| Sehr geehrter Herr
Schmidt, ich bin 40 Jahre alt, Mutter einer 5jährigen Tochter und seit 6 Jahren verheiratet. Meine erste Ehe mit 26 dauerte nur kurze Zeit - nach einem Jahr erfolgte die Trennung, ein weiteres Jahr verging und ich war geschieden (ohne Kind/er). Nachdem ich meinen jetzigen Mann (41) im Frühjar 96 kennengelernt hatte (und die Jahre davor eher mehr als weniger alleine verbrachte, abgesehen von einigen kurzen Beziehungen), war für uns nach kürzester Zeit klar, dass wir zusammen bleiben und ein Kind haben wollten. Meine ersten beiden Schwangerschaften im Juni und September 96 dauerten nur jeweils 8 Wochen, im Herbst 1997 kam unsere Tochter zur Welt. Seit der Geburt unserer Tochter hat sich unser Eheleben vollständig verändert. Nach außen hin betrachtet führen wir ein ruhiges, harmonisches Familienleben, wir streiten eigentlich nie, selten kommt es zu Diskussionen, unsere Tochter ist unser ganzer Stolz und ein wahrer Sonnenschein, der uns keinerlei Anlaß zur Sorge gibt. Seit ihrer Geburt habe ich eine sehr innige, intensive, liebevolle und von reichlich Schmuseeinheiten geprägte Beziehung zu ihr, sie liebt uns beide sehr, zeigt und sagt dies auch. Mein Mann hat einen sog. "sicheren" Beruf, ich arbeite seit 12 Jahren selbständig. Finanziell haben wir eigentlich keinen Grund zur Klage, auch wenn wir keine riesen Sprünge machen können. Wie gesagt: nach außen hin scheint alles ganz ideal zu sein. Und doch bin ich drauf und dran, mir mit unserer Tochter eine eigene Wohnung zu suchen. Ich bin nicht wirklich unglücklich und den Tränen nahe, bemerke aber sehr wohl eine Lethargie an mir, die mir nicht gefällt und die ich nicht länger hinnehmen möchte. Nach der Geburt unserer Tochter hat sich - wie vermutlich bei vielen Paaren in der Anfangsphase der Elternschaft - unser Sexualleben monatelang auf ein absolutes Minimum beschränkt. Vermutlich habe ich all meine Energie und meine Liebe nahezu ausschließlich auf unsere Tochter verwandt. Mein Mann hat dies immer akzeptiert, mir keine Vorwürfe gemacht. Nach einem Jahr reinstem Muttergenuß, in dem ich mich zugegebener Maßen auch ein wenig gehen ließ (betreffend Kleidung, äußeres Erscheinungsbild) habe ich mich aufgerappelt, meine Selbständigkeit wieder aufgenommen, eine Haushaltshilfe und Kinderbetreuung engangiert, die 2,5 Jahre bei uns war, und mich trotz Arbeit viel um unsere Tochter gekümmert. Ich mußte wieder mehr am Leben teilnehmen, habe mein altes Gewicht wieder bekommen, mich gepflegt und bin davon ausgegangen, dass sich dies auch positiv auf unsere Ehe bzw. unser Sexualleben auswirken würde. Aber die Funkstille hielt an. Ich habe nichts vermißt, mit dem Zustand bin ich sehr gut klar gekommen. Aber um meinen Mann habe ich mir natürlich Sorgen gemacht. Kurzzeitig hatte ich dann auch den Eindruck, dass er mit einer Kollegin angebandelt hatte (für seine Tochter hat er sich nie auch nur einen Tag frei genommen, um mit ihr alleine etwas zu unternehmen, aber für die Kollegin). Um diese Situation endlich zu ändern und um ihn nicht zu verlieren, habe ich Rat bei meinem Frauenarzt gesucht. Die Geburt unserer Tochter war ein Kaiserschnitt, ich dachte tatsächlich, gewisse Nerven könnten dadurch vielleicht durchtrennt sein. Schon vor 3 Jahren sagte mein Arzt, das Problem läge wohl eher in meinem Kopf, und wir sollten doch evtl. eine Paartherapie machen. Wir sind also losgezogen - und nach nur 1 Termin war mir klar, dass ich dies nicht kann (übrigens war ich, bevor ich meinen Mann kennenlernte, zwei Jahre aus diversen Gründen bei der Analyse, was sehr geholfen hat). Seitdem dümpelt unser Leben ohne Hochs oder Tiefs vor sich hin. Ruhig, beschaulich. Mittlerweile bin ich mir etwas mehr im Klaren darüber, was denn eigentlich die Ursache für diese "Rentnerehe" ist. Wir leben wie Bruder und Schwester nebeneinander. Mein Mann ist für mich kein bischen mehr attraktiv, er ist nun derjenige, der sich etwas mehr, als mir lieb ist, "gehen läßt" (optisch). Er war schon immer unsportlich, lethargisch (ob Urlaubsplanung und -buchung, Wohnungssuche, sonstige Aktivitäten u.v.m: bisher war immer ich diejenige, die organisiert und geplant hat, denn "das machst Du schon, Du kannst das besser" ist ein Standardsatz meines Mannes). Ich mache mir Gedanken um unsere und die Zukunft unserer Tochter, wie können wir sie z.B. finanziell absichern und schützen, wie sind mein Mann und ich gegenseitig geschützt für den Fall, dass einem von uns etwas passiert. Dabei spielt das Geld eine relativ große Rolle. Durch einen "Jugendfehler" hat mein Mann einiges an Geld in den Sand gesetzt, wir bekommen die Folgen heute noch zu spüren. Was uns verblieben ist, zerrinnt unter unseren Fingern. Bei finanziellen Engpässen hat er mir ausgeholfen, was ich ihm hoch anrechne, und er steht diesbezüglich immer hinter mir, wenn es einmal eng werden sollte, aber unsere Mini-Sicherheit schrumpft auch deshalb noch dahin, weil er gerne kleine "Spielsachen und Neuerungen" kauft (sei es ein DVD-Player, eine neue Kamera, ein Navigationssystem). Wir leisten uns eine schöne, nicht billige Wohnung, fahren dafür aber wenig in Urlaub und geben nicht viel Geld für Essen in Restaurants oder Kleidung aus. Wir sind recht genügsam, ohne aber geizig zu sein. Mehr brauchen wir beide nicht. Unsere Tochter erhält - für ihr Alter gesehen - den Löwenanteil (ihre Hobbies sind Ballettstunden, Musikstunden, und wo wir es für sinnvoll halten, fördern wir dies, immer darauf bedacht, sie nicht zu überfordern). Ich bin eine eher penible Person, eine saubere Wohnung gehört für mich zum Wohlbefinden (ich leide aber nicht unter Putzwahn), meine Einstellung hat sich aber in den letzten Jahren sehr gelockert diesbezüglich (mit Kind kein Wunder). Mein Mann hat den Ansatz eines Messis, er ist ein Sammler, sein Schreibtisch kaum zu erkennen (unter Münzen, alten Batterien, Notizen, Karten, Bonbons ... etc.). Er kann sich von alten Dingen nur schwer trennen. Alte, nicht mehr funktionsfähige Elektrogeräte stapeln sich auf dem Boden, Kabelsalat aller Orten. Meist kann ich diese Tatsache "übersehen" (und ich achte auch darauf, dass sich dieses Sammelsurium auf unser Büro beschränkt), aber gelegentlich, wenn ich versuche, Staub zu wischen oder zu saugen, kommen Agressionen hoch, ärgere ich mich fast schwarz und dann kann ich nicht mehr anders: ich beziehe diesen Ärger dann auf alle anderen Bereiche, die es betrifft: seine Lethargie, Bequemlichkeit, ja Faulheit (er kann ungemein fleißig sein, wenn es seine Interessen betrifft), sein "in den Tag leben" etc.. Seine Art ist ihm auch meiner Meinung nach "anerzogen" worden: Einzelkind, behütet, immer mal wieder von den Eltern gesponsort, er mußte sich nie selbst groß um etwas kümmern. Bei mir war das alles anders, ich habe immer geackert und gekämpft. Ich mag meine Schwiegereltern (beide im hohen Alter) sehr, aber wenn ich meinen Schwiegervater betrachte, packt mich die Angst, denn der Sohn, mein Mann, wird einmal genau wie sein Vater (die Ähnlichkeiten treten schon klar hervor), und der ist bei Gott nicht einfach! In meiner ersten Ehe gab es Zank, Streit und Kampf von Anfang an. Ich habe damals wohl mein Pulver verschossen, es fällt mir sehr schwer, Dinge, die mir nicht gefallen oder passen, zur Sprache zu bringen. Ich schätze meinen Mann sehr, er steht immer hinter mir, wenn es brennt. Aber wenn ihm langsam das Haus über dem Kopf abfackelt, wie kann er da noch hinter mir stehen? Ich sorge mich um unsere Zukunft, meiner und die unserer Tochter. Ich kann zwischenzeitlich nicht mehr an eine Zukunft unserer Familie glauben. Ich habe immer wieder den Ansatz gemacht, über meine Sorgen mit ihm zu sprechen. Er möchte auch immer etwas unternehmen, und kriegt aber letztendlich nie die Kurve. Auch dies hat ihn inzwischen für mich unattraktiv gemacht. Wahrscheinlich war ich nie deutlich genug. Und jetzt will ich es gar nicht mehr. Wenn meine Mann einmal dienstlich verreist ist, vermisse ich ihn nicht großartig. Wenn ich mit unserer Tochter einmal heftig schimpfe, dann nur, wenn mein Mann zu Hause ist. Ist er nicht da, habe ich keine Probleme mit ihr (ich rede auch dann natürlich nicht nur im Flüsterton, aber bemerkte sehr wohl ein anderes Verhalten ihr gegenüber, wenn er da ist). Obwohl er sehr liebevoll mit unserer Tochter umgeht, mich am Wochenende dann schlafen läßt, so lange ich es brauche, habe ich doch oft das Gefühl, er könnte etwas mehr mit ihr unternehmen. Sei es ein Spaziergang, ein Ausflug in den Zoo o.ä.. Er ist ein Kopfmensch und würde nicht einmal bemerken, wenn man ihn mit seinen Hobbies (vornehmlich Computer) einsperren würde. Ich bin 40 Jahre jung, habe die letzten Jahre an Zärtlichkeiten nichts bewußt vermißt. Im letzten Jahr jedoch habe ich einen Mann kennengelernt, der niemals eine Bedrohung für meine Ehe dargestellt hätte, und ein kurzes Verhältnis mit ihm gehabt. Diese Sache ist geklärt, ohne Herzschmerz, aber ich habe feststellen müssen - besser: dürfen -, dass ich doch kein Neutrum geworden bin, sondern durchaus eine Frau, die den Wunsch nach Nähe und Zärtlichkeit hat. Aber ich will sie nicht mehr von meinem Mann, Umarmungen entziehe ich mich möglichst unauffällig. Sex gab es seit Monaten nicht mehr. Ich suche ihn auch nicht anderweitig, aber ich will wieder leben, fühlen. Ich bin wohl an einem Punkt angelangt, an welchem ich mich entscheiden muss. Mein Gefühl sagt mir, es ginge mir besser ohne meinen Mann, auch wenn die finanzielle Zukunft unsicher wäre, denn im Falle einer Trennung möchte ich meinen Mann nicht weiter belasten (mich betreffend), und ich war bisher immer ein Kämpfer und hätte auch vor diesem Überlebenskampf nur wenig Angst. Wie unsere Tochter mit einer Trennung klar käme, ich weiß es nicht. Aber auch hier gibt es Wege, sie so wenig wie möglich damit zu belasten, denke ich. Meine Bereitschaft zur Eheberatung oder Partnerschaftsberatung ist gleich Null. Ich empfinde die Liebe für meinen Mann nicht mehr, wie ich sie kannte. Vielleicht hat sich ja nur die Form der Liebe geändert, aber mit dieser Form möchte ich nicht bis an mein Lebensende weiterleben. Ich bin etwas ratlos, wie es weiter gehen soll. Auch die Gedanken an meine Schwiegereltern mögen mich vielleicht ein wenig bei meiner Entscheidung behindern, denn ich will ja im Falle einer Trennung auf keinen Fall schmutzige Wäsche waschen, aber welche Gründe soll man anführen, wenn nach außen hin alles prima läuft? Bei meiner Schwester finde ich Verständnis, sie glaubt, eine Trennung wäre am sinnvollsten. Meine Eltern, nun ja, sie wurden schon einmal mit einer Trennung konfrontiert und haben im Nachhinein festgestellt, dass die Entscheidung richtig war. Damit käme ich wieder eher klar. Und mein Mann: der fiele aus allen Wolken. Sehr geehrter Herr Schmidt, sicher können sie mir an diesem Punkt auch nicht weiter helfen, sondern werden mir wohl eher den Rat geben, nochmals mit meinem Mann zu sprechen. Auch wenn ich das täte, ich könnte bestenfalls die Gründe für eine Trennung angeben, aber Bauch und Kopf sagen mir bereits, es ist nur noch eine Frage der Zeit, es geht nicht mehr, der Zug ist abgefahren. Ich bin unendlich müde, und ich will wieder leben. Ich danke Ihnen aber herzlich für Ihre Aufmerksamkeit, es hilft bereits, zumindest einen Teil der Problematik "zu Papier" gebracht zu haben (wenn auch nur im Ansatz). Viele Grüße C. |
Liebe C.,
vielen Dank für Ihren ausführlichen Brief! Ist Ihnen selbst
einigermaßen bewusst, wo Ihre Liebe zu Ihrem Mann im Laufe der
Zeit geblieben ist? Ihr heiß ersehntes Wunschkind scheint
anfangs sehr viel Zuwendung von Ihrer Ehe abgezogen zu haben. Ich
habe den Eindruck, nachdem Ihr Kind geboren war, war der Sinn
Ihrer Ehe irgendwie erfüllt. Kann das sein? Sie schildern Ihr
Ehe- und Familienleben und Ihren Mann so schrecklich harmonisch
und langweilig, dass man beim Lesen direkt aufatmet, als Sie von
Ihrer kurzen außerehelichen Affäre sprechen. Aber auch die
verliert sich wieder im Nichts... Sie und Ihr Mann scheinen
Menschen zu sein, die viel in sich hineinfressen und miteinander
recht aggressionsgehemmt-harmoniesüchtig umzugehen scheinen. Das
wirkt dann wie eine Fassadenfamilie, wie eine Käseglocke, wie
ein Sanatorium, in dem es niemand sehr lange aushält, ohne
ausbrechen zu wollen. Zuviel Unzufriedenheit wird
"verschluckt" und nicht ausgetragen. So gerät man im
Laufe der Jahre in eine seelische Sackgasse, aus der scheinbar
nur noch ein gewaltmäßiger Ausbruch möglich ist. Ich glaube,
Sie haben aus Ihrer ersten gescheiterten Ehe, in der Sie offenbar
gekämpft und gestritten haben, die Lehre gezogen, in der zweiten
Ehe alles hin zu nehmen, nicht zu kämpfen, die Lethargie und
Langeweile Ihres Mannes still zu ertragen. Das kann ja nicht gut
ausgehen. Zuviel staut sich dann in Ihnen an.
Obwohl Sie den Eindruck machen, als hätten Sie mit Ihrem Mann
schon innerlich abgeschlossen, möchte ich Sie ermuntern, doch
noch einmal in den Ring zu steigen und die offene
Beziehungs-Auseinandersetzung mit ihm zu wagen. Sie haben es ja
schon "befürchtet", dass ich Ihnen dies rate. Aber
wenn Sie glauben, Ihr Mann "fiele aus allen Wolken",
wenn Sie sich von ihm für immer verabschieden, dann zeigt das,
wie wenig Sie miteinander live austragen und wie viel Sie sich
gegenseitig vorspielen. Wäre es da nicht fair, doch noch einmal
miteinander ernsthaft in den Clinch zu gehen, miteinander
umeinander zu ringen, und sei es darum, dass man dann doch am
Schluss auseinander geht, dann aber im Sinne eines
partnerschaftlichen Fair-Play und sozusagen mit offenem Visier,
ohne Illusionen? Und wer weiss: Vielleicht entdecken Sie dabei
doch wieder andere, verschüttete Aspekte Ihrer gemeinsamen
früheren Liebesbeziehung, die es wert wären, wieder gelebt zu
werden? Ihre Tochter würde es sehr begrüßen.
Wie auch immer, ohne offene Auseinandersetzung
und fairen, ernsthaften wechselseitigen
Beziehungsklärungs-Versuch sollten Sie keine Entscheidung
treffen. Stellen Sie sich Ihrem Mann. Konfrontieren Sie ihn.
Machen Sie ihm ganz deutlich, wie Sie sich fühlen und wie es in
Ihnen aussieht. Lassen Sie ihn doch Ihren Brief an mich samt
meiner Antwort einfach lesen! Vereinbaren Sie dann einige Abende,
an denen Sie beide sich in Ruhe und bei einem Glas Wein zusammen-
und auseinandersetzen. Und seien Sie dann ehrlich, machen Sie
sich keine Idylle mehr vor. Sagen Sie, wie sehr Sie Liebe,
Abenteuer, Spannung und Kribbeln im Magen vermissen, wie tötlich
kleinbürgerlich-langweilig Ihr Familienleben als
"Rentnerpaar" ist. Wahrscheinlich (hoffe ich
jedenfalls) geht es Ihrem Mann genau so.
Alles Gute für Sie wünscht
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt