Guten Tag Herr schmidt,

ich bin auf ihre Seiten und ihre Sprechstunde gestossen und hoffe, sie
können mir ein Stückweit weiterhelfen ...
Aber wo fange ich am besten an ...
vor kurzem ist meine Ehe gescheitert, meine Frau bat mich auszuziehen
und nun -besser spät als nie- versuche ich meine Probleme in den griff
zu bekommen;
Ich bin inzwischen knapp an die 40 und meine Probleme ziehen sich wie
ein roter Faden, mal besser sichtbar, mal -fast- versteckt durch mein
leben.

Auf der einen Seite, das kann ich inzwischen recht gut einordnen
gehöre ich zu der Gruppe Menschen, die als Messies bezeichnet werden,
Unordnung ist wohl die beste Bezeichnung dieses roten Fadens ...
hier habe ich bei vielen Selbsthilfegruppen im www auch bereits
ansätze gefunden, nach dennen ich versuche zu handeln
-glücklicherweise war die Zeit hier in meiner neuen, eigenen wohnung
noch nicht so groß, das dies zu größerer Unordnung hätte führen
können;
paralell dazu treibt mich aber noch ein zweites, ähnliches Problem
um, das ich gerne einordnen würde, um dann eventuell bei anderen
"Betroffenen" Erfahrungen nachlesen zu können ...
Ich habe ein echtes hygienisches Problem, wasche, dusche oder bade
mich viel zu selten, wechsle die Kleidung nicht regelmässig genug und
stinke so meine Umwelt ein ...

Anfänglich dachte ich, dies auch mit dem Messie-Syndrom erklären zu
können, doch mit fortschreitendem Studiun von Seiten betroffener, habe
ich in dieser Richtung bisher nichts finden können ...

Ist dies, mein hygienisches Problem ein individuelles? oder eine
"besondere Form des Messie-Syndroms"? lässt es sich in ein anderes
-mir bisher noch nicht bekanntes Syndrom einordnen?  Ist es eine
(besondere)Art der Psychose?

ich weiß, katalogisierung ist nicht alles, aber ich hoffe, wenn ich
diesem Problem erst mal einen Namen geben kann, Erfahrungen anderer
dazu "erfahre" fällt ess mir leichter damit umzugehen ...

zu meiner persönlichen Entwicklung, als hintergrund/ Verständniss
meiner Problematik :

ich bin der älteste Sohn von dreien, wegen der
Karankenhausaufenthalte meiner Mutter, die wegen manischer Deppression
mehrfach stationär behandelt wurde, wurden wir Kinder zweimal während
ihres KH-aufenthaltes in einem Kinderheim geparkt.

Als dies das erste mal geschah, war ich im alter von 2 1/2 Jahren, das
2. Mal im Alter von 12 Jahren; im folge des 2. Heimaufenthaltes
reichte mein Vater die Scheidung ein, wir Kinder wurden aber überraschend
meiner inzwischen wieder entlassenen Mutter zugesprochen; In den
folgenden Jahren verlies der mittlereBruder die "Familie" in richtung
Vater auf eigenen Wunsch.

Ich selbst war schon immer stark kontaktgestört, habe nur wenig
Freundschaften gefunden und dann irgendwann herrausgefunden, wenn ich
bereit bin, etwas für andere zu tun, mich zu engagieren, dann habe ich
auch eine höhere Chance auf Bekanntschaften & Kontakte ...

Ich habe mich seit meiner Jugend in vielen Bereichen stark engagiert,
versucht mich unersetzlich zu machen (was natürlich nicht geht)und auf
diese Art Teile meiner Probleme kompensiert ...

Durch die Bekanntschaft mit meiner (nun getrennten)Frau, habe ich
mein soziales Umfeld verlassen und bin über fast 800 km umgezogen; da
sie bereits mehrere Kinder hatte, und auch bald ein eigenes unterwegs
war, gab es wenig Möglichkeiten neue soziale Kontakte aufzubauen ...

Ich hoffe, sie können mir ein Stück weit helfen, Licht auf
dieses Problem zu werfen, ich habe auch bereits überlegt, den ein oder
anderen von ihnen angebotenen Tests zu machen oder einen ihrer
Kollegen hier vor Ort zu konsultieren ...
--
Mit hoffnungsvollen & dankbaren  Grüssen

M

Lieber M,
vielen Dank für Ihren Brief, den ich ausnahmsweise wunschgemäß gekürzt habe! Ihnen geht es derzeit sicher seelisch nicht gut, nachdem sich Ihre Frau von Ihnen getrennt hat. Das tut mir für Sie sehr leid. Aber machen Sie sich bitte keine Sorgen von wegen "Psychose" oder "Messie-Syndrom" usw. Ich vermute, Sie leiden an einer ganz normalen chronischen reaktiven depressiven Verstimmung. Nach dem, was Sie so an biografischen Einzelheiten andeuten, wäre das kein Wunder und keine Krankheit, sondern eine normale psychische Reaktion auf traurige Kindheitserlebnisse. Es fehlt Ihnen wohl an Selbstliebe in Folge mangelnder frühkindlicher Liebe durch Ihre Eltern, und u.a. daran ist Ihre Ehe wohl gescheitert.
Ich rate Ihnen zu einer psychotherapeutischen Gruppen- oder Einzeltherapie. Das bietet Ihnen die Chance, Ihre tiefsitzenden seelischen Probleme aufzuarbeiten und zu verstehen. Dabei sollten Sie eine tiefenpsychologisch oder psychoanalytisch orientierte Therapiemethode wählen, weil ich glaube, Ihre Probleme haben eine lange und Ihnen teilweise nicht ganz bewusste Geschichte. Suchen Sie im Branchenverzeichnis Ihres Telefonbuches einen psychologischen oder ärztlichen Psychotherapeuten oder Psychoanalytiker und melden Sie sich bei ihm an. Alles Weitere können Sie dann mit ihm klären. Die Kosten trägt Ihre Krankenkasse.
Ich wünsche Ihnen alles Gute!
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt