Guten Tag, lieber Herr Schmidt,

Mit großer Freude habe ich Ihre Internet Seite entdeckt, weil ich
mir im Moment sehr viele Gedanken über meinen Sohn (6 Jahre) mache.
Er war schon immer ein sehr vorsichtiges, ja gar ängstliches Kind,
der Dinge, die er als gefährlich betrachtete, erst getan hat, wenn er selber
dazu bereit war. Man konnte ihn nie zu irgend etwas überreden, sich doch zu
überwinden. Am Anfang wollte ich das. Jetzt muß ich sagen, daß ich sehr froh
bin, daß er auch nein sagt, wenn ihn die anderen dafür verspotten. Für mich
und meinen Mann sind das "eigentlich" sehr positive Aspekte, aber die
Ängstlichkeit nimmt nun doch immer mehr Raum ein. Er weint, wenn ich ihn
später vom Kindergarten abhole, obwohl er weiß, daß ich später komme. Er
hat Angst, daß ich ihn vergesse, obwohl das noch nie vorkam.
Es gab letztes Jahr beim Einkaufen einen kleinen Zwischenfall.
Mein Mann hatte ihn im 1. Stock eines Kaufhauses vergessen, fuhr aber sofort
wieder nach oben, um ihn zu holen. Da kam auch schon die Durchsage:
der kleine ... sucht seine Eltern... Er ging also sofort an eine Kasse, um uns
ausrufen zu lassen. Er hat immer gleich eine Lösung parat, aber seit dieser Zeit
kommt es sehr oft vor, daß er weint und Angst hat.
Außerdem ist im Januar meine Mama ganz unerwartet gestorben
und er hat meine Trauer mitbekommen. Wir haben sehr viel darüber gesprochen.
Das muß man sich mal vorstellen. Jetzt ist er gerade mal 6 und redet mit mir, wie ein
Erwachsener. Er macht sich Gedanken über alles und das macht
es ihm auch nicht gerade leichter. Er hat nie direkt um seine Oma geweint- Mir
wäre es manchmal lieber gewesen. Jetzt wo jeder schon mit der
Trauerarbeit angefangen hat, habe ich das Gefühl, daß er jetzt erst begreift, was los ist.
Seine kleine Schwester ist genau das Gegenteil.Auch die Erzieherinnen im Kindergarten haben mich schon auf sein
Verhalten angesprochen.Ich möchte nichts hochbauschen, aber ich möchte es auch nicht
abtun, indem ich sage, er ist halt etwas schüchtern und ängstlich. Ich habe mich auch schon erkundigt. Es gibt bei den jeweiligen Gemeinden sog. Psychologische Beratungsstellen für Familien und Kinder. Sind
solche Stellen in Ordnung, oder sollte man einen speziellen Kinderpsychologen aufsuchen.
Bitte geben Sie mir einen Rat.
Vielen Dank. Karen

Liebe Karen,

vielen Dank für Ihren Brief! Als Erstes zu Ihrer letzten Frage: Solche Beratungsstellen sind auf jeden Fall empfehlenswert. Ich selbst bin Leiter einer solchen Stelle, was soll ich da anderes sagen...! Ich würde eine solche Stelle jederzeit aufsuchen, dort gibt es sehr qualifiziertes Fachpersonal, wie Sie es sonst kaum finden, jedenfalls nicht kostenfrei. "Kinderpsychologen" gibt es sowieso überhaupt nicht, es gibt dagegen Diplompsychologen, Heilpädagogen, Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten...

Als Zweites: Erstgeborene Kinder wie Ihr Sohn sind meistens ängstlicher, vorsichtiger, verantwortungsvoller und zurückhaltender, dabei aber auch oft überlegener als nachgeborene Kinder. Das ist ganz normal und hat seine unbestreitbaren Vorteile. In Ihrem Fall kommt vielleicht noch eine gewisse Überängstlichkeit in Ihrer Erziehung hinzu? Wenn ich Ihren Brief "zwischen den Zeilen" lese, wirkt es jedenfalls so, als seien Sie (und Ihr Mann auch?) etwas zu überängstlich im Umgang mit dem Sohn. Sind Sie (oder/und) Ihr Mann selbst auch solche eher vorsichtigen, sehr einfühlsamen, rücksichtsvollen, sehr verantwortungsvollen und ängstlicheren Menschen? Dann kommt der Sohn auf Sie. Und das wäre doch in Ordnung, nicht wahr? Wenn Sie ihn etwas ermuntern wollen, mehr aus sich herauszugehen, extravertierter, mutiger, "rücksichtsloser" zu werden, dann sollten Sie z.B. daran denken, ihn zu einer sportlichen Betätigung in einem Verein zu verlocken (z.B. in eine Fußballmannschaft geben, wenn er etwas Talent dazu hat). Sehr wichtig ist auch Ihr Mann, sein Vater, falls Sie zu einer gewissen Bemutterung neigen. Dann sollte der Vater einen Ausgleich verschaffen und mit seinem Sohn viel unternehmen, was das Selbstbewusstsein und das Durchsetzungsvermögen stärkt.

Wenn ich mit meinen Vermutungen richtig liege, sollten Sie selbst auch manchmal etwas fordernder und weniger rücksichtsvoll-mitleidsvoll-einfühlsam mit Ihrem Sohn umgehen. Nicht so sanft und vorsichtig. Packen Sie ihn manchmal ruhig etwas härter und konsequenter an, wobei Sie natürlich trotzdem immer freundlich wohlwollend bleiben sollten.

Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

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