Mein Freund und ich sind seit Januar zusammen. Zuvor hatte er fünf Jahre lang keine richtige Beziehung mehr geführt, richtig alleine ist er seit zwei Jahren.
Ich liebe ihn wirklich, aber er hat eine Eigenart an sich, die ich nicht begreifen kann. Es ist sein Humor. Manchmal sagt er Dinge zu mir, die wirklich sehr verletzend sind. Es handelt sich dabei um Sachen wie: "Ich gehe heute abend Frauen aufreissen". Natürlich macht er es dann nicht, aber in dem Moment in dem er so etwas sagt, ist es ein Schlag ins Gesicht. Mitten im Gespräch, einfach aus dem Kontext heraus. Ich bin ein relativ ruhiger Mensch und versuche immer alles im Gespräch zu regeln, und es ist nicht so, dass wir darüber nicht geredet haben. Es ändert sich aber nichts. Langsam denke ich, er will damit seine Grenzen testen und möchte mich nur provozieren um zu heraus zu finden, wie weit er bei mir gehen kann. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr wird mir klar. Sein Verhalten hatte niemals Konsequenzen, ich brachte immer Verständnis für seinen Humor auf und sagte mir eine Zeit lang, es sei ein Charakterzug an ihm. Fakt ist aber, es versetzt mir immer einen Stich. Müsste ich vielleicht drastischer reagieren um ihm begreiflich zu machen, dass er nicht weiter gehen sollte? Wie kann ich ihm zeigen, dass sein Verhalten Konsequenzen haben könnte?
Ich habe dieses Verhalten einem guten Freund von mir geschildert, und er schrieb mir folgendes:
Ich hab' den Eindruck, daß bei ihm da dreierlei Faktoren eine Rolle spielen.
1. Etwas Mißtrauen und gewisse Schwierigkeiten, sich an den Gedanken zu gewöhnen, daß er nicht mehr solo ist.
2. "Männlicher Stolz" - er vermißt Dich, will's aber vielleicht nicht ganz so zeigen. Dann macht man(n) bescheuerte Scherze.
3. Er will vielleicht auch hier und da ein wenig ausloten, wie weit er gehen kann.
Das sind das nur Mutmaßungen, bei denen ich von dem ausgehe, wie ich mich verhalte und was ich alles für Unsinn anstelle, wenn ich in so einer Situation bin. Alles in Allem ist das kein Grund zur Beunruhigung, doch eines möchte ich Dir an's Herz legen: gib ihm hier und da auch ordentlich Kontra, denn sonst wirst Du "langweilig" und er könnte das Interesse an Dir verlieren. Sei nicht immer "verfügbar" und mach' Dein Ding, wenn Du an einem Wochenende 'was anderes geplant hast, mach' das. Denn wenn Du immer auf Abruf für ihn da bist, ist das sooo langweilig.

Allerdings muß ich dazu sagen, mein Freund und ich, wir führen eine Fernbeziehung, und insofern fällt natürlich das ständige "zur Verfügung stehen" eh schon weg. Auf Abruf bin ich sowieso nicht für ihn da - wie auch?
Wie gesagt, es ist dieser eine Punkt an dem ich mich störe - diese komische Art von Zynismus und blödem Humor. Und ich weiß nicht so genau, was er damit bezweckt.
Niemals würde er mich betrügen, er ist ein treuer Mensch und wenn er die Dinge umdreht und mir sagt, ich solle mal mit jemand Fremdem ins Bett, er würde vor Wut explodieren, täte ich das tatsächlich.
Was also sollen diese Äußerungen?
Ich würde mich freuen, wenn Sie mir vielleicht ein wenig weiterhelfen könnten. Danke!

Hallo,
vielen Dank für Ihren Brief! Ich glaube, Sie sind sich ganz tief drinnen noch gar nicht so sicher, ob Sie Ihren Partner wirklich voll und ganz dauerhaft lieben. Ihre Zweifel machen Sie vor allem an seinem verletzenden "Humor" fest, aber vielleicht gibt es auch noch andere Vorbehalte? Das wäre ja auch ganz normal, schließlich sind Sie beide noch nicht lange zusammen, führen eine Fernbeziehung und haben den "Alltags-Dauertest" wahrscheinlich noch nicht miteinander gewagt. Über die Ursachen dieses "Humors" kann man nur spekulieren. Was Ihnen Ihr Bekannter darüber geschrieben hat, ist ja nicht schlecht und könnte zutreffen. Er rät Ihnen ja auch zu Eigenständigkeit, und das will ich auch tun: Beobachten Sie die nächste Zeit genau, was Sie an Ihren Freund bindet und was sie trennt, und bilden Sie sich irgendwann ein Urteil, ob er der "ideale" Dauerpartner für Sie ist oder nicht. Jeder Partner hat ja gewisse Eigenheiten, die einen stören oder verletzen. Das ist normal. Aber in einer Beziehung muss er dann auch eine gewisse Anpassung und Rücksicht lernen und diese Eigenheiten vielleicht ändern, dem anderen zuliebe. Wenn das ausbleibt, ist es kein gutes Zeichen.
Alles Gute wünscht
Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt