Hallo,

ich (m) habe seit ca. 20 Monaten eine Beziehung, die seltsam kompliziert
verläuft. Wir sind wohl recht unterschiedlich und zu Anfang gab es Phasen
"sie-liebt-mich-ich-halte-distanz" und dann wieder
"ich-liebe-sie-sie-hält-distanz". Diese gegenphasigen Wellen der Gefühle
nahmen mit der Zeit eine immer kleinere Amplitude an und konvergierten auf
das Maß, welches ich für "normal" halte. Unter dem Strich suchte sie
vielleicht einem stärkeren Maße die Beziehung als ich. Ich war immer von
Wellen der Unsicherheit heimgesucht, da ich entscheidene Bedürfnisse in der
Beziehung nicht befriedigt sehe. Andererseits - trotz Seitensprung - war ich
nicht soweit diese Beziehung zu beenden, da sie andererseits sehr harmonisch
verläuft und auch ein enges räumliches Zusammenwohnen (z.Zt. getrennte
Wohnungen) problemlos möglich scheint. Auch möchte ich zum Verständnis
anmerken, dass wie eine sehr offene Beziehung ohne Eifersüchteleien führen.
Wenn sie mit einem Freund eine Woche in den Urlaub fährt oder mit mir
unbekannten Freunden weg geht ist dies für mich völlig ok. Man besitzt auch
einen Partner nicht und das "Zusammensein" ist ein gegenseitiges Geschenk.
Letztens habe ich sie leider bei eine Affaire erwischt, weil der anwesende
Liebhaber (ich bin überraschend bei ihr eingetroffen) nicht den Mund hielt
und ging, sondern "reinen Tisch" machen wollte. Das hat mir sehr weh getan,
sogar für mich überraschend stark   und ich verließ die Wohnung meiner
Freundin. Am nächsten Tag: Aussprache. War schon fast ok, bis ich begriff
dass der von ihr in einer Wochen geplante 2,5 wöchige Motorradurlaub "ihn"
und seinen Freund als Reisebegleitung umfaßt. Da war ich dann erst mal
blockiert und nicht mehr redebereit. Ich habe ihr am darauffolgenden Tage
geschrieben, sie solle jedenfalls die gebuchte Reise antreten. Ein Abstand
vielleicht nicht schlecht und ich wollte selber nicht ein schlechtes
Gewissen wegen eines Abbruches haben müssen.
Sie ist gefahren.

Mein Problem:
Das sie Geschlechtsverkehr mit einem anderen hatte, ist für mich kein
Problem, dass die Affaire schon 4 Monate ging und ich mich natürlich
hintergangen fühle, schon eher. Ich vertraue ihr und weiß, daß in dem Urlaub
nichts passiert. Sie hat die Nase von dem anderen gestrichen voll, u.a.
durch seine Indiskretion, die auch mich ärgerte. Ich hätte das nicht wissen
wollen. Nun schwanken (während ihres Urlaubes) meine Gefühle hin- und her.
Jeder Tag den sie weg ist, ist Gift. Sie liebt mich, dessen bin ich mir
sicher und an der Misere bin ich selber auch schuld, da ich ihr zu wenig das
Gefühl gab begehrt zu sein und auch der Sex zu kurz kam. Wir haben nie
vernünftig miteinander über unsere Wünsche geredet. Ich schwanke nun
zwischen Wut, Kälte, Zuneigung, Einsamkeit, Ablehnung, Sehnsucht wie ein
JoJo hin und her und warte nur darauf, dass sie wieder zurückkommt und weiß
nicht, ob ich ihr dann um den Hals fallen kann, oder alles vorbei ist.
Insgesamt ein untragbarer Zustand.
Wir werden viel reden müssen und reinen Tisch machen über unserer Wünsche,
Sehnsüchte und Erwartungen an den anderen. Ich mag uns eine Chance geben und
jetzt richtig mit Perspektive ohne die relative Unverbindlichkeit des letzen
Jahres.
Aber wie bekomme ich diese anarchischen, schwarzen Gedanken unter Kontrolle
die immer wieder hoch kommen? Der Intellekt hat es verarbeitet und
eigentlich kein Problem mehr, das Gefühl erweist sich aber als
unnachgiebiger Folterknecht und ich frage mich, wie ich im Stande sein soll
auch zukünftig ohne starke Eifersucht eine offene und freie Beziehung mit
ihr zu leben?

Hallo,
worunter Sie leiden, ist eine der ältesten und schlimmsten menschlichen Krankheiten. Sie heisst: Liebe. Ich stelle Sie mir als einen eher rationalen, gefühlsscheuen Menschen vor, der eine Beziehung lieber "unverbindlich", "tolerant" und "großzügig" haben will, also emotional nicht unter die Haut gehend. So haben Sie es wohl das letzte Jahr gehalten. Sie haben sich dabei Einiges vorgemacht, nämlich dass es Ihnen nichts weiter ausmacht, dass Ihre Partnerin Geschlechtsverkehr mit einem Anderen hatte, dass Sie mit einem Anderen verreist, usw. Alles Selbstbetrug! In Wirklichkeit sind Sie rasend vor Eifersucht und verzehren sich vor Sehnsucht nach Ihrer heissgeliebten Freundin! Warum haben Sie ihr diese Reise nicht auszureden versucht, ihr nicht gesagt, dass Sie sie vermissen werden, dass Sie es ohne sie nicht aushalten... Jetzt haben Sie Ihr Fett!
Haben Sie ihr schon mitgeteilt, dass Sie sie sehr vermissen? Sind Sie ihr nicht schon nachgereist?
Was ich sagen will ist: Sie sollten emotional mehr aus sich herausgehen und ihre Gefühle nicht länger verstecken. Werden Sie ein echter, emotionalerer Liebhaber. Wenn sie zurückkommt, werfen Sie sich ihr natürlich um den Hals, gar keine Frage!
Nicht Reden, Lieben!
Rät Ihr
Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt