Sehr geehrter Herr Schmidt!
Ich, 23, bin seit 2 Jahren verheiratet und habe 2 Kinder (20 und 3
Monate), die ich - und auch mein Mann, 30 - ueber alles liebe.
Ich denke sehr oft an die Zeit zurueck, wo wir noch nicht verheiratet
waren. Da war alles noch so schoen, und er zeigte und sagte mir
auch, dass er mich liebte. Aber langsam bin ich mir nicht mehr so
sicher, ob es wirklich so ist. Ich bin auch schon am Zweifeln, ob
ich ihn ueberhaupt noch liebe, oder ob alles nur mehr Gewohnheit
ist. Ich habe schon oefters mit ihm darueber gesprochen, was wir
tun koennten, um uns wieder naeher zu kommen. Aber all diese
Gespraeche haben bis heute noch nichts genuetzt.
Vor ca. 2 Wochen wollte ich ihn ueberaschen und habe einen
romantischen Abend vorbereitet. Bevor er heimkam, habe ich ein
paar Kerzen angezuendet, habe eine Flasche Wein aufgemacht
und wollte es mir mit ihm richtig gemuetlich machen. Als er dann
ins Wohnzimmer kam, war die erste Meldung: "Haette nicht eine
Kerze auch gereicht?" und schaute mich an, als ob ich den
Verstand verloren haette. Ich war sehr gekraenkt und
hatte ueberhaupt keine Lust mehr auf einen romantischen Abend.
Frueher hat er mich oefters ausgefuehrt und hat mir ab und zu
Blumen gebracht. Wir haben uns vor dem Schlafen im Bett noch
aneinandergekuschelt und geredet bis spaet in die Nacht. Jetzt
hocken wir abends daheim vor dem Fernseher und schweigen uns
an, als ob wir uns nichts mehr zu sagen haetten. Auch mit dem
Ausgehen ist es vorbei, obwohl es kein Problem waere,  denn die
Mutter von meinem Mann wohnt nur ein Stockwerk unter uns und
passt gerne auf unsere beiden Kleinen auf.
Ich wuerde mich sehr freuen, wenn sie mir einen Rat geben
koennten, wie ich bzw. wir dieses Problem loesen koennen.
DANKE!
A.

Liebe A.,
vielen Dank für Ihren Brief! Das klingt ja so, als seien Sie und Ihr
Mann innerhalb kurzer Zeit vom Liebenspaar zum Rentnerehepaar
geworden!  Spaß beiseite, wahrscheinlich ist der Familienalltag mit 2
kleinen Kindern zu plötzlich über Sie und Ihren Mann hereingebrochen.
Sie sind noch recht jung und Ihre Kinder sind recht schnell
aufeinander gekommen, das macht natürlich besonders viel Arbeit und
kostet viel Zuwendung. Der Unterschied zu früher ist natürlich dann
groß. Die ganze Liebe geht derzeit in die Kinder. Die Paarebene
zwischen Ihnen und Ihrem Mann gerät an den Rand. Das frustriert.  Aber
ich rate Ihnen, nicht allzu rasch zu ungeduldig zu werden. Die
Flitterwochen sind eben vorbei. Nun heißt es, den Familienalltag so zu
gestalten, dass sowohl die Kinder als auch das Ehepaar unter dem
Strich auf seine Kosten kommen. In Ihrer Situation ist es aus meiner
Sicht sehr wichtig, gute Bekannte oder Freunde zu haben, die man
einlädt oder zu denen man eingeladen wird. Arrangieren Sie doch
einvernehmlich mit Ihrem Mann solche regelmäßigen Einladungen. Das
muss ja nichts Besonderes sein. Vielleicht kennen Sie ein anderes
Ehepaar etwa in Ihrem Alter, das auch ein oder zwei Kinder hat, mit
dem sie z.B. spazieren gehen, kleine Ausflüge am Wochenende machen
oder abends zu einem kleinen Essen gemütlich zusammenkommen . Kennen
Sie andere Mütter mit kleineren Kindern? Pflegen Sie solche Kontakte,
schließen Sie Freundschaften mit anderen Müttern. Gründen Sie einen
kleinen privaten Spielkreis bei sich zu Hause. Besuchen Sie die
Volkshochschule allein oder mit einer Freundin (Ihr Mann oder Ihre
Schwiegermutter hütet die Kinder), oder engagieren Sie sich in Ihrer
Gemeinde in einem Mütterkreis oder so etwas...Worauf ich hinaus will:
Lassen Sie die Beziehung zu Ihrem Mann etwas reifen dadurch, dass Sie
außer Ihren Kindern und Ihrem Mann noch andere "Beziehungen"
entwickeln. Das schafft Abwechslung und öffnet neue Horizonte, macht
zufriedener, schafft etwas Abstand: alles gute Voraussetzungen, die
Beziehung zu Ihrem Mann (und seine zu Ihnen) aus einer neuen
Perpektive heraus wieder zu beleben. Bedrängen Sie Ihren Mann
inzwischen nicht zu sehr mit Ihrer Unzufriedenheit. Überfordern Sie
sich und ihn nicht. Glück kann man nicht erzwingen. Ich glaube, Sie
beide geben sich wirklich alle Mühe mit Ihrer jungen Familie. Nur
Geduld - und ein paar Freunde bzw. ein paar außerfamiliäre
Bezugspunkte, dann wird es sicher gut gehen!
Davon ist überzeugt Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

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