sondern uns wurde eine Ergotherapie empfohlen, bei der keine Störung festgestellt werden konnte. Nach Maßnahmen unsererseits mit Hilfe von triple p verbesserte sich das schulische Verhalten unseres Sohnes. Wir stehen nun vor der Entscheidung, inwieweit wir den Lehrer informieren sollen, da wir selbst unseren Sohn nicht als ADHS-Kind einschätzen. Er ist sehr aufgeweckt, interessiert und für vieles zu begeistern. Motorische Unruhe stellen wir bei ihm vorwiegend dann fest, wenn er keine Stimulation durch Bücher, Hörspiele, Lego, Schleichtiere etc. bekommt. Auffällig ist, dass man ihm sehr lange vorlesen kann, ohne dass er unruhig wird. Bezug nehmend auf Ihren Beitrag zum Thema ADS und Hochbegabung (wobei wir nur Ihren Titel zitieren, denn die Diagnose Hochbegabung wurde nicht gestellt. Nur der IQ-Test weist deutlich auf eine überdurchschnittliche Intelligenz hin) möchten wir Sie fragen, ob wir diese Diagnose so akzeptieren odere weitere Schritte unternehmen sollen. Man muss dazu sagen, dass der Facharzt als angesehene Kapazität in unserem Raum gilt. Gruß Fam. L. |
Liebe Familie L.,
ich empfehle, die Diagnose ADS bzw. ADHS ganz einfach zu
vergessen bzw. zu ignorieren. Wie Sie vielleicht wissen, gehöre
ich zu denjenigen Fachleuten, die nicht davon ausgehen, dass es ADHS
als eigenständiges und spezifisches Störungsbild überhaupt
gibt. Stattdessen würde ich in eine gute
Erziehungsberatungsstelle oder einen schulpsychologischen Dienst
gehen und mich dort beraten und begleiten lassen, wie ich
gemeinsam mit der Schule erzieherisch mit meinem erfreulich
intelligenten Kind umgehen kann. Sehr intelligente Kinder sind
schulisch nicht selten etwas unterfordert und werden dann leicht
unruhig/ungeduldig, weil sie mehr geistiges "Futter"
brauchen, als vorgehalten wird. Mit einer Krankheit ADHS hat das
dann rein gar nichts zu tun. Es ist vielmehr so ähnlich, wie
wenn ein erwachsener Akademiker immer ausschließlich die
Bildzeitung lesen müsste: Er würde sicher rasch sehr
unzufrieden und frustriert. Das wäre doch aber wohl sehr
verständlich und keineswegs eine Störung, nicht wahr?
Mit freundlichem Gruß und den besten
Wünschen, Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt