Sehr geehrter Herr Schmidt,

Unser Sohn, 9 Jahre, ist im Grunde genommen ein wunderbares, eigenständiges Kind. Er ist liest sehr gerne, er spielt sehr gerne mit seinen beiden jüngeren Brüdern  oder Freunden braucht aber auch sein „Time out“.

Bei Fernsehen, Game Boy und Playstation kennt er jedoch keine Grenzen, die müssen wir ganz klar setzen und das klappt soweit ganz gut.

Ich würde behaupten; ein ganz „normales“ Kind. Wenn da nicht seine Langsame Seite in Ihm wäre. Es geschieht eben alles etwas bedachter; fordert man Ihn zu irgend etwas auf lässt er sich nicht stressen oder aus der Ruhe bringen, fast so wie bei einem „alten Mann“. Daran haben mein Mann und ich uns schon fast gewöhnt und lassen Ihm sein Tempo.....aber in der Schule und den Hausaufgaben wird dieser Wesenszug langsam zum Problem und er stresst uns alle etwas damit, vor allem die Lehrerin und mich.

Bei den Hausaufgaben braucht er meine Unterstützung (konzentrier dich, mach weiter, nicht mit den Gedanken abschweifen, bleib beim Thema u.s.w.) ewig muss man Ihm helfen bei der Aufgabe zu bleiben.

In der Schule braucht er mehr Zeit als die anderen für die Mathe- und Schreibtests, welche Ihm die Lehrerin grosszügigerweise gewährt.Sie lässt Ihn jeweils noch durch die Pause durcharbeiten. Dank dieser zusätzlicher Zeit ist er bei der Benotung dann auch meistens über dem Klassendurchschnitt, er ist ein sehr guter Schüler und begreift sehr schnell, gerade die komplizierten Abläufe, aber eben, das Tempo ist schwankend.

Manchmal bekommen sie in der Schule eine Aufgabe gestellt welche in 40Min. In selbständiger Arbeit zu lösen wäre, mein Sohn schafft es manchmal, immer noch vor einem weissen Blatt zu sitzen während andere Kinder noch zusätzliche Aufgaben auch schon gelöst haben. Ich weiss, dass Ihm das nicht entgeht und Ihm enorm zu schaffen macht, denn ehrgeizig ist er auf jeden Fall. Spricht Ihn die Lehrerin darauf an (oder Ich) reagiert er sehr gestresst und fühlt sich unter Druck gesetzt und dann kommen schon mal gern die Tränen.

Ich Leide, denn ich weiss nicht mehr wie ich damit umgehen soll. Wir sind uns alle einig dass es nicht an der Intelligenz liegt, aber woran dann?

Mit einem Seufzer und viel Hoffnung verbleibe ich mit freundlichen Grüssen

Hallo,
vielen Dank für Ihren Brief!
Ich finde, Sie sind zu überbesorgt und Sie bedrängen Ihr Kind mit Ihrer peniblen und überängstlichen Überwachung und Beobachtung. Können Sie nicht einfach mal davon ausgehen, dass Sie ein ganz normales und wunderbares Kind haben, das seinen ganz eigenen Weg mit allen Ecken und Kanten im Leben gehen wird und es dann einfach mal machen lassen? Und dass Sie Ihr Kind dabei geduldig und wohlwollend begleiten und unterstützen?

Lassen Sie ihm also seine kostbare langsame Seite. Die betont er wahrscheinlich als heimlichen Protest gegen Ihren Ehrgeiz. Lassen Sie ihn überhaupt mehr in Ruhe. Üben Sie, seine Selbständigkeit bei den Hausaufgaben zu entwickeln. Mit 9 Jahren sollte er langsam ganz alleine seine Hausaufgaben machen lernen, ohne dass Sie ihm weiter so irritierend ihm Nacken hocken. Das stört ihn doch nur in seiner Autonomieentwicklung.

Also: Es liegt nicht an seiner Intelligenz, sondern an seinen Eltern.

Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt